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Interview mit Corinne Wasmuht

Komplexe Räume darstellbar zu machen, die nicht nur die Realität, sondern auch die bisherige Vorstellungskraft übersteigen, ist ein Leitmotiv in Wasmuhts Arbeiten. Mit großformatigen Gemälden – mehrere Meter breit und hoch, in leuchtenden Ölfarben, oft in
Lasurtechnik, auf Holz gemalt – gehört sie international zu den wichtigen Gegenwartskünstlern und war u. a. auf die Venedig-Biennale 2013 eingeladen. An der Kunstakademie Düsseldorf hat Wasmuht, 1964 in Dortmund geboren und in Argentinien und Peru aufgewachsen, von 1983 bis 1992 studiert. Sie ist Professorin an der Kunstakademie in Karlsruhe und lebt in Berlin.

Corinne  Wasmuht

tip Frau Wasmuht, was gibt es hier in Ihrem Atelier, das uns Ihrer Arbeitsweise näherbringt?
Corinne Wasmuht Zum Beispiel, dass es so ordentlich ist. Wenn es chaotisch wäre, würde ich durchdrehen. Ich war mal die unordentlichste Künstlerin, die es in Düsseldorf gab. Dann, von Bild zu Bild, wurde ich ordentlicher. Und jetzt bin ich echt pingelig.

tip Sie haben eine riesige Fotosammlung und mit Collagen angefangen.
Corinne Wasmuht Man darf meine Collagen nicht mit meinen Bildern vergleichen. Die analogen Collagen sind hauptsächlich aus den 90er-Jahren. Aber ich habe von diesen Collagen keine einzige für ein Bild übernommen. Ich sample dort meine zufälligen Fundstücke. Die Elemente, die auf den Bildern dargestellt sind, recherchiere ich gründlich. Da möchte ich nichts dem Zufall überlassen. Es gibt zum Beispiel jede Menge Haare-Collagen, aber nicht eine davon verwendete ich für die Bilder „Haare I-III“. Zuerst dachte ich mir eine wellenförmige Struktur aus und dann recherchierte ich nach entsprechenden Frisuren. In der Bibliothek der Kunstakademie in Düsseldorf habe ich zum Beispiel alle Kunstgeschichtsbücher durchgeblättert und alle Frisuren einzeln fotokopiert. Diese Frisuren sind mit ihren Zöpfen und Mustern viel inte­ressanter als die, die man in den Zeitschriften findet. Ein Buch über afrikanische Frisuren habe ich dazugekauft. Daraus entstanden Bleistiftskizzen, dann erst die Bilder. Die sind fast drei Meter hoch. So ein Bild zu malen, die ganzen Linien, hat Monate gedauert, die Recherche davor auch. Ursprünglich wollte ich für jede Haarfarbe ein Bild malen, was ich aber dann schnell wieder verwerfen musste, sonst würde ich ja heute noch daran malen!

tip Faszinierte Sie bei den Frisurenbildern die formale Qualität der Haare als Linien??
Corinne Wasmuht Ja. Ich hatte davor auch eine Sammlung mit Fingerabdrücken. Mich interessierte die Linie am Körper. Nicht nur das Muskelgewebe besteht aus Fasern, d. h. Linien, auch die Knochen. Das habe ich damals verfolgt. Nach den Haaren war es dann aber auch gut. Dann ging das in die Räume über.

tip Die von Ihnen gemalten Räume sind ex­trem komplex. Einige scheinen wie viele ineinander übergehende Räume zu funktionieren. Alles passt ineinander und doch nicht.
Corinne Wasmuht Das sind perspektivische Zeichnungen und eben Linien und Räume, die rein- und rausgehen. Man benützt 3D-Elemente, aber das Bild ist dann doch flächig, zweidimensional. Es ist ein ewiges Gleiten. Das ist eine Auseinandersetzung mit der zweidimensionalen Fläche als dem „Nichtraum“ im Bild, im Gegensatz zum realen Raum, den wir jeden Tag subjektiv erfahren.

