Ausstellungen

Im Gespräch: Dr. Christine Fischer-Defoy über den Kunstfund in München

IrisVolkhard-Forberg_um1949_025-100-049StadtarchivDuesseldorf

Gut vernetzt: der Direktor des Düsseldorfer Kunstvereins Hildebrand Gurlitt (2. v. l.)

Der Handel mit „entarteter“ Raubkunst wurde in den Jahren 1938–41 von Hildebrand Gurlitt und drei weiteren Kunsthändlern abgewickelt. Nach welchen Vorgaben??
Alle von den Nazis geraubten Kunstwerke wurden in zwei Depots in Berlin eingelagert, im Schloss Schönhausen und in der Köpenicker Straße in Kreuzberg. Die vier mit dem Verkauf von „entarteter“ Kunst beauftragten Händler hatten die Freiheit, sich dort Bilder auszusuchen. Die einzige Maßgabe war, dass die Bilder ins Ausland verkauft werden, um der deutschen Bevölkerung den Anblick der „entarteten“ Kunst zu „ersparen“. Später hieß es, die unverkäuflich übrig gebliebenen 5?000 Werke seien 1939 in der Feuerwache in Kreuzberg verbrannt worden. Man kann aber heute mit Sicherheit sagen, dass von den Bildern, die angeblich verbrannt wurden, viele wieder aufgetaucht sind.

Wie konnte es Hildebrand Gurlitt gelingen, die Spuren seiner Sammlung zu verwischen? ?
Wenn man gutgläubig ist, kann man sagen, es herrschte nach dem Krieg einfach so ein Chaos, dass es möglich war, Werke verschwinden zu lassen. Wobei man weiß, dass Gurlitt einzelne Bilder an öffentliche Ausstellungen als Teil seines Privatbesitzes verlieh. Ich denke, es gehört ein Stück weit zur Ignoranz jener Jahre, dass man der Frage nach den jeweiligen Anspruchsverhältnissen sehr lange nicht nachgegangen ist. Heute wäre bei dem Namen Gurlitt klar, der war einer von den vier Kunsthändlern, da muss man nachforschen, wo die Bilder herkommen. Damals hat es aber niemanden irritiert, da war er fein raus.

Das Beschlagnahmegesetz der Nazis ist bis heute nicht aufgehoben worden. Warum??

Es wurde früher damit begründet, dass man keine neuen Rechtsunsicherheiten schaffen wollte. Aber natürlich hätte ein NS-Gesetz, das damit ein Unrechtsgesetz war, nach 1945 aufgehoben werden müssen. Es gibt heute neben der juristischen auch die moralische Seite: Mit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung hat sich die Bundesrepublik verpflichtet, verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut wieder zurückzugeben. Darunter würden wahrscheinlich viele der jetzt aufgetauchten Bilder fallen. Aber es ist eben nur eine Absichtserklärung. Ich finde es sehr unglücklich, dass die Provenienzforschung aufgrund der Washingtoner Erklärung von den Museen selbst betrieben wird, denn da besteht seitens der Häuser natürlich ein Interesse, die eigene Sammlung zu erhalten.

Wie stehen die Chancen, dass man herausfindet, wem welche Bilder ursprünglich gehörten??

Auf den Rückseiten von Gemälden gibt es häufig eine Reihe von Zeichen, Ziffern und Aufklebern, die ein geschulter Provenienzforscher zu entschlüsseln vermag. Der kennt Registriernummern von Beschlagnahmeaktionen oder Aufkleber von bestimmten Versteigerungen und kann so theoretisch den Weg, den ein Kunstwerk über die Jahre gegangen ist, zurückverfolgen. Diese Arbeit, muss jetzt auch beim Münchener Fund geleistet werden. Das kann nicht nur auf die Schultern von Meike Hoffmann von der FU gelegt werden, da muss man ein eigenständiges Forschungsprojekt draus machen – was ja jetzt eingeleitet wurde.

Christine_Fischer-Defoy_c-DanielaSchmidt-LangelsBerlin

Dr. Christine Fischer-Defoy ist Vorsitzende der Aktiven Museums, das sich der Aufarbeitung der Berliner NS-Zeit widmet.

Kann man einschätzen, inwiefern der Münchener Fund aus Raubkunst besteht oder die Werke eben doch auch aus Gurlitts legaler Sammlung stammen??
Wenn die komplette Liste dieser Werke ins Lostart-Register gestellt wird, können sich die Leute mit Besitzansprüchen melden. Dann hat man Anhaltspunkte, um das zu prüfen, zum Beispiel wann die Familie das Bild verfolgungsbedingt versteigern lassen hat oder ob es beschlagnahmt wurde et cetera. Das Schwierige ist, dass Gurlitt offensichtlich auch Leuten im Exil noch Bilder abgekauft hat – es gibt wohl einen Nachweis, dass er Max Beckmann in Amsterdam besucht und ihm da noch Bilder abgekauft hat. Also hat er manche der Bilder wirklich legal gekauft, in seiner Funktion als Sammler, aber es gibt auch bestimmt Bilder, die er aus dem Großfundus der beschlagnahmten sogenannten „entarteten“ Kunst entnommen hat.

Wie konnte es Cornelius Gurlitt gelingen, Bilder aus der Sammlung seines Vaters legal zu verkaufen, ohne Aufsehen zu erregen?
Das ist mir absolut schleierhaft, denn es gibt eine „Handreichung der Bundesregierung zur Washingtoner Erklärung“, ein Leitfaden mit 50 Seiten, darin werden die Namen dieser vier Kunsthändler aufgeführt und die Namen weiterer Händler, die mit Raub- und Beutekunst zu tun hatten, mit dem Hinweis darauf, dass der Name einer dieser Kunsthändler im Zusammenhang mit Provenienzrecherche schon ein „Alarmzeichen“ dafür ist, dass diese Werke nicht aus legalem Besitz stammen könnten. Insofern ist der Name Hildebrand Gurlitt schon seit Jahren bekannt und „verdächtig“. Es wundert mich schon sehr, dass bei ­bekannten Auktionshäusern scheinbar nicht genauer nach­gefragt wurde.

Spielt für die Auktionshäuser also Prestige eine größere Rolle als die Rechtmäßigkeit?
Ich würde eher sagen, bei Kunsthändlern untereinander herrscht eine merkwürdige Kollegialität. Die Gurlitts sind eine bekannte Kunsthändlerfamilie, da wird man vielleicht aus Respekt nicht misstrauisch nachfragen. Es wurde ja auch in den Zeitungen beschrieben, dass Cornelius Gurlitt als ein seriös wirkender Kunsthändlerssohn auftrat und wegen des Namens hat man ihm eben nichts Böses unterstellt – obwohl man das mit dem heutigen Wissen durchaus hätte tun können.

Interview: Lea-Maria Brinkschulte

Foto: Iris Volkhard-Forberg, um 1949 / Signatur, Stadtarchiv Düsseldorf (oben), Iris Daniela Schmidt-Langels, Berlin (unten)

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