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Humboldt Forum: Ignoranz mit Konzept im Raubkunst-Palast

Die umstrittenen Museen im Humboldt Forum haben eröffnet: Bis Mitte November sind im Museum für Asiatische Kunst und Ethnologischen Museum 10.000 Kunstgegenstände aus Afrika, Asien und dem Pazifik bei freiem Eintritt zu sehen. Die Leitungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der beiden Museen hecheln der öffentlichen Debatte um Raubkunst und Restitution allerdings nach wie vor hinterher. Der Umgang mit dem Thema wirft die Frage auf, ob dort überhaupt die richtigen Leute arbeiten.

Thron „Mandu Yenu“ mit Fußbank (Kamerun, vor 1885) im Modul „Koloniale Verflechtungen: Das Kameruner Grasland und Deutschland“ des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum. © Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss /
Foto: Alexander Schippel

Chimamanda Ngozi Adichie: Humboldt Forum soll Raubkunst zurückgeben

Berlin hat eine neue Dauerbaustelle. Das umstrittene Humboldt Forum ist seit 23. September fast komplett. Am Tag zuvor eröffneten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) und die nigerianisch-amerikanische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie die ersten Präsentationen von Museum für Asiatische Kunst und Ethnologischem Museum am Schloßplatz: Steinmeier mit dem Appell, Deutschland müsse sich seiner kolonialen Vergangenheit stellen, Adichie mit der Forderung, Berlin habe in der Kolonialzeit geraubte Kunstschätze zurückzugeben.

Derweil protestierten vor den Toren des wiederaufgebauten Kaiserschlosses Initiativen aus Berlin und Kamerun für die Restitution von Kulturgut wie der Statue von Ngonnso‘ aus Kamerun, die nicht für eine Ausstellung außerhalb des Nso-Palasts gedacht sei.

Doch der Weg ist nun frei für das Publikum. Vorerst 30 Module mit rund 10.000 Exponaten auf zwei Etagen mit zusammen 8.500 Quadratmetern sind nun zu besichtigen, bis Mitte November bei freiem Eintritt. Willkommen auf der Baustelle.

Selbstverständlich liegen die Kabel unter Putz, funktionieren die Rolltreppen, scheint Licht auf unglaubliche Schätze. Auf Tuschzeichnungen aus China, Keramik aus Japan. Auf Boote vom Bismarck-Archipel, einen Thron aus Kamerun. Scheinwerfer erhellen den Stier Nandi, auf dem der Gott Shiva geritten sein soll, gedämpftes Wattstärke schützt die Büsten und Deckenmalereien, die in den Höhlen an der Seidenstraße steckten. Und doch ist das noch nicht alles. Mitte 2022 soll die andere Hälfte im Ostflügel des Forums eröffnen. Bereits jetzt haben die Exponate viel mehr Raum als am alten Platz beider Museen in Dahlem, wo verwinkelte Gänge zur Kunst aus Nordamerika abzweigten. Am Humboldt-Forum hat die Musikethnologische Abteilung sogar einen eigenen, hell ausgeleuchteten Hörraum.

Humboldt Forum auf dem Provenienz-Pfad

Dennoch bleibt viel im Dunkeln, vermutlich das meiste. Die Leitungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der beiden Museen hecheln der öffentlichen Debatte um Raubkunst und Restitution hinterher, wie die Präsentationen im Humboldt Forum erkennen lassen. So sehen die Erläuterungen zur Kolonialgeschichte der Objekte aus wie kurzfristig eingepasst. Ein provisorischer Provenienz-Pfad, der über die Herkunftsgeschichte einzelner Objekte informieren soll, führt zwischen den Vitrinen hindurch: hier ein Aufsteller, dort ein QR-Code, die lesen kann, wer sich die Mühe macht. Die Inhalte finden sich auch in einem Begleitheft, das zur kostenfreien Mitnahme ausliegt.

Zudem läuft zwischen manchen Vitrinen ein Film, in dem Wissenschaftler:innen und Community-Mitglieder von Herkunftsgesellschaften Berliner Museumsmitarbeitenden Funktion und Bedeutung einzelner Gegenstände erklären. Und schließlich warten Lese- und Hörstationen mit bequemen Sitzen vor allem auf Familien. In den dort ausliegenden Kinderbüchern steht mehr über Massaker, Zwangsarbeit, Brandschatzung, Fremdherrschaft und generationsübergreifende Traumata, als in der ganzen Ausstellung zusammen.

Großes Auslegerboot von der Insel Luf (Bismarck-Archipel, Papua Neuguinea). © Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Wer sich beispielsweise über das berühmte Boot von der Insel Luf nördlich von Papua-Neuguinea informieren möchte, darüber, warum nicht mehr genügend Männer lebten, um in dem 15 Meter langen Auslegerboot in See zu stechen, wie dieses ausgerechnet von einem Mitarbeiter jener Handelsfirma nach Berlin gebracht wurde, die die kaiserliche Marine um einen paternalistisch „Strafexpedition“ genannten militärischen Schlag gegen die Bevölkerung von Luf gebeten hatte – wer das wissen will, liest besser das Buch „Das Prachtboot“ des Berliner Historikers Götz Aly. Nicht einmal der Film, in dem sich Nachfahren der Bewohner:innen von Luf eine Reise nach Berlin wünschen, um das Boot studieren und daheim nachbauen zu können, läuft direkt daneben. Wer sich für ihn interessiert, muss ihn suchen.