tip Wie konstruieren Sie die Raumgebilde?
Corinne Wasmuht Die Grundidee ist da, dann fange ich an, die Fotos zu bearbeiten, bis sie meinem inneren Bild, meiner inneren Vision oder Vorstellung entsprechen. Meistens gelingt es mir nicht auf Anhieb. Wenn es mir dann am Ende gelingt oder ich dem wenigstens nahekomme, dann bin ich erst mal überrascht und dann total glücklich über das Ergebnis. So wie wenn mir ein Schnappschuss einer Fata Morgana oder eines Traumbildes gelingen würde. Ich gehe einerseits intuitiv ran, andererseits ist die Intuition mit dem vorherigen Wissen gekoppelt.

Corinne Wasmuht

tip Wie viele Bilder gibt es von Ihnen?
Corinne Wasmuht Mein Gesamt-Њuvre beträgt bis jetzt 80 Bilder. 25 Jahre und 80 Bilder, das ist echt wenig.

tip Ihre jüngeren Bilder sehen so aus, als lägen verschiedene stark beschädigte digitale Bilder hintereinander.
Corinne Wasmuht Durch die Computertechnik konnte ich auf einmal die Entwürfe viel schneller entwickeln und viel mehr experimentieren. Ich zeige nie die Computerausdrucke, da sie im Vergleich zum Bild total schäbig sind. Durch die Malerei bekommt alles eine andere Stofflichkeit, ein anderes Licht.

tip Wie lange arbeiten Sie schon an dem Bild, das hier aktuell im Atelier hängt?
Corinne Wasmuht Seit April. Und das wird bis September gehen. Die richtigen Probleme kommen erst noch. Anfangs geht es immer schnell, weil es nur ums Übertragen der Skizze geht. Und dann passiert es wie mit diesem Braun, das mir nicht gefällt … Es wird viel gemalt und wieder weggeputzt.

tip Warum arbeiten Sie nachts?
Corinne Wasmuht Weil dann keiner anruft. Das Licht in der Nacht ist ein künstliches. Hier im Atelier sind Spezialröhren installiert. Das wirkt fast wie Tageslicht mit einem weißen Licht gemischt. Man könnte es auch Astronautenlicht benennen, weil man darin das Gefühl für die Zeit verliert. Tageslicht macht mich zudem verrückt, da es sich im Laufe des Tages dauernd ändert.

tip Sie lieben Malerei?
Corinne Wasmuht Je nach dem. Malerei kann auch das Schlimmste sein, was es gibt. Sie ist so unberechenbar. Die Farbe trocknet zum Beispiel immer anders als kalkuliert ein. Alles wird psycho, man wird abergläubisch, man kämpft, vor allem gegen sich selbst, aber auch gegen den falschen Pathos. Am schlimmsten ist es, wenn ich ein Bild versaue. Da wünsche ich mir oft die Rückwärtstaste, die man am PC hat. Diese Gefühle haben aber alle Maler, die ich kenne.

tip Warum schlimm?
Corinne Wasmuht Weil das Unterbewusstsein dazwischenfunkt und man irgendwie anders drauf ist. Deshalb ist mein Arbeitsbereich auch so picobello. Wenn man um die Bilder kämpft und dann noch Chaos drumherum herrscht, wird es gefährlich!

tip Wo sind Ihre Bilder?
Corinne Wasmuht Glücklicherweise sind fast alle in Museen oder bei guten Sammlern.

tip Möchten Sie Ihre Bilder nicht behalten?
Corinne Wasmuht Nein. Sobald ein Bild beendet ist, nach dieser intensiven Arbeit mit dem dazugehörigen Wechselbad von Euphorie und Depression, kann ich es mir nicht mehr anschauen. Aber auch, weil ich immer schaue, was ich noch weiter daran malen könnte.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Corinne Wasmuht/ Achim Kukulies, Harry Schnitger (Porträt)

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, Di–So 11–19 Uhr, 04.07.–10.08.

Wir verlosen 5 x 2 Freikarten für die Ausstellung Käthe-Kollwitz-Preis 2014: Corinne Wasmuth

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