Ausstellungen

„Heute hier – bugün burada“ im Haus am Kleistpark

Prokrastination__c_AnnaSimoneWallingerSie sind sorgfältig frisiert, tragen das beste Kleid, den Lieblingsschmuck, Arbeitskleidung oder Tracht: Hunderte von Schwarzweiß-Postkarten mit Porträts unbekannter Frauen aus allen Teilen der Welt, fotografiert im 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts, ließ Mathilde ter Heijne seit 2005 drucken und zum Mitnehmen für Besucher an Galerienwände hängen. Auf der Rückseite erinnert jeweils ein Text an eine andere der zwar nicht namenlos Gebliebenen, aber in der offiziellen Geschichtsschreibung genauso ignorierten Frauen derselben Zeit – Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Abenteuerinnen, Unternehmerinnen. Frauen mit einem für ihre Epoche außergewöhnlichen Lebenslauf.

Die neueste Version von ter Heijnes Projekt „Woman to Go“ hängt nun an einer Wand der Ausstellungsräume im Haus am Kleistpark. Die Arbeit der niederländisch-französischen Künstlerin bildet den Rahmen für alle anderen Werke der an der Ausstellung beteiligten 22 Künstlerinnen. Hier kommunizieren 22 unterschiedliche Positionen, vertreten ihren Standpunkt, erzählen eine eigene Geschichte. „Oldies“ wie die Malerin Rita Preuss treffen auf „Youngster“ wie die Fotografin Anna Simone Wallinger, die mit ihrer Arbeit „Prokrastination“ humorvoll und tiefgründig in Tagebuchform ihr Dasein als freischaffende Künstlerin reflektiert.

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Der alteingesessene Verein der Berliner Künstlerinnen hat zum Dialog zwischen Vereinsmitgliedern und Künstlerinnen der internationalen Kunstszene eingeladen. Als der VdBK 1867 gegründet wurde, ging es noch darum, Frauen eine künstlerische Ausbildung zu ermöglichen. Heute gibt es mehr Studentinnen als Studenten an den Kunsthochschulen, was sich allerdings immer noch nicht in den Ausstellungen niederschlägt. Institutionen, die sich um eine Gleichstellung von Künstlerinnen auf dem Markt bemühen wie Goldrausch oder GEDOCK, sind noch lange nicht überflüssig. Doch der VdBK befindet sich zurzeit in einer Umbruchs- und Selbstfindungsphase. Das Archiv des Künstlerinnenvereins wurde wegen Raumnot vergangenes Jahr an die Akademie der Künste übergeben, die nun glücklicherweise die Sammlung von Werken und Dokumenten weiterpflegt. Vor dem 250. Jubiläum des Künstlerinnenvereins soll durch Kommunikation in der Kunstszene eine neue Richtung und Daseinsberechtigung gefunden werden.

Text: Constanze Suhr

Foto: Anna Simone Wallinger

tip-Bewertung: Sehenswert

Heute hier – bugün burada Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6-7, Schöneberg, Di–So 10–19 Uhr, bis 15.12., Künstlerinnengespräch So 24.11. um 16 Uhr

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