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„Ich glaube an die echte Erfahrung“ – Gespräch mit dem neuen KW-Direktor Krist Gruijthuijsen

Mehr Experiment. Mehr Flow. Mehr internationale Relevanz. Und die Pogo Bar kommt zurück. Krist Gruijthuijsen  startet als neuer Direktor der KW Institute of Contemporary Art

Foto: Ali Kepenek
Foto: Ali Kepenek

tip Herr Gruijthuijsen, Sie haben den Kunstverein Amsterdam gegründet und den Grazer Kunstverein geleitet. Jetzt leben Sie seit einem halben Jahr in Berlin. Wie steht es um die Stadt als Kunststandort?
Krist Gruijthuijsen Berlin befindet sich mitten in einer interessanten Richtungsentscheidung. Entweder bewegt die Stadt sich in die Zukunft und gibt dafür bestimmte moralische Ansprüche und Haltungen auf, oder aber sie klammert sich an die Idee einer Stadt, in der vieles möglich war, aber jetzt viel abstirbt.

tip Verstehe ich das richtig, die experimentelle Berliner Kunstszene gibt es nicht mehr?
Krist Gruijthuijsen Nein, nein, nein. Ich glaube nur, Berlin ist jetzt bereit, das Establishment bis zu einem gewissen Grad zu akzeptieren, in seine kulturellen Institutionen zu investieren und für diese eine klare Struktur zu etablieren. Natürlich gibt es viele Menschen, die geradezu allergisch auf diese Idee reagieren. Sie haben Angst, Berlin könne werden wie London oder New York, wo alles abgeschottet und total angepasst ist.

tip Wo stehen denn die KW Institute for Contemporary Art in diesem Szenario?
Krist Gruijthuijsen Die KW sind als eine der wenigen Institutionen in Berlin ein Zentrum für zeitgenössische Kunst. Sie kommt aus den 90ern, aus der Idee, dass das ein autonomer, politischer, provokativer Ort sein könnte. Doch es wäre hochgradig naiv zu glauben, wir könnten heute so eine Rolle ausfüllen, denn wir kollaborieren mit privaten Initiativen und Galerien, und das ist ok, wir arbeiten alle in derselben Sphäre. Aber ich glaube schon, dass die KW ein internationaler Ort sind, wo Menschen experimentieren können. Entweder fallen sie voll aufs Gesicht, oder sie machen hier das erfolgreichste Ding ihres Lebens.

tip Sie wollen mit den KW international wahrgenommen werden?
Krist Gruijthuijsen Momentan bewegt sich viel in Berlin. Es gibt internationale Direktoren wie mich und damit auch unterschiedliche Haltungen, wie man eine Institution leitet. Und ich würde mir wünschen, dass wir ein internationales Kunstpublikum anziehen können. Was ich nicht möchte, sind Kulturkonsumenten. Und Berlin ist dafür exemplarisch. Ich möchte nicht, dass das hier eine Institution ist, die man aus Lifestyle-Gründen abhaken muss.
tip Die ehemalige KW-Direktorin Gabriele Horn ist Direktorin der Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Sie sind jetzt KWDirektor und Chefkurator in einer Person, das ist neu. War das Ihr Wunsch?
Krist Gruijthuijsen Nein. Gabriele Horn war ja die Direktorin sowohl für die KW als auch für die Berlin Biennale. Diese Restrukturierung der Organisation hat ein paar Jahre gedauert und wurde vom Vorstand des Kunst-Werke Berlin e. V. und Gabriele Horn selbst initiiert. Die neue Struktur ist viel klarer. Mein Wunsch war es, diese Struktur zu dezentrieren, indem ich mehrere Kuratorinnen und Kuratoren eingeladen habe mitzuarbeiten.

tip Die Berlinische Galerie, HAU, DAAD zeigen auch zeitgenössische Kunst. Wie schwierig ist es für die KW, in dieser Kulturmatrix der Stadt ein eigenes Profil zu entwickeln?
Krist Gruijthuijsen Zuerst einmal, ich kann nicht ignorieren, dass ich selbst als Kurator ein bestimmtes Profil habe. Ich bringe ein Paket an spezifischem Wissen mit, an Praktiken und Erfahrungen. Und wenn ich eine neue Institution übernehme, schaue ich mir die Geschichte an. Also: Was ist in den letzten 25 Jahren in den KW gut gelaufen und was nicht. Was davon kann ich wieder einführen, ohne nostalgisch zu sein. Deshalb kommt die Pogo Bar wieder.

