Ausstellungen

Interview mit Arno Brandl­huber

Interview mit dem Architekten Arno Brandl­huber

Eigentlich will Brandlhuber ein 600-Seiten-Manifest unter die Leute bringen, das Stadtplanung nicht als Entweder-oder, sondern als Sowohl-als-auch begreift.

tip Herr Brandlhuber, wie machen Sie eine ?Arno Brandl­huber Ausstellung mit so spröden Objekten wie den Modellen von Architekturwettbe­werben?
Arno Brandlhuber?Die Berlinische Galerie hat seit der Wende alle Modelle der Preisträger zu Architekturwettbewerben in Berlin eingelagert, das sind zweieinhalb- bis dreitausend. Bisher ist keine Archivierung erfolgt, die diesen Bestand zugänglich machen könnte. Nun kommen jeden Dienstag neue Modelle mit dem Laster aus dem Außenlager im Ullsteinhaus und wir inventarisieren sie innerhalb der Ausstellung.

tip Das heißt, Sie können noch gar nichts über die Ergebnisse Ihrer Recherche sagen, weil Sie damit noch gar nicht angefangen haben?
Arno Brandl­huber Diese Archivierung fungiert letztlich wie ein Kommentar zu unserem Buch „The Dialogic City. Berlin wird Berlin“. Und dieses Buch ist die Ausstellung. Nicht der Ausstellungskatalog. Das Verhältnis dreht sich um. Jeder Besucher bekommt das Buch für seine Eintritts­karte. Man kann ja nicht in der Ausstellung 600 Seiten lesen.

tip Aha. Und der Buchtitel klingt nach These.
Arno Brandl­huber „The Dialogic City. Berlin wird Berlin“ geht aus von einem Begriff des französischen Philosophen Edgar Morin. Er hat das dialogische Prinzip dem dialektischen Prinzip entgegengestellt. Das dialektische Prinzip, verkürzt gesagt, wäre These, Antithese, Synthese, wobei die beiden Ausgangssituationen These und Antithese in einer neuen, der Synthese, aufgehen und damit verschwinden. Bei Morins dialogischem Prinzip bleiben die beiden Ausgangssituationen erhalten, und trotzdem entsteht etwas Neues.

tip Klingt kompliziert. Wie kann man das auf Stadtplanung anwenden?
Arno Brandl­huber Nehmen wir als Beispiel den Volksentscheid zu Tempelhof. Er ließ nur die Wahl, entweder Randbebauung oder gar keine Bebauung. Es war aber keine Möglichkeit, zu sagen, es soll das ganze Feld freigehalten werden, und wir wollen trotzdem Wohnungs­neubau.

tip Wie könnte das gehen?
Arno Brandl­huber Schauen Sie auf das Bild (oben): Soll das Feld komplett frei bleiben und will man gleichzeitig 3.000 Wohnungen bauen, könnte man dazu kommen, eine Art Bikini-Haus oben auf dem Flughafengebäude zu positionieren, denkmalgerecht, mit dem nötigen Abstand zu dem historischen Bau. Gleichzeitig steht das Dach des Flughafengebäudes, das als Tribüne für Luftschauen ausgebildet ist, als Aussichtsplattform zur Verfügung. Ein Entweder-oder produziert auf jeden Fall Verlierer. Es hätte aber eben auch andere, dialogische Lösungen geben können.

Stadt/Bild

tip Und die Gentrifizierungs­frage? Wie kann da das dialogische Prinzip ansetzen?
Arno Brandl­huber In Berlin ist der Zustrom von Wohnungs­suchenden und von Kapital in den Wohnungs­neubau in den letzten Jahren rasant gestiegen. Es gibt also genug Investoren­interesse, auch bestehende Situationen weiter zu verdichten. Das Land Berlin hätte die Möglichkeit, von seiner Gesetzgebungs­kompetenz Gebrauch zu machen: Wenn du, Hauseigentümer, gern aus ökonomischen Verwertungs­interessen noch ein Geschoss oben auf dein Haus drauf­bauen möchtest, ein Penthouse, dann könnten wir dir das auch über das bestehende Bau­recht hinweg genehmigen. Im Gegenzug müsstest du im selben Gebäude in einem anderen Geschoss die gleiche Fläche für 6,50 Euro Miete pro Quadratmeter zur Verfügung stellen.

tip Gibt es daran bei den Hauseigentümern Interesse?
Arno Brandl­huber Wir haben dazu für unser Buch eine Umfrage gemacht. Und 85 Prozent der Haus­eigentümer sagen, natürlich wäre das interessant. So könnte der Eigentümer ökonomisch agieren, indem er oben hochpreisigen Wohnungs­neubau realisiert, und auf der anderen Seite hätte man in den zentralsten Lagen zusätzliche Mietflächen für 6,50 Euro. Und 60 Prozent der interessierten Haus­eigentümer würden dabei sogar ein Belegungs­recht der Stadt akzeptieren können.

tip Wäre jetzt der richtige Moment für den Senat, zu handeln, weil aktuell viel mehr Investoren bauen wollen als noch vor fünf, sechs Jahren?
Arno Brandl­huber Ja. Stadtpolitik kann jetzt wesentlich selbstbewusster agieren. Die Verwaltung kann sich mehr zutrauen und und unter anderem auch von ihren legislativen Instrumenten Gebrauch machen. Ich habe größte Hoffnung, dass mit dem Wechsel Michael Müllers vom Stadt­entwicklungs­senator zum Regierenden Bürgermeister die Stadtentwicklungs­fragen im Senat jetzt sehr viel zentraler wahrgenommen werden als vorher. Obwohl die Party­frage auch wichtig war.

