Endlich offen

Humboldt Forum öffnet: Diese Ausstellungen erwarten euch

Lange hat es gedauert, nun ist es soweit: Das Humboldt Forum öffnet seine Pforten für die Öffentlichkeit. Konnte man bislang nur digital zuschalten und durch die Höfe schlendern, zeigt sich ab dem 20. Juli das Innere des Hauses. Wir haben uns umgesehen und sagen euch, was ihr bei den Ausstellungen im Humboldt Forum zu sehen bekommt.

Videopanorama zur Geschichte des Ortes im Humboldt Forum. Foto: SHF/Harry Schnitger

Humboldt Forum: Kein Ort der Machtdemonstration?

Von außen ein Schloss. Von Innen ein Museum. Aber seine Seele soll ein Forum sein. Kein Ort der Machtdemonstration, sondern der Begegnung, des Austausches von Meinungen und Ideen. Das haben sich die Macher:innen des Humboldt Forums auf die Fahnen geschrieben: Wissenschaft und Kultur für alle Menschen. Ob sie diese Ansprüche erfüllen können, wird sich ab dem 20. Juli zeigen. Wir haben uns in den Ausstellungen, die dann erstmals öffnen, umgesehen.

Wer sich fragt, warum man einen norddeutschen Barockbau nachbaute und diesen mit einem modernen Betonbau kreuzte, wer das Abriss-Drama um den Palast der Republik nicht kennt und wer nicht weiß, wieso schon die Grundsteinlegung des Schlosses im 15. Jahrhundert einen Aufstand provozierte, wird im Raum mit dem Videopanorama klüger. Auf einer 27 Meter breiten Leinwand wird die mehr als 800-jährige Geschichte des Ortes mit historischen Foto-Video-Collagen erzählt. Der Fokus liegt auf der jüngeren Vergangenheit. So wird auch der erbitterte Streit um den Nachbau beleuchtet. Es sei nicht die Geschichte des Ortes, sondern eine, betont Alfred Hagemann, Hauptkurator der mehrteiligen Ausstellung.

Der Schlosskeller im Untergeschoss.  Foto: David von Becker
Der Schlosskeller im Untergeschoss. Foto: David von Becker

Fern aller hitzigen Debatten stehen in der kühlen Ruhe des Schlosskellers die verbliebenen Backsteine des Original-Fundaments. In der eindrücklichen Ausgrabungs-Atmosphäre flanieren wir auf Stegen zwischen dem freigelegten Gemäuer, gesäumt von gefundenen Objekten wie einem Heizaggregat aus der Zeit von Kaiser Wilhelm II. – damals Hochtechnologie.

Der Palast der Republik begegnet uns anhand von einzelnen Objekten, sogenannten Spuren, die im Gebäude verteilt sind. Dazu gehören das Leitsystem mit Piktogrammen oder das monumentale Porzellanrelief aus dem ehemaligen Palastrestaurant. Dadurch stößt man immer mal wieder auf diese Ära, ein Gefühl dafür entsteht so jedoch nicht.

Von Berlin in die Welt: Alexander von Humboldt

Ein etwas kurioser Ausstellungsraum, nämlich die Fensterfront in der Treppenhalle zwischen großem Foyer und Passagen, widmet sich Alexander und Wilhelm von Humboldt. „Einblicke“ heißt diese schlichte Präsentation aus Schautafeln und übergroßen Fensterfolien. Statt auf eine große Meistererzählung setzt Kurator David Blankenstein auf einzelne thematische Schlaglichter wie Sprache, Gender und sogar Yoga.

Dabei offenbaren sich immer wieder Spannungen im außergewöhnlichen Leben und Werk der Brüder. So hat Alexander aus weltoffenen Forscherdrang und ganzheitlichen Kulturverständnis heraus maßgeblich zur Entstehung außereuropäischer Sammlungen in Berlin und Paris beigetragen. Dass durch diese Zurschaustellungen nicht nur Gegenstände, sondern die dazugehörigen Kulturen objektifiziert wurden, wird heute genauso kritisch betrachtet wie Raubkunst.

