Ausstellungen

Gundula Schulze Eldowy im Postfuhramt

Gundula_Schulze_EldowyEin brutales Bild. Die Arme des Kindes über dem Kopf fixiert, es soll sich nicht bewegen. Vor den Augen Plastikfolie, es soll nichts sehen. Die Mutter aus dem Zimmer geschickt, es soll nicht um Hilfe rufen. Konzentriert bedient eine hübsche junge Frau die Apparatur. Ihr Gesicht spiegelt sich im blanken Metall. Ein Engel als Folterknecht. Doch der Apparat dient nicht zur Qual, sondern zum Röntgen. Dass das Kind leidet, ein Kollateralschaden. Die Krankenschwester wollte einfach nur schnell fertig werden.  

1987 hat Gundula Schulze Eldowy das Foto aufgenommen. „Die Gesellschaft war damals vollkommen verhärtet und erstarrt“, sagt sie. Also sei sie mit der Kamera losgegangen, um Türen zu öffnen. Nicht zu Privatwohnungen, sondern die zu öffentlichen Institutionen: das Krankenhaus, der Schlachthof, das Stahlwerk, ein DDR-Vorzeigebetrieb. Sie klopfte an – und: „In dieser erstarrten Zeit wurde ich überall reingelassen.“ Ohne Kon­trolle oder Zensur. Fürchterliche Dinge hat sie da erlebt. Ein apfelgroßer Magentumor wurde Stück für Stück ausgebrannt, der Geruch nach verbranntem Fleisch. Sie war bei Schädelöffnungen dabei. Im Kreißsaal hat sie gesehen, wie eine Zangengeburt den Unterleib der Mutter zerriss. Frühgeburten. Totgeburten. „Damals, in der Zeit nach Tschernobyl, war fast keine Geburt normal“, sagt sie. Die atomare Strahlung und die Angst vor ihr waren derart ins Unbewusste und die Bäuche der Frauen gekrochen, dass sie nicht mehr natürlich gebären konnten. Eine Feststellung, keine Erklärung. Die aber klarstellt: Ihre Fotografien sind zwar auf der ersten Ebene sozialkritische Dokumente, aber auf einer weiteren geht es um nicht weniger als die Verfassung der Welt.

Zwei Ebenen überlagern sich, eine zivilisationskritische und eine unmittelbar-emotionale. „Ihre Fotoarbeiten nach Tschernobyl sind indirekt auch ein politisches Statement“, sagt Felix Hoffmann. Und: „Mir läuft es bei einigen ihrer Fotos kalt den Rücken runter.“ Hoffmann ist Chefkurator bei C|O Berlin, wo am 10. Dezember eine große Schau mit Schulze Eldowys von 1977 bis 1990 entstandenen Fotografien eröffnet wird. Im Lehmstedt-Verlag sind gerade drei Bücher von ihr erschienen. Schon seit Ende September läuft eine Ausstellung mit ihren Arbeiten im Kunstraum des Deutschen Bundestags. Die breitflächige Entdeckung ihres singulären Werks hat gerade begonnen.

„Sie geht sehr direkt mit den Menschen um, die sie fotografiert, und legt in ihre Fotos sehr viel von sich rein“, sagt Hoffmann. Mit Fotos, die aus Beziehungen entstehen, nicht aus Beobachtungen, hat Gundula Schulze Endowy angefangen. 1954 in Erfurt geboren, zog sie mit 18 Jahren nach Berlin, ins Scheunenviertel, Rosa-Luxemburg-Straße 3. Berlin hat sie damals als Ruinenlandschaft erfahren. „Ich habe in dieser ganzen Stadt nur Schmerz, Tragik und Kummer gespürt. Das einzig Lustige ging vom Berliner Milieu aus.“

Die_fruehen_JahreVon den durchs Leben gezeichneten kleinen Leuten. Mit Tamerlan, Ulla und Horst, alle viel älter als sie, befreundet sie sich, fotografiert sie. Menschen aus einer anderen Zeit. Bei ihnen spürte sie noch das Berlin der 20er-Jahre, erzählt sie. Damals schon ein Milieu im Untergang. Ihr berühmtestes Foto aus der Zeit zeigt Lothar, nackt auf seinem zerschlissenen Sofa sitzend, die Beine weit gespreizt. Zwei Weltkriege und viel körperliche Arbeit haben seinen Körper ramponiert. Und doch hat er sie gebeten: „Kleine, würdest du ein Aktofoto von mir machen?“ Sie hat es gemacht. Es zeigt den nackten Körper eines ausgemergelten alten Manns. Es zeigt aber auch einen Menschen, für den das Aktfoto nicht ein erotischer Aufhänger ist, sondern ein Akt der Befreiung: Das bin ich.

Individuation. Sie hat an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig Fotografie studiert, doch mit ihrer Arbeit ist Schulze
Eldowy in der DDR auf breite Ablehnung gestoßen. Kein Foto wurde gedruckt. Doch es gab Leute, die sie unterstützten. Theater, Kulturhäuser, Galerien luden sie ein, ihre Fotos in Diashows zu zeigen. Das wurde sehr gut bezahlt. Sie hat immer von ihrer Fotografie gelebt. Drei Ausstellungen hatte sie, immerhin. Eine 1985, da lebte Lothar noch. Er war glücklich, sich nackt an der Wand zu sehen. „Berlin in einer Hundenacht“ und „Tamerlan“ heißen diese in Berlin entstandenen Schwarz-Weiß-Zyklen, aus denen ein Teil der 120 bei C|O gezeigten Arbeiten stammen.

Die anderen gehören zu „Der große und der kleine Schritt“, alle in Dresden entstanden und in Farbe. 1985 hatte Schulze Eldowy den berühmten amerikanischen Fotografen Robert Frank kennengelernt und war so ins Visier der Stasi geraten. Viele ihrer Freunde gingen damals in den Westen. Sie aber ging 1986 nach Dresden, wo bis 1990 unter anderem die Krankenhausbilder entstanden. „Ich weiß nicht, warum ich das gemacht habe, aber die Entscheidung war genau richtig“, sagt sie.

Die_fruehen_JahreIntuition ist ein wichtiges Wort, wenn sie über ihre Arbeit spricht. „Ich verwachse mit dem Sujet, bin eins. Da entsteht eine Synchronisation.“ Sie hatte das völlig verhärtete System der DDR und die Totgeburten im Kreißsaal ausgehalten, um den Zustand der Gesellschaft in ihren Fotografien zu zeigen. Als die Mauer fiel und alle Welt nach Berlin blickte, weil dort ein Aufbruch begann, war die Stadt für sie uninteressant geworden. „Ich bin bewusst durch diese Starre gegangen, was sollte ich noch hier?“ Sie zog 1990 nach New York, dann nach Ägypten, heute lebt sie vor allem in Peru.

Sie war ein wildes, von Mutter und Großmutter innig geliebtes Kind. Trotzdem sagte ihre Oma, als sie 1982 nach Berlin ging, zu ihr: „Geh und dreh dich nicht um.“ Gundula Schulze Eldowy hat nie zurückgeblickt. Aber wir können unsere Vergangenheit in ihren Fotografien klarer sehen.

Text: Stefanie Dörre

Gundula Schulze Eldowy. Die frühen Jahre C|O Berlin, Postfuhramt, Oranienburger Straße 35/36, Mitte, tgl. 11–20 Uhr, 10.12.–26.2.2012

Mehr über Cookies erfahren