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„Hilma af Klint. Pionierin der Abstraktion“ im Hamburger Bahnhof

HilmaafKlint_SchwanAls die „Amazonen der Avantgarde“ 1999 ins Deutsche Guggenheim einzogen, staunte man nicht schlecht. Neben Kasimir Malewitsch, dessen Anti-Bild „Das Schwarze Quadrat“ zur Ikone der modernen Kunst wurde, hatte es eine ganze Reihe russischer Malerinnen gegeben, die die Welt in abstrakte Farbflächen und Splitterformen auflösten. Nur hatte man sie vor dieser Ausstellung nicht auf dem Schirm, zumindest im Westen. Nun kommt eine weitere Pionierin zu Besuch, die keiner kennt. Eine Anhängerin des Übersinnlichen aus Schweden: die 1862 geborene Theosophin, Anthroposophin und Spiritistin Hilma af Klint. Sie suchte jenseits des Sichtbaren eine andere Wirklichkeit und gründete Ende des 19. Jahrhunderts die spiritistische Gruppe „Die Fünf“. In ihr übernahm sie die Rolle des Mediums und hielt Sйancen ab. „In einem Leben erscheint der menschliche Geist als Wiederholung seiner selbst mit den Früchten seiner vorigen Erlebnisse in vorhergehenden Lebensläufen“, schreibt Rudolf Steiner in seiner „Theosophie“. Es geht um Selbsterforschung und Welterfahrung. Mit der „Geheimwissenschaft“ legte er nach.

Den Blick ins geheimnisvoll Unbewusste und auf geistige Kräfte zu richten, interessierte auch Hilma af Klint, eine esoterische Botschafterin des Metaphysischen. Die Schwedin, die den „Baum der Erkenntnis“ malte und Transzendenz anstrebte, kannte Steiner. 1908 traf sie den Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Später schloss sie sich seiner Anthroposophischen Gesellschaft an und reiste nach Dornach. Monatelang lebte sie dort an Steiners Goetheanum. Da war sie bereits 60 Jahre alt und Vertreterin einer moderaten Abstraktion – aus dem Jugendstil kommend, dekorativ und visionär. Bereits vor Wassily Kandinsky arbeitete die Tochter aus wohlhabendem Hause weitgehend abstrakt. Die reine Abstraktion aber blieb ihr fremd. Wie die Werktitel andeuten, scheint es, als wollte sie eher vermitteln. Die Kunstgeschichte muss wohl nicht umgeschrieben werden. Doch über diese Frage wird man sich erst seine Meinung vor den Originalen bilden können, die als Übernahme der Schau aus dem Moderna Museet nun in den Hamburger Bahnhof kommen.

HilmaafKlint_PortraitimAtelierFür Berlin richtet Gabriele Knapstein die Ausstellung ein. An den Anfang stellt sie einen kurzen Dialog mit Joseph Beuys, der Steiner ebenfalls schätzte. „Wir wollen einen kleinen Verknüpfungspunkt zu Hilma af Klint anhand einiger Zeichnungen aus seinem ‚Secret Block‘ zeigen.“ Die Auseinandersetzung mit Steiners Lehre sei für spätere Generationen ebenfalls wichtig gewesen. Im Moment, stellt die Kuratorin fest, „ist ein verstärktes Forschungsinteresse an den okkulten Quellen der Moderne zu verzeichnen.“ Das Bild der frühen Moderne wird komplexer. Rund 200 Werke der Künstlerin sind zu sehen: Schneckenformen, Kringel, Blumen, Schwäne, aus denen sie Kreise entwickelt, Quadrate und Pyramiden. In ihrem Stockholmer Atelier hatte sie sich zunächst der Landschafts- und Porträtmalerei gewidmet. Ihre abstrakt-mystische Kunst hielt sie unter Verschluss, aus Angst, missverstanden zu werden. Doch in ihren Notizbüchern formulierte sie die Ziele dieser Reise nach innen.

