Fotografie

Harf Zimmermann bei C/O Berlin

Die halbgute alte Zeit: Mit seiner Porträtserie aus der Hufelandstaße führt ­der Fotograf Harf Zimmermann auf eine Zeitreise ins ­Ostberlin der 1980er-Jahre

Foto: Harf Zimmermann

In einer Querstraße der Hufelandstraße hat der 1955 in Dresden geborene Harf Zimmermann sein Fotoatelier, ein Viertel in Prenzlauer Berg, das heute geradezu strotzt mit aufwendig sanierten Gründerzeithäusern. Gerade erklärt er einem seiner Söhne etwas am PC. An der Kaffeemaschine wird noch eine Tasse gebrüht, bevor sich der immer noch jugendlich wirkende Fotograf mit den langen, von Grau durchzogenen blonden Haaren und dem legeren Outfit zum Gespräch hinsetzt.

Harf Zimmermann hat für seine Abschlussarbeit an der HGB Leipzig als Meisterschüler von Arno Fischer 1986 ein Jahr lang seinen damaligen Kiez, die Hufelandstraße, fotografiert, die zu jener Zeit mit ihrer bunt gemischten Anwohnerschaft etwas Besonderes war. Er hat sie fast alle vor seine Kamera bekommen, die Frauen von der Gardinenspannerei, den Klavierlehrer mit der ehemaligen Schülerin vorm selbst angelegten Beet im Hinterhof, die Belegschaft diverser Handwerksbetriebe und der Kneipe, in der das Helle 23 Pfennig kostete, die Musiker, Parteifunktionäre, Schauspieler. Und eine Gruppe Edelpunks mit selbst geschneiderten Klamotten und heißen Frisuren. Sie blicken selbstbewusst, ja trotzig in die Kamera, ihr Auftreten stellte in den 1980ern im Osten die reine Provokation dar.

In der C/O Berlin-Galerie führt Zimmermann mit rund 90 Fotos auf die Zeitreise ins Jahr 1986 und zeigt eine Gesellschaft, die es nicht mehr gibt, in einer Straße, die sich inzwischen vollkommen verändert hat. Beim Blick auf die Fotos mit bröckelnden Fassaden riecht man förmlich den Rauch der Kohleöfen in der Luft. Glatte Fassaden interessieren ihn nicht, so der Fotograf, er möchte Oberflächen zeigen, hinter denen der alte Glanz zu erahnen ist.

Harf Zimmermann, Mitbegründer der Fotoagentur Ostkreuz, in der er zehn Jahre gearbeitet hat, veröffentlichte seine Fotos in Magazinen wie „GEO“, „Stern“, „Die Zeit“, „The New York Times“ und „New Yorker“. Er fotografiert marode Brandwände, rostige Maschinen, Szenerien des Alltäglichen mit all den kleinen Dingen, die Geschichten erzählen, aber ebenso auch eindrucksvolle Panoramalandschaften. Seine Bilder sind leise, aber von atemberaubender Atmosphäre.

Von seinem Professor Arno Fischer habe er vor allen Dingen gelernt, auf die kleinen Dinge zu achten, die Menschen ausmachen. Doch während Fischer sich mit seiner kleinen Leica unauffällig unter die Leute mischte, gehört zur Fotografie seines ehemaligen Schülers die Inszenierung. „Diese großen Kameras machen einfach andere Bilder“, sagt Zimmermann. „Das ganze Verfahren, das damit zusammenhängt, ist etwas völlig anderes: Es muss eingerichtet werden, dann kommt die Kassette mit dem Film rein, die Konzentration auf den Moment. “
Kaum nötig zu erwähnen, dass Harf Zimmermann sich nicht für Digitalfotografie interessiert. Auch wenn das Beschaffen des notwendigen Materials für seine analoge Fotokunst immer schwieriger wird. „Als ich mich nach zehn Jahren mal wieder mit Schwarzweiß-Fotografie beschäftigt habe, war der erste Schock, was alles nicht mehr hergestellt wird“, erzählt Zimmermann. „Der zweite Schock war, wie viel das, was es noch gibt, kostet. Da kriegt man dann in der Dunkelkammer schon feuchte Finger. Wenn du das jetzt versemmelst …“

Harf Zimmermann. Hufelandstraße C/O Berlin, Amerika Haus, Hardenbergstr. 22–24, Charlottenburg, tgl. 11–20 Uhr, bis 2.7.

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