Das Humboldt Forum hat zu viel Zeit verschwendet

Diese Pannen und Provisorien müssten nicht sein. Bereits vor acht Jahren forderte die Berliner Initiative NoHumboldt21! ein Moratorium für das Museumskonsortium, weil bei Tausenden Objekten, die in der Kolonialzeit nach Berlin gelangten, offen ist, wer sie fertigte, wofür sie dienten, wer sie unter welchen Umständen außer Landes brachte. Diese Jahre wurden verschenkt. Statt mit aller Kraft die Provenienzen zu erforschen, statt resolut der Politik Geld dafür abzuringen, ließen die Teams in Dahlem Künstler:innen und Designer:innen mit Objekten experimentieren („Humboldt-Lab“). Und der Förderverein zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses sammelte lieber Geld für die barocke Fassade.

Erst als die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy von der TU Berlin 2017 unter Protest den Beirat des Humboldt-Forums verließ, geriet Bewegung in die Sache. Savoy verglich das Humboldt-Forum mit dem havarierten Reaktor von Tschernobyl: Unter einem Betondeckel stecke verstrahlter Inhalt, der Gesellschaften noch lange beschäftigen werde.

Seitdem versprechen Stiftung Preußischer Kulturbesitz Aufklärung, Dialog, Austausch und Rückgabe. So sollen 2022 die Benin-Bronzen an Nigeria zurückgehen: Sie gelangten nach der Plünderung des Königspalasts durch britische Soldaten auch nach Berlin. Stiftungspräsident Hermann Parzinger hat zudem die Restitution ganzer „Konvolute“ nach Australien und Namibia (ehemals „Deutsch-Südwestafrika“) angekündigt. Vor allem aber sind die Sammlungen endlich online einsehbar: Herkunftsgesellschaften weltweit können nun finden, was ihnen fehlt.

In Kauf genommene Frevel

Ausstellungsansicht des Moduls „Schaumagazin Afrika. Objektaneignung und Afrika-Illusionen“ des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum. © Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Foto: Alexander Schippel

Und doch ist das nur ein Bruchteil dessen, was zur Debatte steht. Die meisten Objekte sind noch nicht erforscht, wie die großen Schränke der Schaumagazine mit Objekten von den Pazifik-Inseln und West-Afrika sowie die dazugehörigen Inventarlisten auf Touch-Tables zeigen. Auch dürften hier Gegenstände lagern, die wie die Statue von Ngonnso‘ nach den Regeln der Herkunftsgesellschaften nicht gezeigt werden sollen. Lars-Christian Koch, seit Anfang 2018 Direktor für die Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin im Humboldt Forum, zuvor Direktor des Ethnologischen Museums, sicherte auf der Pressekonferenz zu, Gegenstände aus der Präsentation zu nehmen, sobald sich solch ein Sachverhalt zeige. Doch ließe sich auch gegenteilig handeln: nur auszustellen, was eindeutig geklärt ist. Leere Vitrinen würden Politiker:innen unter Druck setzen, mehr Mittel zu geben als für die vier Stellen der Provenienzforschung, die 2019 eingerichtet wurden.

Arbeiten hier überhaupt die richtigen Leute?

Doch von radikalem Umdenken sind die Staatlichen Museen und ihre Stiftung weit entfernt. Ihre Leiter:innen wissen, dass sie auf einer Baustelle arbeiten, sprechen davon, dass der jetzige Zustand nur ein Anfang sein könne. Ob aber auf der Baustelle die richtigen Mitarbeitenden mit den geeigneten Werkzeugen bereit stehen, darf bezweifelt werden. Noch immer lassen sich in den Direktionen und bei den Mitarbeitenden kaum Menschen mit internationalen Namen und Laufbahnen finden, die verstetigen könnten, was die zeitlich begrenzten „Dialoge“ und Projekte mit Expert:innen der Herkunftsländer anstoßen.

Nach wie vor wird zwischen hoher und weniger hoher Kunst unterschieden. Artekfakte aus China, Japan und Korea finden sich im Museum für Asiatische Kunst. In seinem Namen steckt die Wertschätzung für Asiens alte Schriftkulturen. Kunstgegenstände der Tinglit, Inka oder Arrente tummeln sich dagegen unter dem Begriff Ethnologisches Museum (sprich: Museum für Völkerkunde oder Museum für Sozial- und Kulturanthropologie).

Anderswo nennen sich ähnliche Häuser immerhin Weltkulturen Museum, Musée de quai Branly oder Northern Life Museum. Wenigstens das hätten die Teams schaffen können. Dafür brauchten sie nicht einmal eine Stelle für Provenienzforschung.

  • Humboldt Forum Schloßplatz 1, Mitte, Fr-Sa 10-22 Uhr, So/Mo, Mi/Do 10-20 Uhr, Eintritt frei bis 12.11., bis auf Weiteres. Zeittickets hier

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