Ausstellungen

Heutzutage – Annette Schröter in der Galerie C. Wichtendahl

Erasmus Schröter/VG Bild-KunstNot macht erfinderisch. Als Annette Schröter während der
Renovierung ihres Ateliers in die gute Stube überwechseln musste, verzichtete
sie auf ihre üblichen Farbräusche in Öl und begann Papier zu schnippeln. Das
ist nun über acht Jahre her, und Schröter hat es in diesem Medium zu wahrer
Meisterschaft gebracht. Mit ruinösen Gebäuden, Graffiti und Wildwuchs auf
Brachgeländen bot ihr Wohnort Leipzig zahlreiche spannende Vorlagen für die mit
dem Schnittmesser gewonnenen Bilder. Dann kamen Frauen in Trachten, Frauen mit
Gewehren, zerfließende Schmuckfassaden, eingezäunte Pflanzenwelt, ornamental
verfremdete Firmenlogos, mit denen heutzutage in jeder Stadt die Sicht
gepflastert wird. Süßliches und Aggressives konfrontiert Schröter miteinander
auf meist riesigen Formaten. Die Malerin, seit über vier Jahren Professorin an
der HGB Leipzig, wo sie bei Bernhard Heisig und Eckhart Gillen studierte,
hinterlegt inzwischen viele der Schnittbilder mit farbigen Hintergründen, eine
Reminiszenz an ihre früheren, prall gefärbten Ölbilder. Ein leeres Becken,
bröckelnde Steinumrandung, umgeben von wildem Blattwerk, erscheint in dieser
filigranen Schnitttechnik Schröters unglaublich intensiv und fragil zugleich.

Das hat nichts mehr mit den gefälligen Schattenrissen und
Silhouetten des 18. und 19. Jahrhunderts zu tun. Nachdem der Papierschnitt
lange eher im Bereich des kreativen Handwerks angesiedelt war, haben mehrere
Künstlerinnen und Künstler nun wieder die vielfältigen Möglichkeiten dieses
Mediums
entdeckt. Die Schnitttechnik wurde unter anderem auch auf Materialien
wie Acrylglas, Textilien und Metall erweitert und erscheint mitunter als
dynamisiertes Bild in Film und Video. Neben ihrer Berliner Ausstellung ist
Schröter gleichzeitig im Kärntener Museum Moderner Kunst vertreten, das sich
gerade mit einer großen Ausstellung diesem spannenden Medium widmet.

Text: Constanze Suhr

Foto: Erasmus Schröter/KV Bild-Kunst/Annette Schröter 2011

tip-Bewertung: Sehenswert

Heutzutage – Annette Schröter, Galerie C. Wichtendahl, Joachimstraße 7, Mitte, bis 4.6.,
Di–Sa 12–18 Uhr

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