• Kultur
  • Ausstellungen
  • „Gute Geschäfte – Kunsthandel in Berlin 1933–1945“ in der Neuen Synagoge

Ausstellungen

„Gute Geschäfte – Kunsthandel in Berlin 1933–1945“ in der Neuen Synagoge

Cassirer_MusikzimmerAuf dem Rand des Brunnens Ecke Kurfürstendamm und Leibnizstraße sitzen sechs Schwanenküken, unter ihnen sprudelt das Wasser in die Muschelkalkschale. Der Bezirk Charlottenburg ließ den von August Gaul geschaffenen Jungschwanenbrunnen Anfang der 60er-Jahre aufstellen. Dass er einmal im Garten des jüdischen Sammlers Max Cassirer stand, der von den Nazis enteignet und mit über ­80 Jahren ins Exil getrieben wurde, wissen die wenigsten. Ginge es nach Christine Fischer-Defoy, wäre hier längst ein Schild angebracht, das die Geschichte des Brunnens erzählt. Fischer-Defoy ist Kunsthistorikerin und Vorsitzende des Vereins „Aktives Museum – Faschismus und Widerstand in Berlin“. Sie arbeitet seit vielen Jahren in Präsentationen, Publikationen und Filmen die Nazizeit auf, gerade kuratiert sie die Ausstellung „Gute Geschäfte“, die vom Kunsthandel in Berlin zwischen 1933 und 1945 erzählen wird.

Am Morgen unseres Gesprächs enthüllt sie an der Hofeinfahrt zum Viktoriaspeicher, an der Köpenicker Straße 24, eine erneuerte Gedenktafel, die alte war von der Witterung zerstört. Die Lastwagen donnern vorbei, es regnet, eine Handvoll Interessierter hat sich eingefunden. Erinnerungsarbeit ist unschätzbar wichtig. Glamourös ist sie selten. Von 1937 bis 1939 hatten die Nazis hier in Kreuzberg ihr Depot für „Entartete Kunst“, für die aus etlichen Museen zusammengeplünderten Werke der künstlerischen Moderne. Andreas Hüneke von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität hält eine Rede, er zitiert den Satz aus Goebbels‘ Tagebüchern: „Kein Bild findet Gnade“, und dann erzählt er, wie im März 1939 das Lager geräumt und der „unverwertbare Rest“ verfeuert wurde. Im Gegensatz zur Bücherverbrennung ist das kaum im Bewusstsein.

Überhaupt ist der Kunsthandel und -raub zur Zeit der Nazidiktatur ein vergleichsweise wenig aufgearbeitetes Feld. Umso größer das Verdienst der Ausstellung, die das Aktive Museum ab 10. April zeigt. „Gute Geschäfte“ – der Titel ist bewusst ambivalent gewählt, er lässt an altehrwürdige Läden und satten Reibach gleichermaßen denken. Zu Recht nennt Fischer-Defoy es einen spannenden Aspekt, dass es in der Branche jener Zeit natürlich zum einen die Opfer gab, die enteignet oder „arisiert“ wurden, aber eben auch die Täter, jene Kunsthändler und Auktionshäuser, „die massiv davon profitiert haben“ und von denen kaum je die Rede war.

Die wenigsten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg belangt und mittlerweile lebt keiner mehr. Viele Raub-Werke von damals sind außerdem verschollen oder über so viele Stationen gehandelt worden, dass ihre Herkunft heute kaum mehr nachzuvollziehen ist. Das macht die Nachforschungen so schwierig. „Es ist allerdings auch 50 Jahre nicht versucht worden“, so Fischer-Defoy, „die großen Museen in Berlin haben jetzt erst begonnen, sich mit der Provenienzforschung zu beschäftigen.“ Was öffentlichkeitswirksam durch den Restitutionsstreit um das Ludwig-Kirchner-Gemälde „Berliner Straßenszene“ angestoßen wurde.

