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Hanns Zischler: „Nach der Natur“

Hanns_Zischler_Fels_will_zurueck_ins_Meer_c_HannsZischler_Auflage5Der Fels will zurück ins Meer. So sieht es aus. Es ist diese faszinierende Eigenart der Lochbildkamera, Camera obscura, Urform jeglicher Fotoapparate, dass sie sich den Zeitenlauf Untertan macht. Dass sie Bewegung nicht einfriert, sondern mitnimmt. Bis über Sekunden getaktete Momente zu einem sinnlichen Gesamtereignis ineinanderfließen. Zum Beispiel diese in die See hinausragenden Felszehen: das Wasser wellenlos wie flüssiges Blei, über dem sich ein diffuser Himmel wölbt – eine beständige Wahrnehmungsverwirrung. Und das bereits ohne diesen wundersamen Titel, den Hanns Zischler seinem Bild auch noch mitgegeben hat. Eben: „Fels will zurück ins Meer“.

Es ist ein früher Montagnachmittag in der Auguststraße, Mittes Kunstmeile, kurz vor der Ecke zur Tucholskystraße. Als der Schauspieler Hanns Zischler – gebürtiger Franke, knapp 66, aber seit mehr als 40 Jahren Berliner – die ebenerdigen Räume der Alfred Ehrhardt Stiftung betritt, greift er zuerst auf dem Tisch nach dem Begleitbuch für seine am 24. Mai startende Ausstellung „Nach der Natur (camera obscura)“, frisch aus dem Druck, mit zwei Dutzend seiner Lochkamerafotos. Er schlägt es auf, blättert kurz darin. Eine Ahnung von Hagebutten an der Isar, ein verwunschener Wassergraben, eine sich vor dem Zugfenster gleichsam auflösende italienische Landschaft, das Fels-Meer-Bild. Zischler klappt das Buch wieder zu. Er sieht sehr zufrieden aus. Fast heiter.

Später holt er aus einer kleinen Tasche einen eckigen Holzkasten mit Loch hervor, den ein Laie womöglich für ein schnödes Vogelhäuschen halten könnte: seine englische Rigby Pinhole Camera, von der er zwei besitzt, seit ungefähr 20 Jahren. Das Prinzip der Camera obscura: denkbar einfach. Uralt dazu. Vorn das Loch („pine­hole“), verschließbar, einer Eins-zu-166-Blende entsprechend. Einen Sucher gibt es nicht. Ein Stativ ist Pflicht. Die Belichtung braucht mehrere Minuten. Was sich schnell bewegt, verschwindet dabei. Langsames bleibt schleierhaft. Die Motivwahl verlangt Geduld und Erfahrung. „Lochbild zwingt mich, mir Zeit zu nehmen“, sagt Zischler.

Hanns_Zischler_Das_Blitzen_der_Blueten_c_HannsZischler_Auflage5Dass Zischlers zwischen 1999 und 2012 entstandene Naturbildnisse in expressiven, geradezu rauschhaften Farben schwelgen, hat allerdings mit einer Technik zu tun, die dramatisch weniger betagt ist als die Camera obscura: Scannen. 2008 wurden seine „Lichtbilder“ in Köln ausgestellt. Danach holte der Pariser Lithografiedrucker Franck Bordas mit einem Hochleistungsscanner aus den Farbnegativen verborgene Farbtonwerte ans Licht. Der Berliner Drucker Thomas Ladenburger vertiefte diesen Prozess weiter.

Zischler sagt: „So gelingt es, aus der Latenz des Bildes eine leuchtende Manifestation des Chromatischen zutage zu fördern.“ Einem „FAZ“-Autor hat Hanns Zischler mal diktiert, Fotografie sei „das einzige Medium, das ich wirklich beherrsche“. Man könnte diesen Satz leicht unter Koketterieverdacht stellen, Zischler wehrt das natürlich umgehend ab. Aber schließlich hat er seit 1967 nicht nur mit sehr vielen wichtigen Regisseuren gedreht – Wenders,  Godard, Chabrol, Spielberg – und mit seinem sonoren Timbre jede Menge Hörbücher besprochen. Seine sich weit verzweigenden Interessen produzieren auch in beachtlicher Fülle literarisch wie thematisch herausfordernde Bücher (vor Jahren schrieb er auch mal für den tip). Zischler macht, so scheint es zumindest, viel nebeneinander. Aber nichts nebenbei.

