Ausstellungen

„ID – Contemporary Art Indonesia“ im Kunstraum Kreuzberg

Foto: Prilla_Tania„Mein Name ist Sugiharti Halim“, stellt sich die junge Frau vor und fragt: „Habe ich das verdient?“ Als Kind chinesischer Eltern in Indonesien geboren, sollte sie einen indonesisch klingenden Namen bekommen. Dabei würde sie viel lieber Julianne heißen. „Aber wenn wir eine Rose anders nennen“, antwortet ihr Gegenüber mit Shakespeare, „würde sie dann weniger süß duften?“ In dem wunderbaren Kurzfilm von Ariani Darmawan aus der Anthologie „9808“ zum zehnten Jahr der Reform in Indonesien geht es humorvoll um das Thema Identität und Rassismus und um das eigenartige Bestreben des Individuums, sich anzugleichen und doch anders zu sein. Eine andere Filmemacherin, Fiona Tan, machte sich Ende der 90er-Jahre auf die Suche nach ihrem Ursprung („May You Live In Interesting Times“), weil sie einen Teil von sich vermisste. „Während du das Wasser trinkst, vergiss nicht, der Quelle zu danken“, heißt ein chinesisches Sprichwort. Als Tochter eines chinesischen Vaters und einer australischen Mutter, geboren in Indonesien und wohnhaft in Amsterdam, besuchte sie überall auf der Welt verstreute Verwandte. „Ich bin gern anders als andere“, erklärt ihre Schwester. Aber nirgends so richtig hineinzupassen sei wiederum auch nicht einfach.

Die in Berlin geborene Künstlerin Sally Moira Busse hat ebenfalls familiäre Verbindungen zu Indonesien. Ihr Ur-Ur-Großvater heiratete als deutscher Auswanderer eine Frau der Minangkabau und ihre Großmutter ist dort geboren. „Was kann die Kunst über ein Land aussagen?“, fragt Busse. Sie hat in Berlin wie auch in Yogyakarta Zettel von der Straße aufgehoben. Verlorene, vergessene Notizen fremder Menschen, durch die sie Einblick in deren privates Leben zu erhalten glaubt. Mit ihrer Installation von Zeich­nungen, Malerei und während ihres Aufenthalts in Yogyakarta gemachten Aufzeichnungen nähert sich Busse ihrer Auffassung von Identität. „Identität ist ein Innengefühl“, meint sie. „Letztendlich kommt alles aus einer einzigen Zelle.“ Sie malt eine menschliche Zelle, modifiziert, erweitert, stark vergrößert. „Die Zelle ist für mich der kleinste gemeinsame Nenner allen Lebens, und sie ist immer wieder Modifizierungen unterworfen.“ Ein Zellhaufen sind wir letztendlich und saugen alles auf, was von außen addiert wird. Das Außengefühl?

Rizki-Resa-Utama„ID – Contemporary Art Indonesia“ soll keine geschniegelte Show von Kunstwerken aus Asien werden. „Uns geht es vor allem darum, die Grenze zwischen dem Eigenen und dem Anderen zu reflektieren und sie im wechselseitigen Austausch aufzulösen“, sagt J.C. Lanca, der das Ausstellungsprojekt zusammen mit Nya Luong kuratiert. Gezeigt werden elf künstlerische Positionen, die sich fotografisch, zeichnerisch, in Installationen und Videos mit dem Land Indonesien wie auch dem Begriff Identität allgemein beschäftigen, begleitet von einem umfassenden Filmprogramm. In den Arbeiten geht es um Vorurteile, Religion und die Blindheit einseitigen Denkens, die Zerstörung von Umwelt und lokalen Sozialstrukturen durch die globale Wirtschaft oder die Frage nach Authentizität und Selbstinszenierung. Prilla Tania versetzt sich in ihrem Videozyklus „Space Within Time“ mithilfe von Stopptrick-Animation in immer wieder neue Räume und ergründet dabei ihr Verhältnis zu ihrem Herkunftsland Indonesien. Mit den Wurzeln im wörtlichen Sinne beschäftigt sich der in Berlin lebende Künstler Yudi Noor, der seine Rauminstallation von dem Bild einer Wurzel her entwickelt. Noor benutzt für die Arbeit „Roar Mixed With Dust“ Kaffeebäume als Synonyme für sein Herkunftsland.

Nachdem die Kunstboom-Blase des rasant angewachsenen zeitgenössischen asiatischen Kunstmarkts geplatzt war, begann ein Großteil der hart auf dem Boden gelandeten indonesischen Künstlerschaft, sich wieder auf die Suche nach der eigenen Identität zu machen. Um sich in der internationalen Kunstwelt zu behaupten und ihren Arbeiten einen eigenen Stempel aufzudrücken, in­tegrierten viele traditionelle Symbole und Themen in ihre Kunst. Unter dem Titel „Denk an deine Herkunft“ (Consider your roots) grübelten fast hundert Künstlerinnen und Künstler aus 21 indonesischen Provinzen vergangenes Jahr auf Einladung der National Gallery of Indonesia’s Fine Arts über ihre nationale Identität in einer globalisierten Welt nach. Das Kollektiv „Forum Lenteng“ war dort mit seinem Video „Andy Ask“ vertreten. Hier ging es um überall in Jakarta wild geklebte Anzeigenzettel, um verzweifelt angebotene Arbeitskraft, die niemand wirklich braucht. Otty Widasari und Andang Kelana, Mitglieder des „Forum Lenteng“, bringen mit ihrer Rauminstallation „Translated Space“ ein Stück Leben aus Jakarta in Form einer Bibliothek nach Berlin. Das sozial engagierte Team von Videokünstlern und Journalisten wird so in der Ausstellung einen Einblick in seine Arbeit geben. „Die Bildung ist sehr teuer in Indonesien, das ist ein Problem“, so Widasari. „Wir übersetzen zum Beispiel englische Bücher ins Indonesische, damit viele Leute sie lesen und sich kulturell bilden können. Wir besorgen auch gute Filme und zeigen sie mit indonesischen Untertiteln.“ Was ihre Erwartungen an Berlin betrifft, so erklärt Widasari kurz nach ihrer Ankunft lachend: „Alle sagen, Ihr müsst nach Berlin, Berlin ist gut.“ Ob es gut ist, wird der Künstler Anang Saptoto herausfinden, wenn er seine Fotografien aus Indonesien im Laufe der Ausstellungszeit mit neuen Eindrücken aus Berlin mischt.

Text: Constanze Suhr
ID – Contemporary Art Indonesia
Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg, tgl. 12–19 Uhr bis 13.2.2011, Filmprogramm fsk Kreuzberg, www.id-berlin.org

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