revision einer sammlung

„Hello World“ im Hamburger Bahnhof

Guten Tag, vernetzte Moderne – Mit „Hello World“ unterzieht der Hamburger Bahnhof die eigene Sammlung einer kritischen Untersuchung. So werden in 13 thematischen Kapiteln Kunstbegriff, Prägungen und Bezüge umso tiefgreifender sichtbar

Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Fotograf: Andres Kilger

Wenn eine große Institution einfach mal der ganzen Welt guten Tag sagen will, kann dabei mehr herauskommen als eine ungelenke Geste? „Hello World“ sagt der Hamburger Bahnhof in diesem Sommer, mit einer umfangreichen Ausstellung, die in Wahrheit viele verschiedene Ausstellungen enthält. Die Sammlung der Neuen Nationalgalerie bildet den Ausgangspunkt, Bezüge in die ganze Welt sind das Ziel. Der Anspruch ist hoch: Seit 1861 wächst die Sammlung beständig an, und in diesen eineinhalb Jahrhunderten hat sich das Verständnis dessen, was Kunst ist, was modern ist, was die Zeiten überdauern soll, immer wieder verändert. Mit „Hello World“ stellt sich die Neue Nationalgalerie nun dem Anspruch, alte Vorurteile zu überprüfen. Natürlich glaubt heute niemand mehr an eine prinzipielle Überlegenheit der europäischen oder westlichen (oder eben: der modernen) Kunst. Aber ­konkret bleibt trotzdem immer wieder die Frage: Wie geht man mit der Vielfalt um, die mit der Globalisierung auch den Kunstbetrieb erfasst hat?

„Hello World“ entwickelt darauf eine sehr differenzierte Antwort. Und das ist auch schon ein erster Befund: Eine ungelenke Geste wäre es gewesen, aus eigenen Beständen eine alternative Documenta zu simulieren, also in großem Stil zusammenzutragen, was Küche und Keller so zu bieten haben. „Hello World“ hingegen präsentiert sich bei allem Material­reichtum als gut aufgeräumt und an vielen Stellen als sehr gut durchdacht.

Den Einstieg im Hauptraum bildet eine „Agora“, also ein „öffentlicher Raum“, in dem man von einer Arbeit der Polin Goshka Macuga in Empfang genommen wird: Die Betonskulptur „Pavillon for International Institute of Intellectual Cooperation“ ist zugleich monumental und intim, man fühlt sich sofort hineingenommen in die Tätigkeit des Sammelns, des Zusammenstellens, des Aufreihens und der Betrachtung. Von hier aus führen die Wege in die verschiedenen Flügel des verwinkelten Hamburger Bahnhofs – es lohnt sich wirklich, jeweils bis ganz nach hinten zu gehen.

In den Rieck-Hallen findet man zum Beispiel einen Raum, in dem ein kuratorischer Glücksfall zu verzeichnen ist. Denn hier ist ein kleiner Schwerpunkt dem „Dilijan Arts Observatory 2016“ gewidmet, bei dem sich vor zwei Jahren Künstler aus aller Welt mit dem Erbe des sowjetischen Maschinenzeitalters in der kleinen Kaukasusrepublik Armenien beschäftigt haben. Das passt hervorragend zu den aktuellen politischen Entwicklungen, denn Armenien erlebt gerade eine spannende Demokratisierungsbewegung, an der „Hello World“ also ein bisschen Anteil hat. „All ­labour is history“, heißt es hier in einer Arbeit, „alle Arbeit ist Geschichte“, eine Feststellung, die sich auf die Kunst umlegen lässt: Alle Arbeit kann in einem bestimmten Pathos der Moderne auch Kunst werden.

Im selben Raum findet sich dann eine spannende Entsprechung aus der Sammlung: Propagandamalerei von Heinrich Vogeler, der einmal zur Künstlerkolonie Worpswede gehörte, der aber seine Hoffnungen auf die frühe Sowjetunion setzte. Vogelers Bilder zum Beispiel von „Armenischen Hirten“ sollte man im Kopf behalten, wenn man später in „Hello World“ in einem ganz anderen Raum auf Paul Gauguin und andere Bali-Bilder trifft, also auf Bilder von Ursprünglichkeit, die ganz anders codiert sind als bei dem Sozialisten Vogeler.

„Hello World“ ist in Kapitel und Räume unterteilt, deren Kuratoren zum Teil beigezogen wurden, aber auch das hauseigene Team hat sich intensiv eingebracht. Manchmal stößt man auf neuere Begrifflichkeiten wie in dem Raum mit dem Thema „Colomental“: ein Wort, in dem der alte Kolonialismus auf die Machtanalysen des französischen Philosophen Michel Foucault trifft. Die Berliner Künstlerin Peggy Buth hat hier einen großen Auftritt, in dem sich das ganze Projekt von „Hello World“ en miniature spiegelt, denn hier tauchen auch fotografische Beobachtungen aus einem afrikanischen Museum auf, so dass sich die Bemühungen um eine angemessene Repräsentation in zwei verschiedenen „Welten“ aufeinander beziehen lassen.

Die Bilder von Dierk Schmidt, in denen er sich mit der berüchtigten Berliner Afrika-Konferenz von 1885 beschäftigt, haben hingegen fast schon Klassikerstatus, werden hier angemessen präsentiert und bekommen in Arbeiten von Joel Andrianomearisoa aus Madagaskar eine hochinteressante Replik. So möchte man es jedenfalls sehen, denn mehr denn je geht es in „Hello World“ auch um Hängung und Anordnung, um Raumwirkung und um implizites Argument – da sind die Unterschiede zwischen den Kapiteln teilweise beträchtlich.

Vergleich und Assoziation sind die beiden naheliegenden Möglichkeiten, um mit der Fülle an Material umgehen zu können. „Hello World“ ist nicht zuletzt deswegen als gelungen zu werten, weil die Ausstellung immer wieder auf andere, komplexere Bezüge zwischen „eigenen“ und „fremden“ Arbeiten ­hinausläuft. Die Verschränkungen sind so vielfältig, dass man ihnen in einem kurzen Überblick ohnehin nicht gerecht werden kann. Bei einem zweiten oder dritten Durchgang lassen sich dann schon Beobachtungen machen, die zu einer der wichtigsten Erkenntnisse der postkolonialen Kritik passen: Die Moderne ist keine Linie, kein Vektor, sondern ein dichtes Feld aus Macht und Repräsentation. Berlin hat sich mit dieser Schau auf den Weg zu einem „Museum des 20. Jahrhunderts“ gemacht, und ist zugleich ein Stück weiter im 21. Jahrhundert angekommen.

Hello World. Revision einer Sammlung Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstr. 50–51, Mitte, bis 26.8., Di+Mi, Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr

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