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Hauswände statt Leinwände

Norbert Martins / Gert NeuhausDie Freuden des diesseitigen Lebens an Fassaden zu pinseln, sollte bei den Etruskern die Aussichten auf ein erfreuliches Jenseits fördern. An Kirchenwänden wurde in romanischen Zeiten den Leseunkundigen mit bib­lischen Darstellungen das Evangelium nähergebracht. Leonardo da Vinci verewigte das „Letzte Abendmahl“ an der Wand der Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie in Mailand. Im 20. Jahrhundert hatten ideologisch aufgeheizte Wandmalereien in Deutschland – und zwar in Ost wie West – besonders in den 1970er-Jahren Hochkonjunktur, inspiriert durch die mexikanischen Muralistas. Walter Womackas sozialrealistische Fassadenzierde von 1964 am Haus des Lehrers am Alexan­derplatz zeigt im Vergleich mit dem gerade neu entstandenen Wandbild Christian Awes gegenüber der ehemaligen Stasizentrale in Lichtenberg besonders deutlich den Wandel der Zeit im Ostteil der Stadt.

Im Westen malte der Baumpate Ben Wagin 1975 einen von Umweltgiften gemarterten Baum an die Brandwand im Siegmunds Hof 21 Nähe S-Bahnhof Tiergarten und sollte damit eine wahre Flut von Wandmalerei, Harmloses und Kritisches, im Westberliner Stadtraum in Gang setzen. Wandbilder in Kirchen werden noch heute aufwendig restauriert. Solche Wertschätzung genießen die bemalten Giebel des 19. bis 21. Jahrhunderts nicht. Das Wandbild „Verschnürungen“ von Gert Neuhaus, nicht nur für Neuköllner vierzehn Jahre lang ein origineller Orientierungspunkt im Kiez an der Karl-Marx-Straße gegenüber dem Rathaus, wurde 1998 mit dem ganzen bemalten Gebäude dem Erdboden gleichgemacht.

Welch ein Glück, dass es Idealisten mit Sammeleifer gibt, die sich auf die Dokumentierung solcher Kunstwerke spezialisiert haben. Norbert Martins recherchiert und fotografiert Berliner Wandbilder seit den 1970er-Jahren und dokumentiert Neues, Verblichenes wie Zerstörtes, um es für die Nachwelt zu erhalten. Insgesamt über 700 Werke hat er auf seiner Homepage gesammelt und mit einer Auswahl davon ein Buch herausgebracht. Werner Brunner, der das informative Vorwort für Martins’ Buch schrieb und in Berlin und anderen europäischen Städten Fassaden, Entrees und Hinterhöfe nach Wandmalerei der Gründerzeit für sein Buch „Wandbilder der Belle Йpoque“ absuchte, bemalte selbst mit der „Gruppe Ratgeb“ zahlreiche Berliner Fassaden.

Text: Constanze Suhr

Foto: Norbert Martins / Gert Neuhaus

Hauswände statt Leinwände Norbert & Melanie Martins, Berlin 2012, www.norbert-martins-wandbilder-berlin.de, www.wandbilder-berlin.de

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