Ausschnitt aus der Ausstellung „Einblicke. Die Humboldt-Brüder“. Foto: SHF/Alexander Schippel

„Berlin Global“ im Humboldt Forum

Im ersten Obergeschoss setzt „Berlin Global“ vom Stadtmuseum und Kulturprojekte auf viel Multimedia und Interaktion. Auf 4.000 Quadratmetern werden die Wechselbeziehungen der Stadt mit der Welt erzählt. Bildreich gestaltete Themenräume illustrieren und hinterfragen Berlin-Stereotype wie „Freiräume“, „Vergnügen“, aber auch „Revolution“ und „Krieg“. Bewegliche Videowände drängen einen in die Enge, eine begehbare Diskokugel lädt zum Tanz, und die rostige Stahltür des Tresor-Clubs erinnert daran, dass zur freiheitsliebenden Feierkultur auch selektierende Türsteher:innen gehören. Über Chip-Armbänder können  Besucher:innen zu Fragen in der Schau Stellung beziehen oder ganz analog mit Vermittler:innen ins Gespräch kommen.

Die Ausstellung „Berlin Global“ im Humboldt Forum. „Weltdenken“ ist das Thema dieses Raums. Foto: Oana Popa-Costea / Kulturprojekte Berlin und Stiftung Stadtmuseum Berlin

Der rote Faden: Kolonialismus und die Folgen

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Kolonialismus und seine Folgen durch die Ausstellung. Von historischen Objekten wie einer Landkarte von Zentralafrika, verwendet 1911 bei Gebietsverhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland, bis zu einem Interviewfilm mit Schwarzen Berliner Künstler:innen über Rassismus. Für Paul Spies, Stadtmuseum-Leiter und  Chef-Kurator des Landes Berlin im Humboldt Forum, ist dies eine kritische Auseinandersetzung mit Berlins kolonialen Verflechtungen, wie auch bei den umstrittenen Sammlungen der Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den Stockwerken obendrüber. Diese eröffnen am 22. September.

Man kann den Macher:innen vorwerfen, dass sie manche Aspekte oberflächlich abhandeln. Man muss ihnen anrechnen, dass sie ernsthaft um vielstimmige Erzählungen bemüht sind. So hören wir von Salomão Ngomao, der als Vertragsarbeiter aus Mozambique in die DDR kam, wie der Mauerfall sein Leben veränderte. Themen, die zu kurz kommen, sollen einem Veranstaltungsprogramm aufgefangen werden.

Das Humboldt Forum vermittelt auch Wissenschaft

Im Saal gegenüber präsentiert die Humboldt Universität mit dem Humboldt Labor wissenschaftliche Spitzenforschung. Die Uni schrecke viele Menschen ab, und das sollte nicht so sein, sagt Kurator Gorch Pieken. Mit seinem Team zeigt er eindrucksvoll, wie populäre Wissensvermittlung funktionieren kann.

Die kleine Schau „Nach der Natur“ beschäftigt sich mit den menschengemachten Umweltveränderungen. Eine Fülle an technischen wie sinnlichen Präsentationsfromen, künstlerischen wie wissenschaftlichen Objekten verwandelt den Raum in eine Wunderkammer. Herzstück ist eine kinetische Wand, auf der Top-Forscher:innen anschaulich über globale Umweltherausforderungen sprechen und der Frage nachgehen, ob Demokratien diesen noch gewachsen sind. In hängenden Vitrinen befinden sich thematisch passende Objekte aus den Uni-Sammlungen.

Die Ausstellung "Nach der Natur" im Humboldt Forum behandelt menschliche Eingriffe in die Umwelt. Foto: Philipp Plum/Humboldt‐Universität zu Berlin / schnellebuntebilder / Inside Outside | Petra Blaisse
Die Ausstellung „Nach der Natur“ im Humboldt Forum behandelt menschliche Eingriffe in die Umwelt. Foto: Philipp Plum/Humboldt‐Universität zu Berlin / schnellebuntebilder / Inside Outside | Petra Blaisse

Der selbstkritische Geist ist auch hier omnipräsent. So sehen wir in einer Vitrine Perlencolliers, im 19. Jahrhundert von Emelie Snethlage durch Handel von Ureinwohnern erworben. Die Forscherin steht stellvertretend für Frauen, die im männlich dominierten Wissenschaftsbetrieb in Vergessenheit geraten sind. Der Betrieb reproduziere sich selbst, so Pieken.

Davon ist das Humboldt Forum mit seinen vornehmlich männlichen Leitern und Hauptkuratoren auch noch nicht frei. Wenn das kein Thema für ein Forum ist!

  • Humboldt Forum im Berliner Schloss Schloßplatz, Mitte, weitere Informationen online; Tel. 030/265 95 00

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