„Es ging ihr um die Sehnsucht und die Suche nach dem Gegenpol in der Dualität der Liebe, in deren höchster Evolution sich die Polaritäten von Mann und Frau aufheben im ‚Engel‘, der die vollkommene Einheit in der astralen Welt verwirklicht“, erklärt Christina Weiss, Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie, der die Schau ermöglicht, im Katalog. „Evolution“ heißt auch eine der Serien, „Parsifal“ eine andere – nach dem mysteriösen Erlöser, der die Gralsritter einem Mix aus christlichem und buddhistischem Glauben zuführt. Diese Bestrebungen wirken nicht untypisch im ausklingenden Symbolismus. Nach akribisch naturgetreuen Darstellungen von Klatschmohn oder Pilzen folgte die Künstlerin einer inneren Stimme, die sie aufforderte, eine neue Lebensanschauung zu verkünden. So vollzog sie um 1906 eine Wende und begann mit der Serie „Urchaos“. Nun formte sie Theosophie-Spiralen, Wellen und Linien.

Da runden sich kosmische Kreise zum „Standpunkt Buddhas auf der Erde“ oder mit Pyramide zum „Altarbild Nr. 1“. Der Kreis gleicht der Sonne, der Halbkreis dem Mond. Als Null umgibt er die Leere, das Nichts, das die Künstlerin anfüllt mit ausgewählten Farben, die zunehmend zerfließen. Viele Künstler entwarfen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Spuren Goethes ihre persönliche Farbenlehre. Adolf Hölzel und Johannes Itten, aber auch Kandinsky: „Die Form selbst, wenn sie auch ganz abstrakt ist und einer geometrischen gleicht, hat ihren inneren Klang“, schrieb er 1910. Auf der Suche nach neuen Harmonien und Klängen war auch seine schwedische Kollegin. Die Farbe Blau steht in ihren Gemälden für das weibliche, Gelb für das männliche Prinzip. Man muss kein Liebhaber des Okkulten oder spezieller Farbenkenner sein, um ihre Bilder zu mögen. Sie wirken esoterisch angehaucht und floral beflügelt. Selbst Großformate besitzen Anmut und etwas Organisches: Materie in Bewegung. Später überwiegen geometrische Formen.

HilmaafKlint_DiezehnGrtenÜber drei Meter mal zweieinhalb Meter messen „Die zehn Größten, Nr. 2, Kindheit“ (1907), in denen sich Blüten innerhalb von Kreisen entfalten. Wer solche Formate wählt, die bis dato der Historienmalerei galten, traut sich Großes zu. Bis heute werden ihre über 1?000 Gemälde und Zeichnungen von einer Stiftung gehütet. Testamentarisch verfügte die Künstlerin, dass ihre abstrakten Arbeiten erst 20 Jahre nach ihrem Tod gezeigt werden dürfen. Doch ruhten sie bei ihrem Neffen und Erben noch bis in die 80er-Jahre unentdeckt, bevor er den Bestand zugänglich machte.  Dies erklärt, warum die 1944 – im selben Jahr wie Kandinsky, Mondrian und Munch  –verstorbene Malerin keinen Namen hat in der Kunstwelt. Die Diskussion über ihr eigenwilliges Werk kann beginnen.

Text: Hubert Holm

Foto: Stiftelsen Hilma af Klints Verk / Albin Dahlström (oben),  Stiftelsen Hilma af Klints Verk (Mitte), Stiftelsen Hilma af Klints Verk / Albin Dahlström

 

Hilma af Klint. Pionierin der Abstraktion Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50-51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, Sa+So 11-18 Uhr, 15.6.–6.10.

Rahmenprogramm

„Thematischen Rundgänge“:
Spiritualität

A.M.O.R.C. Die Rosenkreuzer / Dieter Stinshoff
Do, 15.8.2013, 18 Uhr Hamburger Bahnhof

Abstraktion
Bernd Ribbeck (Bildender Künstler)
Do, 22.8.2013, 18 Uhr Hamburger Bahnhof

Hilma af Klint und Joseph Beuys
Prof. Dr. Eugen Blume (Leiter, Hamburger Bahnhof) und Dr. Gabriele Knapstein (Kuratorin der Ausstellung, Hamburger Bahnhof)
Do, 5.9.2013, 18 Uhr

Gender
Prof. Dr. Hanne Loreck (Professorin für Kunst- und Kulturwissenschaften / Gender Studies, HFBK Hamburg)
Do, 26.9.2013, 18 Uhr

Dauer: ca. 1,5 Stunden
Kostenbeitrag: 4 Ђ pro Veranstaltung zzgl. Eintritt, Anmeldung erforderlich.

Die „Thematischen Rundgänge“ durch die Ausstellung können online oder telefonisch unter 030 263 94 88 15 gebucht werden.

 

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