Hanns_Zischler_Selbstportrait_bei_ruhiger_See_c_HannsZischler_Auflage5So schrieb er, der übrigens keines seiner Studienfächer – Philosophie, Ethnologie, Musikwissenschaften, Germanistik – amtlich abgeschlossen hat, Bücher über die Ursprünge von Joyces „Ulysses“ (mit der schwedischen Literaturwissenschaftlerin Sara Danius) und einen Überseekoffer voller Schmetterlinge, Zufallsfund im Naturkundemuseum-Archiv (filigran illustriert von der Berliner Grafikerin Hanna Zeckau). Außerdem ist Zischler Kleinverleger mit seinem Alpheus-Verlag, Derrida- und Godard-Übersetzer, Forscher. Sammler auch noch. Zum Beispiel von Orangenpapier: transparentes, motivreich bedrucktes Papier, mit dem Orangen zum Kistentransport umhüllt werden. Oder auch von skizzierten Wegbeschreibungen (in Marbach gab es 2008 eine Ausstellung mit dem groß aufspielenden Titel „I wouldn’t start from here“).

Sein Werk „Kafka geht ins Kino“ (1995) wurde vom französischen Kritikerverband als bestes nicht-französisches Buch über Kino geehrt. Zum Preis der Literaturhäuser 2013, den er jetzt erhielt, hält am 29. Mai im Literaturhaus in der Fasanenstraße „FAZ“-Kritiker Andreas Platthaus die Laudatio. – Herr Zischler, woher weiß ein Autodidakt überhaupt immer genau, was er tut? Da lacht Zischler auf: „Er weiß es nicht. Er kann sich auch irren.“ Dann sagt er fast bedächtig: „Ich habe eine Leidenschaft für einen Gegenstand. Den entwickle ich. Dann muss ich sehen, was davon mitteilenswert ist.“ In Archiven oder Bibliotheken hilft es dazu beim thematischen Arbeiten, bis zum gewissen Maß Abzweigungen nach links und rechts auszuloten. „Die Dinge appellieren an mich“, wie Zischler es formuliert. „Es geht darum: Was nehme ich auf? Und dann: Was bewirkt der Impuls?“ Zischler, der in Westend wohnt, besitzt kein Auto, fährt viel Fahrrad, ist auch überzeugter S-Bahn-Nutzer. Vor allem aber liebt er es, durch die Stadt zu gehen, im Wortsinne sehenden Auges. Man sollte ihn aber besser nicht „Flaneur“ nennen. „Ich lasse mich nicht einfach treiben“, sagt Zischler. „Ich gehe an jene Orte, die mich interessieren.“

Hanns_zischler20120521_0479_c_JenniferFeySein im Frühjahr erschienener Essayband „Berlin ist zu groß für Berlin“ zeugt davon, voller meinungsstarker, kenntnisreicher und immer wieder klug abschweifender Exkurse in Stadtarchitektur und Siedlungsgeschichte. Auf dem aus Kriegstrümmern aufgetürmten Teufelsberg mit der verrottenden Abhörstation der Alliierten sinniert er über einen monströsen Nazi-Rohbau, der tief darunter  liegt, der „Wehrtechnischen Fakultät“. Wenn es nach ihm ginge, hätte man zum Beispiel das Olympiastadion längst in „Jesse-Owens-Stadion“ umbenannt. Das hat er kurz nach der Wende schon mal eben dort mit Jean-Luc Godard diskutiert und vor ein paar Jahren, während der Dreharbeiten zu Steven Spielbergs „Munich“, auch mit Daniel Craig. Oder er verzweifelt an der „Abrisssucht“ Berliner Stadtplaner, bei denen sich, glaubt man Zischler, allzu häufig nicht jene Leute mit dem größten Talent durchgesetzt hätten. Es ist ja beileibe nicht so, dass Zischler an Berlin leiden würde. „Ich lasse mich von der Stadt nur immer gern provozieren“, sagt er.

Vor mehr als 30 Jahren, in Rudolf Thomes „Berlin Chamissoplatz“, spielte Zischler einen Architeken, der ein Haus sanieren soll und sich Bewohnern gegenübersieht, die steigende Mieten fürchten. Ein Film, der die Gentrifizierungsdebatte führt, bevor es das Wort dazu gab. Mit dem Drehbuchautor, Jochen Brunow, würde Zischler zu gern eine Fortsetzung versuchen (Thome sei nicht dafür zu begeistern): „Die Konflikte der Stadtentwicklung, um die es damals schon ging, haben ein neues Niveau erreicht.“ Mit der Schauspielerin Sabine Bach ließe sich auch die Filmliebesgeschichte weitererzählen. „An dem Projekt bin ich sehr interessiert, das können Sie gern vermerken“, sagt Zischler. „Entschuldigen Sie bitte die PR-Aktion.“ Ach, gern geschehen.

Text: Erik Heier

Fotos: Hanns Zischler, Auflage: 5, Porträt: Jennifer Fey

Hanns Zischler: „Nach der Natur“ Alfred Ehrhardt Stiftung, Auguststraße 75, Mitte, Sa 25.5.–So 30.6., Di+Mi 11–18, Do 11–21, Fr–So 11–18 Uhr

Hanns Zischler: „Berlin ist zu gross für Berlin“ Galiani Verlag, 180 Seiten, 24,99 Ђ

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