Ausstellungen

„Indianische Moderne. Kunst aus Nordamerika“ im Ethnologischen Museum

Indianische_Moderne_DavidBradley_c_Claudia_Obrocki_Ethnologisches_Museum_SMBEine endgültige Lösung für das Dilemma hat Peter Bolz noch nicht gefunden. Seine Kuratorenkollegen an den Kunstmuseen meinen, so berichtet er, dass für die Indianische Moderne das Ethnologische Museum zuständig sei. Er und die anderen Mitarbeiter des Ethnologischen Museums dagegen fänden, die Kunsthistoriker müssten sich darum kümmern. „Doch solange die Kunstmuseen nichts mit dieser Art von Kunst zu tun haben wollen, sehen wir Ethnologen uns verpflichtet, diese Form von Kultur, denn Kunst ist ein Teil der Kultur, hier zu sammeln.“

Bolz ist seit 1989 Kurator am Ethnologischen Museum. Schon sein Vorgänger hatte moderne indianische Gemälde – modern bedeutet hier aus dem 20. Jahrhundert – angekauft. Doch Peter Bolz, der bereits in den 80ern ein Buch über indianische Kunst in Nordamerika geschrieben hatte, ging die Sache systematischer an. Auch, weil sein Museum zwar zu den Indianern Nordamerikas viele Exponate aus dem 19. Jahrhundert hat, für die letzten 100 Jahre dort jedoch eine riesige Lücke klaffte. „Ich habe überlegt, wie man das 20. Jahrhundert darstellen kann, ohne Tausende von Objekten zu sammeln. Die indianische Kunst ist insofern auch stellvertretend für die nicht vorhandenen Sammlungen zu Indianern des 20. Jahrhunderts.“ In einer Züricher Galerie entdeckte Bolz 1989 den Maler Lawrence Paul Yuxweluptun, heute einer der bekanntesten Künstler Kanadas, und erwarb drei Bilder. 1995 kaufte er für 15 000 Mark die Lithografie „Indian Portrait with Tomahawk“ (Abb.) von Fritz Scholder, damals das teuerste Werk der Sammlung und jetzt das Doppelte wert.

Doch die wichtigsten Ankäufe waren nicht Einzelbilder, sondern ganze Privatsammlungen, zuletzt von einem Ehepaar aus Würzburg, deren Kollektion großformatiger Gemälde die bedeutendsten indianischen Maler umfasste. „Es war schwierig, das durchzusetzen, aber wir konnten das Geld besorgen und die Sammlung ankaufen“, sagt Viola König, Direktorin des Ethnologischen Museums. Man sieht Königs Gesicht an, wie glücklich sie darüber ist. Denn nun werden sie und Peter Bolz – die beiden kuratieren die Aussstellung gemeinsam – mit rund 90 Werken aus eigenen Beständen die Entwicklung der modernen indianischen Kunst aufzeigen können; erstmals seit 1986, so lange ist die letzte große Schau zum Thema in Deutschland her. Die neue Ausstellung reicht von Aquarellen der 1930er-Jahre über Exponate der Woodland School in Ostkanada, wo Norval Morrisseau in den 50ern begann, Figuren aus alten Legenden zu malen, bis ins Jahr 2008. Jüngster Sammlungszugang sind zwei Videos, in denen auch der schwierige Markt für indigene nordamerikanische Kunst reflektiert wird.

Indianische_Moderne_HarryFonseca_c_Dietrich_Graf_Ethnologisches_Museum_SMBDoch wie definiert man moderne indianische Kunst? Grenzt man mit dem Begriff nicht eine Minderheit ab und wieder aus? Die nordamerikanischen Ureinwohner sind nur knapp dem Ethnozid entgangen, waren lange eine fast rechtlose Minderheit und leben heute immer noch am gesellschaftlichen Rand. Indianische Künstler arbeiten stilistisch sehr verschieden. Was sie eint, ist ihre soziale und politische Situation. „Übergreifendes Thema ist die Selbstbehauptung in der nordamerikanischen Mehrheitsgesellschaft“, sagt Viola König. „Die Künstler brechen Klischees auf. Es ist immer auch eine politische Aussage in den Bildern, oft mit viel Humor. Und die Bilder strahlen ein unglaubliches Selbstbewusstsein aus.“ Eines dieser Klischees ist der Zigarrenladen-Indianer, eine mannshohe Holzfigur mit bodenlangem Federschmuck, die als Werbung vor den Zigarettenläden steht. Das Motiv greift Harry Fonseca in „Coyote – Cigarstore Indian“ auf. Statt eines Menschen steckt er einen Kojoten – in indianischer Tradition ein Verwandlungskünstler – ins Indianerkostüm und verfremdet es mit Jeans und Lederjacke.

Eines der komplexesten Gemälde, ironischerweise im Stil der naiven Malerei gehalten, ist „Pueblo Feast Day 2005“ (Abb.) von David Bradley. Ohne Wissen um den Kontext lässt es sich nur schwer verstehen, doch darin unterscheidet sich die Indianische Moderne nicht sehr von spätmittelalterlichen Darstellungen. Bradley stellt einen Tag der offenen Tür im Dorf dar. Links sitzt der indianische Gastgeber am Tisch. Neben ihm haben bekannte Figuren Platz genommen. Der maskierte Mann ist Lone Ranger, ein TV-Serienstar, mit dem Indianer Tonto als Sidekick. Links daneben raucht Mona Lisa. Das verhärmte Farmerehepaar ganz links stammt aus dem Gemälde „Amercan Gothic“ von Grant Wood, der Mann ganz rechts aus einem Bild von Renй Magritte. „Es geht bei Bradley immer um das gespannte Verhältnis von weißer Mehrheit und indianischer Minderheit“, erklärt Peter Bolz die seltsame Versammlung.  

Zentrum der indianischen Kunst ist Santa Fe, weil dort 1964 das Institute of American Indian Arts gegründet wurde, wo viele der Künstler studiert haben. In Nordamerika sammeln mittlerweile einige große Museen moderne indianische Kunst. In Europa dagegen findet man diese Bilder noch nicht einmal in den Galerien. Das wird sich vermutlich bald ändern. Bis dahin können wir froh sein, dass sich das Ethnologische Museum für die Kunst der Indianischen Moderne zuständig erklärt hat.

Text: Stefanie Dörre

Foto: Claudia Obrocki (oben), Dietrich Graf / Ethnologisches Museum / SMB

Indianische Moderne. Kunst aus NordamerikaEthnologischey Museum, Lansstraße 8, Dahlem, Di–Fr 10–18 Uhr,
Sa+So 11–18 Uhr, 3.3.–28.10.

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