Die Ausstellung erzählt, vorwiegend auf illustrierten Texttafeln, 14 exemplarische Geschichten. Von bekannten und weniger bekannten Galerien, von jüdischen Verfolgten und solchen, die wegen des Handels mit moderner Kunst verfemt wurden, von enteigneten Sammlern und skrupellosen Hehlern. Es ergibt sich ein detailliertes und in vielem auch überraschendes Bild des Kunsthandels jener Zeit. Er begann in den 20er-Jahren in Berlin zu erblühen, vor allem im Carrй um das heutige Kulturforum, Lützowufer, Schöneberger Ufer, Tiergarten- und Potsdamer Straße. Dort wo sich heute wieder Galerien ansiedeln. Die Stadt war Anziehungspunkt, beispielsweise für Händler aus dem Rheinland, die sich hier einen Namen machten, Alfred Flechtheim (Foto) oder die Brüder Karl und Josef Nierendorf.

Flechtheim_ParisEtwa 800 Galerien, Auktionshäuser und Kunsthandlungen existierten Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre in Berlin. Etwas mehr als ein Drittel davon waren jüdische Geschäfte, das lässt sich anhand der Ausschlüsse aus der Reichskulturkammer wegen „rassischer Gründe“ nachvollziehen, in der die Händler Mitglied sein mussten. Manche der jüdischen Geschäfte wurden liquidiert, manche in den Ruin getrieben durch die „Reichsfluchtsteuer“ und die „Juden-Vermögensabgabe“, andere Händler emigrierten und übergaben an „arische“ Partner. Ende 1938 war der Kunsthandel in Berlin vollständig in nichtjüdischer Hand.

Allerdings, erzählt Kuratorin Fischer-Defoy, gab es auch Sonderfälle. Paul Graupe etwa, der sein Geschäft in einer Villa in der Tiergartenstraße betrieb, hatte eine Ausnahmegenehmigung und verkaufte als bedeutender Händler und somit Devisenbringer sogar arisierte Sammlungen, bis er 1938 schließlich selbst emigrierte. Die Nazis, sagt Fischer-Defoy, hätten auch einige Galeristen im Exil ihr Geschäft mit Werken aus Deutschland weiterbetreiben lassen – gegen Rückfuhr von Barem. So wie sie vier Händler, drei von ihnen aus Berlin, ausgewählt hatten, die Bilder aus dem Depot der „Entarteten Kunst“ ins Ausland verkauften. Es ging nicht um moderne Malerei versus alte Meister, sondern einzig ums Geld.

Zehn Prozent Provision kassierte Auktionator Leo Spik für Zwangsversteigerungen von „nichtarischem Besitz“. Ein Profiteur, dessen Geschichte Kaspar Nürnberg nachgezeichnet hat, Geschäftsführer des Aktiven Museums. Das Auktionshaus Spik existiert noch heute am Kurfürstendamm. Der Gründer brachte Hunderte Interieurs und Kunstgegenstände unter den Hammer, vieles verschwand auf Nimmerwiedersehen. Der Berliner Unternehmer Max Cassirer bewies Weitblick. Er ließ die Sammlung in seiner Villa, aus der die Nazis ihn vertrieben, Wand für Wand abfotografieren (Foto oben). Die Fotos fanden sich in seiner Entschädigungsakte im Landesarchiv, den Antrag hatten die Nachkommen gestellt, fast jedes Kunstwerk darauf lässt sich identifizieren. Caroline Flick aus der Arbeitsgruppe der Schau hat in geradezu kriminalistischer Akribie den Verkauf der Cassirer-Habe dokumentiert.

Zwei Leihgaben vom Berliner Amt für Offene Vermögensfragen haben sie in der Ausstellung, worüber Christine Fischer-Defoy sich besonders freut. Eine ist ein Ölbild von Anton Graff, es heißt „Bildnis eines Kavaliers mit Degen am Tisch sitzend“ und sucht bis heute seinen Besitzer. „Vielleicht meldet sich ja jemand und sagt: Das hing doch bei meinen Großeltern an der Wand.“

Text: Patrick Wildermann

Foto: Landesarchiv Berlin

Gute Geschäfte – Kunsthandel in Berlin 1933–1945 Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30, Mitte, So+Mo 10-20 Uhr, Di-Do 10-18 Uhr, Fr 10-17 Uhr, 10.4.–31.7.

Mehr über Cookies erfahren