Bildhauerei

Ich sehe nur: Raimund Kummer im Hamburger Bahnhof

Raimund Kummer geht es in seinen Licht-Installationen und Fotoinszenierungen ums Sehen und Sichtbarmachen

Foto: Raimund Kummer und Martin Salzer / VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Seine Felder waren nie die Staffelei oder der Kunstbetrieb. Raimund Kummer fand das, was ihn reizte, auf der Straße. Er und seine Freunde, Hermann Pitz und Fritz Rahmann, 1980 allesamt Gründer des „Büro Berlin“, pilgerten durch die Stadt, sammelten Eindrücke und Fundstücke. Die Neubewertung des Alltäglichen interessiert den Bildhauer bis heute, das Sichtbarmachen des Zufälligen, ja das Sehen an sich.
Im Hamburger Bahnhof kann man seine beeindruckenden Installationen und Projektionen jetzt kennenlernen. Vier raumgreifende Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen von 1979 bis 2017 hat Kummer für seine „Sublunare Einmischung“ im Obergeschoss des Ostflügels ausgewählt. Sein komplexes Werk hätte locker die Rieckhallen füllen können, aber auch der kompakte Einblick überzeugt.

Die Überlegung, was Skulptur sein kann, zieht sich ebenso durch die Arbeit des 63-Jährigen wie der Einsatz von Fotografie. Seit seinem großen Auftritt zur Eröffnung des Museums für Fotografie vor 13 Jahren ist dies die zweite Soloschau in Berlin. Als Kummer 1972 hierher zog, studierte er Malerei bei Fred Thieler. Doch ließ er die Leinwand bald hinter sich. „Das war für mich nicht ausbaufähig“, sagt er.

Der Kauf einer kleinen Kamera brachte die Wende und das erste Opus seiner Werkbiographie: „Skulpturen in der Straße.“ Schutt, Steine, Autos, Schilder und andere Real-Beobachtungen bilden nun den Auftakt der Schau, ein Diakarussell mit 80 Aufnahmen. Man sieht den Grauschleier, der über Berlins Straßen und dem Alltag lag. Kummer eröffnet dem Betrachter daneben einen eigenwilligen Blick auf die „Anonymität zufälliger Prozesse. Die zufällige Gestaltung ist oft die Schönste“, findet er.

Eine andere, nicht minder spannende Seite seines Oeuvres, ist die Beschäftigung mit Glas. Im zweiten Raum verlässt der Besucher die fotografische, Welt abbildende Ebene. Hier wird es dinglich und zugleich abstrakter. Gleißend hell erscheint eine bestechende Bodenarbeit von 1991. „Mehr Licht“ besteht aus transparenten Pendants von vergrößerten Augenprothesen. Auch mit Muranoglas habe er gearbeitet, sagt er. Kummer hat das Material Glas in monumentalen Bodenskulpturen in die Bildhauerei eingeführt.

Die Inszenierung steigert sich. „Als Künstler arbeite ich sehr gern in großen Dimensionen“, bekennt Kummer vor dem gewaltigen Archivblock „On Sculpture“, der kontinuierlich wächst. 444 chronologisch geordnete Fotos von 1979 bis 2017 bieten Einblicke in seinen reichhaltigen Kosmos.

Gestellt sei im Prinzip nichts. „Ich sehe nur“. Wenn man absichtslos handle, kämen Dinge zum Vorschein, die sich sonst nicht zeigten. Wohl wahr. Hier ist es wieder, das Prinzip Zufall, dem dieser Künstler gern vertraut. Eine Titelliste in der Hand, kann der Betrachter mehr über die einzelnen Fotos erfahren, eintauchen in Modelle und Versuchsanordnungen. „Die Titel sind wichtig. Sie sind wie Türen“, ein Einstieg in sein prozessuales Schaffen.

Zum Finale schickt Kummer die Besucher in einen schwarzen Raum, in dem  Licht-erscheinungen von 81, auf hohen Stangen thronenden Diaprojektoren ausgehen. Hier schließt sich der Kreis. Man denkt, man stünde in einem Wald, umgeben von Licht und Schatten. Die Gedanken des Betrachters wandern über die Kabel auf dem Boden hin zu den eigenen inneren Bildern. Vielleicht existiert irgendwo Licht am Ende des Tunnels?

Sublunare Einmischung Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51, Tiergarten, Di-Fr 10-18, Do 10-20, Sa+So 11-18 Uhr, 27.4.–6.8.

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