Ausstellungen

„Heimatkunde“ im Jüdischen Museum

darkforest_c_Julian_RosefeldtVor gar nicht so langer Zeit gab es in deutschen Volksschulen ein Fach, das „Heimatkunde“ hieß. Da wurde dann mit Bindfäden im Atlas vermessen, wie weit das nächste Keramikmuseum im Westerwald entfernt lag. Heute nun widmet sich das Jüdische Museum aus Anlass seines 10. Geburtstags diesem nur scheinbar angestaubten Kapitel und fragt 30 deutsche und nichtdeutsche Künstler, wie sie ihr Geburts- oder Wahlland sehen.

Auffallend im Spektrum der Arbeiten ist die Dominanz des Waldes, der offenbar vielen als erstes in den Sinn kommt. Köstlich ist Julian Rosefeldts triptychonartiger Film „Meine Heimat ist ein düsteres wolkenverhangenes Land“, in dem sich singende Germanen, demonstrierende Naturschützer, ein Bläserensemble, Mountainbiker, Rotkäppchen und der Wolf ein Stelldichein geben. Doch plötzlich haut der Wolf ab und erobert sich sein Terrain zurück: den deutschen Wald. Doch der ist keineswegs mehr Pure Nature, vielmehr füttert ein campender Motorradrocker als Caspar-David-Friedrich-Figur das ausgewilderte Tier mit einem soeben am Tischgrill bereiteten Würstchen. Canettis luzide Erkenntnis, dass der Inbegriff des Deutschen das „Heer“ sei, nämlich der „marschierende Wald“, setzt Rosefeldt um in Form eines Open-Air-Konzerts in einer deutschen Modelleisenbahnlandschaft. Via Lewandowsky und Durs Grünbein sinnieren in ihrer Arbeit „Windhauch Windhauch“ über die Widrigkeiten des nervtötenden Wartens, unterströmt vom Fliegensummen und Brotauspacken als höchster Stufe dieser alltäglichen Folter beim Arzt, Gericht oder Arbeitsamt.

Der aus dem Iran stammende Maziar Moradi dokumentiert die Zerrissenheit, welche sich für nicht wenige mit „Heimat“ verbindet. Da sitzt mit verschränkten Armen eine grübelnde junge Frau am Küchentisch, vor sich ein nacktes, bratfähiges Hähnchen. Eine andere Schwarze ist umgeben von einem Bataillon weißhäutiger Puppen mit Stupsnäschen und Schmolllippen. Auch solche harmlosen Geschöpfe haben das Zeug zum „marschierenden Wald“.

Text: Martina Jammers

Foto: darkforest/Julian Rosefeldt

tip-Bewertung: Sehenswert

Heimatkunde. 30 Künstler blicken auf Deutschland Jüdisches Museum, bis 29.1.2012

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