Ausstellungen

„Haus-Rucker-Co – Architekturutopie Reloaded“ im Haus am Waldsee

Vor ein paar Jahren gab es einmal einen gesellschaftlichen Trend, der es nicht allzu weit brachte: Cocooning stand für eine neue Privatheit, für Kuschelstimmung und Abkehr von der Politik. Das schnelle Kommen und Gehen solcher Begriffe scheint inzwischen ganz normal. Bis man auf ein Projekt der Wiener Architektengruppe Haus-Rucker-Co aus dem Jahr 1971 stößt, bei dem konkret zu sehen war, was ein Kokon ist: eine Blase. Gedacht war „The Cocoon“ für die Ecke Broadway und 72. Straße in New York, und wäre diese Idee jemals realisiert worden, es wäre ein spektakuläres Ereignis geworden. Aber so ist es eben mit jener Architektur, die an der Grenze zur Kunst agiert: Sie kommt oft über Entwürfe nicht hi­naus, will dies nicht einmal, sondern will durch radikale Visionen den Betrieb aus den Routinen reißen.
1967 gründeten drei junge Männer in Wien die Gruppe Haus-Rucker-Co: Die Architekten Laurids Ortner und Günter Zamp Kelp und der Maler Klaus Pinter. Ihre Zusammenarbeit zählt heute zum Kanon einer utopischen Architektur, und so ruft nun auch eine Schau im Haus am Waldsee in Erinnerung, wie sehr sich der Geist der Zeit seit 1967 verändert hat: „Haus-Rucker-Co. Architekturutopie reloaded“ verdankt sich vor allem der Tatsache, dass sich ein großer Teil des Archivs von Haus-Rucker-Co in Berlin befindet – weil Zamp Kelp hier lebt und arbeitet.
In der stürmischen frühen Phase der Gruppe war Bewusstseinserweiterung eine Parole, die in diesem Fall nicht durch Drogen, sondern durch Pläne umgesetzt wurde. Haus-Rucker-Co, die sich nach einer Landschaft in Oberösterreich benannten, die mit ihrem Namen aber auch auf die „Verrucktheit“ anspielten, die manchmal klüger ist als fade Rationalität, waren in ihren ersten Jahren offensichtlich von Science-Fiction beeinflusst.
Die „Environment Transformers“, mit denen sie sich 1968 fotografieren ließen, sind Vorläufer der heutigen Datenhelme, mit denen virtuelle Umgebungen kommuniziert werden. Die Schnittstellen, an denen sie damals vor allem bastelten, lagen entweder direkt an der Sinnesschwelle zum Bewusstsein oder sie entwarfen eben Blasen, in denen die geläufige Differenzierung zwischen innen und außen (also das Hauptgebiet der Architektur) durchsichtig wurde. Der „Ballon für zwei“ verwirklichte 1967 in einer Straße im sechsten Wiener Bezirk, was später immer wieder als Motiv auftauchte.
Eine Reihe der wichtigsten Projekte von Haus-Rucker-Co fand in Museen statt, vor allem das „Giant Billard“, eine begehbare Riesenskulptur in Form einer aufblasbaren Matratze im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien, die später in New York wiederholt wurde. Es folgten Einladungen zur documenta, wobei sie 1972 an der Hauptfassade des Fridericianums in Kassel eine transparente Kugel anbrachten, die neuerlich das Blasenmotiv aufgriff. 1987 erwies sich ihr Beitrag zum „Idealen Museum“ bei der documenta 8 als stärker der klassischen Kubatur verhaftet.
1992 löste sich die Gruppe auf und legte damit die Grundlage für Architektur im strengeren Sinn: „Richtig angefangen zu bauen haben wir erst, als wir auseinandergegangen sind“, sagt Zamp Kelp. Die Gruppe war wohl auch eine Blase, die gesprengt werden musste.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Haus-Rucker-Co / Gerald Zugmann

Haus am Waldsee
Argentinische Allee 30, Zehlendorf, ?Di–So 11–18 Uhr, 22.11.–22.2.2015

Mehr über Cookies erfahren