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Günter Brus im Martin-Gropius-Bau

Günter Brus im Martin-Gropius-Bau

Ach, ihr Wiener zeichnet noch!“ Mit dieser Bemerkung fertigte einst der Galerist Julius Springer einen jungen Österreicher ab, der nach einem Skandal in der Heimat ins Exil ging, und in der Mauerstadt seine Werke feilbot. Die Anekdote findet sich so in den Erinnerungen von Günter Brus an „Das gute alte West-Berlin“ – er meint übrigens möglicherweise den legendären Kunsthändler Rudolf Springer.
Der Grund für seine Flucht nach Berlin war die sogenannte „Uniferkelei“, ein Auftritt der österreichischen Aktionskünstler im Neuen Institutsgebäude der Universität Wien 1968, in dessen Verlauf öffentlich defäziert und onaniert wurde. Dazu wurde die österreichische Bundeshymne gesungen, worin wohl der eigentliche Skandal bestand. Neben Günter Brus waren noch Otto Mühl, Peter Weibel und Oswald Wiener an dieser „Materialaktion“ beteiligt, die so etwas wie eine Bilanz der künstlerischen Strategien darstellte, die die Wiener Aktionisten in den sechziger Jahren entwickelt hatten.
Günter Brus fand dafür später ein sehr passendes Wort: Er sprach von „Super Van-Goghismus“. In diesem ironischen Verweis steckt ein Hinweis auf die begrenzten Möglichkeiten der transgressiven Kunst. Man kann sich nicht beliebig Ohren abschneiden, auch nicht bloß so tun. Entweder diese Kunst geht mit der „Selbstverstümmelung“ (so heißt eine der Arbeiten von Brus aus dem Jahr 1965) bis zum Ende, oder sie hält im richtigen Moment inne, und entscheidet sich für ein Lebenswerk.
Rudolf Schwarzkogler, ebenfalls Aktionist, starb 1969, während Günter Brus sich damals dem Zeichnen zuwandte, und seither höchst produktiv weitergearbeitet hat, sodass der Gropiusbau ihm nun eine Retrospektive widmen kann.
„Störungszonen“ wird unweigerlich multimedial angelegt sein, weil die Materialaktionen vor allem filmisch überliefert wurden, in Arbeiten zum Beispiel von Kurt Kren, die auch in der Geschichte des Experimentalkinos zu Recht große Bedeutung haben. Und Brus hat sich danach in viele verschiedene Richtungen hin ausprobiert. 1971 veröffentlichte er „Der Irrwisch“, ein literarisches Werk mit Zeichnungen, das man durchaus als „graphic novel“ bezeichnen kann, und mit dem er ein erstes Exempel für die „Bild-Dichtungen“ schuf, an denen er seither arbeitet.
Das Zeichnen wurde für ihn zu einer Strategie, die es ihm erlaubte, zum weißen Blatt Papier zurückzukehren, nachdem er die Möglichkeiten der Leinwand des Körpers erschöpfend ausprobiert hatte. Auch die Freundschaftsbilder, denen der Gropiusbau in „Störungszonen“ ein eigenes Kapitel widmet, sind gezeichnet und entlasten damit das Genre des Künstlerporträts, indem sie daraus eine beiläufige Form werden lassen, intime Schnappschüsse eher als repräsentative Darstellungen.
Die Wiener Aktionisten von damals sind in die unterschiedlichsten Richtungen gegangen. Otto Mühl wurde als despotischer Leiter einer Kommune zum Sexualverbrecher, Peter Weibel unterhält die Welt als rastloser Theoretiker, Hermann Nitsch hat ein Schloss. Von Günter Brus gibt es bald 70.000 Seiten mit Zeichnungen. Die Destruktivität in seinen frühen Arbeiten war nicht Pose, kam aber auch nicht aus seinem Innersten. Sie war eben Kunst, die ihm half, „Störungszonen“ zu bestehen. Im Exil kam er zu sich. Das Buch „Das gute alte West-Berlin“ ist übrigens noch lieferbar, und sehr lesenswert.

Text: Bert Rebhandl

Foto: BRUSEUM / Günter Brus, Foto: Ludwig Hoffenreich

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 12.3.–6.6., Eintritt 10/7 Euro, bis 16 Jahre frei

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