tip Schön! Aber das kann ja nur ein Teilaspekt Ihres Programms sein.
Krist Gruijthuijsen Wir machen nur Einzelausstellungen. Aber wir beziehen mehrere Künstler und Künstlerinnen mit ein als Ergänzung zu einem Thema, das ich für wichtig halte. Normalerweise macht eine Institution alle zwei oder drei Monate eine Ausstellung, das heißt, es gibt vier große Eröffnungen im Jahr, zu denen 1000 Leute kommen, und das kostet eine Menge Geld. Ich möchte diese Dynamik beenden. Wir haben ein großes Gebäude, wir können mit verschiedenen Flows arbeiten, wir haben jeden Monat eine Eröffnung. Und unsere Ausstellungen greifen über Jahre ineinander.

tip Mal konkret, wie setzen Sie das um?
Krist Gruijthuijsen Die Eröffnung ist ein generelles Statement. Wir haben ein Zeitalter erreicht, in dem wir nicht mehr fähig sind, uns gegenseitig zu verstehen. So wie momentan Politik betrieben wird, also vor allem durch soziale Medien, leben wir in einer maßgeschneiderten Blase. Wir leben in einer Welt, von der wir denken, dass das die Welt ist, aber sie wird für uns extra gemacht, was extrem gefährlich ist. Ich befasse mich also mit Politik, aber nicht direkt, wenn ich frage: Was ist Kommunikation?

tip Ein Riesenthema.
Krist Gruijthuijsen In den letzten neun Jahren habe ich meine Programme immer mit einem Künstler oder einer Künstlerin begonnen, um den oder die herum ich eine komplette Idee aufbauen kann. Und das ist jetzt Ian Wilson, der radikalste lebende Künstler. Er hat schon in den 70ern seine künstlerische Praxis komplett dematerialisiert und ist zur Konversation als einer Form der Kunst gekommen. Man bucht ein Gespräch mit ihm mit ganz klaren Einschränkungen: Man hat eine Stunde, darf nichts aufnehmen, er bestimmt das Thema, und es  ist nur bezogen auf sein spirituelles Verständnis der Welt. In den 70ern war das das „Bekannte“ und das „Unbekannte“. Dann die „Zeit“. Dann hat er zehn Jahre Pause gemacht. Ab den 90ern hat er versucht, die Idee des „Absoluten“ zu verstehen.

tip Das klingt sehr abstrakt.
Krist Gruijthuijsen Wir starten mit einer Einzelausstellung zu Ian Wilson mit sichtbaren Werken aus den 60er Jahren und Statements aus den 80ern. Und dann haben wir Hanne Lippard, Paul Elliman und Adam Pendleton eingeladen, auf Wilsons Arbeiten zu reagieren oder sie in ihre eigenen Arbeiten einzubeziehen. Hanne Lippard, eine erst 30 Jahre alte Künstlerin, die nur mit der Stimme arbeitet, bekommt die Halle mit 800 Quadratmetern. Dann kommt Adam Pendleton, ein junger afroamerikanischer Künstler, der sich mit der amerikanischen Black History und der normativen Kraft von Sprache auseinandersetzt. Einen Monat später eröffnen wir Paul Elliman, ein sehr einflussreicher Grafikdesigner, aber ein typischer Künstler für Künstler, völlig unter dem Radar, der über Sprache spricht, ohne einen einzigen Buchstaben zu verwenden.

tip Die letzte Berlin Biennale hat sich mit der digitalen Welt beschäftigt. Spielt das Digitale bei Ihnen auch eine Rolle?
Krist Gruijthuijsen Alle Künstler und Künstlerinnen, die wir im Programm haben, gehen zurück zur puren Erfahrung einer Situation oder eines Schauplatzes. Ich glaube an die menschliche Beziehung. Wir haben permanente Guides im Gebäude. Wenn Sie ein Ticket kaufen, wird ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin Sie fragen, ob Sie Interesse an einer Führung durch die Ausstellung haben. Das heißt nicht, dass Sie das machen müssen. Sie können allein die Ausstellung anschauen. Aber Sie können auch ein Gespräch über die Kunst beginnen. Kunst ist dann eine Erfahrung in einer menschlichen Beziehung. Alles um uns herum ist von Bildschirmen geprägt. Aber ich glaube, die echte Erfahrung im echten Raum ist eine, die man nicht ersetzen kann.

KW Institute of Contemporary Art Auguststr. 69, Mitte, Mi–Mo 11–19 Uhr, Do 11–21 Uhr, bis 18.1. geschlossen

Die nächsten Ausstellungen:

Ian Wilson, 20.1.–14.5.

Hanne Lippard „Flesh“, 20.1.– 9.4.

„The Weekends“: mit Nils Bech, CAConrad, Guy de Cointet, Paul Elliman, Coco Fusco, Will Holder, Germaine Kruip, Isabel Lewis, Hanne Lippard, Adam Pendleton, Michael Portnoy, Trisha Brown Dance Company sowie Miet Warlop, 19.1.–14.5.

Adam Pendleton, 24.2.–14.5.

Paul Elliman, 18.3.–14.5.

Prospectus: A Year with Will Holder, 20.1.– 23.12.

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