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Interview mit Anton Corbijn

Interview mit Anton Corbijn

tip Herr Corbijn, Sie sind in diesem Jahr 60 gewor­den. Ist die Ausstellung bei C/O Berlin eine Bilanz Ihres Lebenswerks?
Anton Corbijn Mein Schwerpunkt hat sich auf das Filme­machen verlagert, weg von der Fotografie. Das zu machen, was in der Ausstellung zu sehen ist, bedarf viel Zeit und Energie, die ich wegen der Filme nicht mehr habe. In diesem Sinne ist diese Phase meines Lebens vorbei. Ich werde zwar immer fotografieren, aber anders. Dann kam der 60. Geburts­tag, und aus dieser Perspektive fand ich einen Rückblick interessant.

tip Wie hat sich die Bedeutung der Musik über die letzten 40 Jahre verändert?
Anton Corbijn Heute ist jeder Song, jedes Video und jedes Foto sofort im Internet verfügbar und damit kein Geheimnis mehr. Und die Musik ist nicht mehr die Stimme einer Generation. Sie ist Teil des großen Entertain­ment-Pakets, eine der vielen Sachen, die man machen kann, um sich auszudrücken. Als ich aufgewachsen bin, gab es nichts anderes, und die Musik stand im direkten Widerspruch zu dem, was die Eltern repräsentiert haben. Sie gehörte mir. Heute sind die Eltern selbst mit Pop­musik aufgewachsen. Sie hören vielleicht nicht die neuesten Hip-Hop-Künstler, aber die Distinktion ist verschwunden. Musik hat nicht mehr den rebellischen Aspekt.

tip Ist Ihre Ausstellung auch eine Dokumentation dieses rebellischen Geistes?
Anton Corbijn Vielleicht, jedenfalls wollte ich nur meine Musik­fotografie zeigen, weil ich denke, dass meine ­Position in der Branche ziemlich einzig­artig ist. In Bezug auf die Menge der Musiker, mit denen ich gearbeitet habe, auf deren Bedeutung, auf die Bedeutung, die die Fotos bekommen haben, und auf die lange Zeit, teilweise Jahrzehnte, die ich einige der Künstler begleitet habe.

tip Darunter U2, Herbert Grönemeyer, Tom Waits, Nick Cave. Wie sind diese langjährigen Beziehungen entstanden?
Anton Corbijn Man arbeitet zusammen, und wenn es funktioniert, arbeitet man wieder zusammen. Im besten Fall entsteht daraus eine Freundschaft. Aber es war immer ein organischer Prozess, man fängt nicht mit einer Band an und denkt, ich hoffe, wir werden die nächs­ten 30 Jahre zusammen Fotos machen. Es gab aber auch Unterschiede. Von Joy Division und Tom Waits war ich Fan, aber U2 und ­Depeche ­Mode waren keine Bands, die ich anfangs mochte.

tip Sie wollten nur Bands fotografieren, deren Musik Sie auch mochten?
Anton Corbijn Ich wuchs auf einer kargen holländischen Insel auf, in einer sehr religiösen Familie, und die Musik von Bands wie Joy Division war für mich ein Mysterium, sie hat mich fasziniert. Die Kamera war nur eine Entschuldigung, um in die Nähe der Musiker zu kommen oder ganz vorne beim Konzert zu stehen. Ich war Fan und hatte von Fotografie keine Ahnung, also musste ich mir alles selbst beibringen.

tip Bekannt wurden Sie mit kontrast­reichen, körnigen Schwarz-Weiß-Fotos. Wie kamen Sie zu dieser visuellen Sprache?
Anton Corbijn Als ich mit der Fotografie begann, habe ich einige amerikanische Musikfotografen entdeckt, die ich mochte, Jim Marshall, Elliot Landy und David Gahr und den Engländer Michael Cooper, die hatten alle diesen dokumentarischen Aspekt. Außerdem gab es einige holländische Fotografen, die in den 1970er-Jahren politische Reportagen in Nicaragua und Chile machten und politisch eher links standen. Deren Bilder waren sehr düster, kontrast­reich, natürlich schwarz-weiß. Später prägten mich auch Klassiker wie Robert Frank, W.?E. Smith und Dorothea Lange. Und am Ende fand ich meinen Weg, Fotos zu machen, und die Leute nennen das meinen Stil. Aber tatsäch­lich ist es meine Unfähigkeit, es anders zu tun.

tip Es heißt, Sie würden mit Ihren Porträts den Charakter eines Menschen hervorholen, seine ­Seele sogar. Würden Sie dem zustimmen?
Anton Corbijn Nein. Vielleicht hätte ich dem vor 20 Jahren zugestimmt, aber heute denke ich, dass dieser Anspruch unmöglich ist. Bei mir als Porträtfotograf verbinden sich im idealen Fall drei Dinge in einem Bild: Es sagt etwas über die Person, es sagt etwas über mich, weil ich als der Porträtierende nicht neutral bin, und es zeigt eine neue Sichtweise auf den Porträtierten, sodass das Bild nicht wie irgend­ein anderes Bild aussieht, das von dieser Person gemacht wurde. Die Balance zwischen diesen drei Aspekten zu finden, ist die Herausforderung.

tip Arbeiten Sie lieber mit Frauen oder mit Männern?
Anton Corbijn Offensichtlich sind die meisten Künstler, mit denen ich gearbeitet habe, Männer. Das liegt auch daran, dass als ich Ende der 1970er-Jahre damit begann und damals die meisten Bands aus Männern bestanden. Es gab Ausnahmen wie Siouxsie Sioux oder The Slits, aber es war schon eine sehr männer­dominierte Welt. Zudem war ich recht schüchtern, und es fiel mir schwerer, Frauen anzusprechen.

tip Die Schüchternheit haben Sie dann abgelegt?
Anton Corbijn Schon, doch in den 1980er-Jahren drehte sich viel um Glamour, und ich bin kein Glamour-Fotograf, sondern mache lieber ein interessantes statt ein schönes Bild. Frauen achten vielleicht mehr auf ihr Aussehen, und das könnte auch ein Grund sein, dass manche Frauen andere Fotografen bevorzugt haben. In den 1990er-Jahren habe ich dann aber doch mit einigen der Top­models gearbeitet, Naomi Campbell etwa oder Christy Turlington.

tip Gibt es in Ihrer Karriere eine Heraus­forderung, die Ihnen noch bevor­steht?
Anton Corbijn Ich habe mit 51 mit dem Filme­machen begonnen, das war schon recht spät, um mit etwas völlig Neuem anzufangen. In Zukunft würde ich gern Geschichten erzählen, die wirklich von Bedeutung sind, die etwas über unser Leben aussagen, aber vielleicht auch mal eine düstere Komödie.

Interview: Jacek Slaski

Foto: Stephan van Fleteren

Anton Corbijn. ­Retrospektive C/O Berlin, Hardenbergstr. 22-24, ?­Charlottenburg, tgl. 11–20 Uhr, ?bis 31.1.2016; Do 24.12. geschlossen, ?Fr 25.12. 14–20 Uhr, ?Do 31.12. 11–17 Uhr, ?Fr 1.1.2016 14–20 Uhr

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