tip Sie spielen auf Klaus Wowereit an, der anfangs als Party-Bürgermeister gehandelt wurde.
Arno Brandl­huber Die große Party Berlin hat ganz viel von dem neuen Narrativ Berlins ausgemacht. Das vierte Kapitel unseres Buches zielt auf Berlins „Fremdbild und Eigenlogik“. Berlin ist maßgeblich, so sehr wie vielleicht keine andere Stadt, von verschiedensten Erzählungen geprägt: Spree-Athen, obwohl Schinkel nie in Griechenland war, Spree-Chicago, die Weltstadt in den 20er-Jahren und viele andere. Man kann gut beobachten, dass diese Narrative immer wieder auftauchen. Wenn vor Kurzem im Zusammenhang mit dem Schloss­neubau das neue Ausstellungskonzept „Welt.Stadt.Berlin“ heißen sollte, dann ist klar, dass damit der Weltstadtmythos der 20er-Jahre bemüht werden sollte, auf Web-Deutsch. Und auch die kritische Rekonstruktion unter Stimmann kann als eine dieser früheren Erzählungen gelesen werden.

tip „Berlin wird Berlin“, der zweite Teil des Ausstellungstitels, postuliert mindestens zwei verschiedene Berlins. Sind das auch unterschiedliche Narrative?
Arno Brandl­huber Im geteilten Berlin war klar, die Stadt ist ein Ausnahmezustand. Und auch im wieder­vereinigten Berlin war die Tatsache, dass man in der Mitte der Stadt Clubs wie den Tresor betreiben konnte, ein Ausnahmezustand. Was man jetzt feststellt, ist, dass in Berlin Normalität einkehrt.

tip Das macht mir fast ein bisschen Angst, weil es in der Normalität die Nischen, die vieles ermöglicht haben, nicht mehr gibt.
Arno Brandl­huber Nischen, die nun vor allem in der Erinnerung existieren.

tip Dieses Berlin der Möglichkeiten ist nur noch eine nostalgische Erzählung?
Arno Brandl­huber Und diesen nostalgischen Erzählungen sollte man entgegnen: Leute, wir können uns Berlin nicht rückwärts schönreden. Wir leben eine vielfache Rück­orientierung: auf die Nach­wendezeit, auf die 20er-Jahre, auf das preußische Berlin.

tip Hindert uns das daran, zukunftsfähig zu sein?
Arno Brandl­huber Ja! Die nostalgischen Erzählungen von Berlin hindern uns dran, wenn wir sie nicht weiter­denken!

tip Deshalb müssen wir sie abschütteln?
Arno Brandl­huber Nein, nicht abschütteln. Aber wir sollten Vorstellungen für Lösungen im Hier und Jetzt entwickeln. Und nicht nur rückwärtsgerichtete architektonische Bilder und Typologien realisieren. Im Wohnungsneubau soll immer noch eine Art Einheitswohnung, die sich an der Kernfamilie Vater, Mutter, Kinder orientiert, alle Bedürfnisse abdecken. Dabei stellt die Kleinfamilie gar nicht mehr die Mehrheit der Wohnungssuchenden. Und sehr viel mehr Nutzer als früher müssen zum Beispiel Wohnen und Arbeiten miteinander verknüpfen. Wir haben in Berlin Bedarf an 500.000 solcher Wohn-Arbeits-Räume, längst nicht mehr nur für das Kultur-Prekariat. Aber sollen die Kunden und Mitarbeiter einer selbstständigen alleinerziehenden Grafikdesignerin in den 4. Stock hochgehen, an den Schuhen der Nachbarn entlanglaufen und ihr Büro suchen?

tip Wenn man ins Geschäft kommen möchte: nein.
Arno Brandl­huber Man könnte jetzt ganz unterschiedliche Wohnungstypen bauen, differenzierte Angebote anstelle der immer gleichen: wohn- und arbeits­orientierte, kinderfreundliche, altenfreundliche, sehr günstige Wohnungen, weil die Standards niedrig sind, sehr teure mit Luxusstandard usw. Man könnte Wohnen viel weiter ausdifferenzieren. Am besten in einem Haus. Denn selbst innerhalb eines Hauses halte ich soziale Homogenität, kulturelle Homogenität und jede andere Form von Homogenität nicht für die richtige Richtung.

tip Sie werden als ein radikaler Architekt und Stadt-Neudenker gehandelt. Aber Ihre These der dialogischen Stadt ist eher versöhnlich.
Arno Brandl­huber Das stimmt. Ich habe mich bislang gegen ein architektonisches Bild und eine Vorstellung von Berlin positioniert, das einer steinernen Tapete glich. Und ich stelle jetzt nach ein paar Jahren in Berlin fest, Opposition mag sich zwar gut anfühlen, aber führt nicht unbedingt weiter.

tip Trotzdem soll Ihr Buch Berlin verändern.
Arno Brandl­huber Das Dialogische als Prinzip zu implementieren könnte viel von den momentanen Gegenüber­stellungen und Blockaden in Berlin lösen.

Interview: Stefanie Dörre

Foto: Arno Brandlhuber / Cornelia Müller / alle Rechte The Dialogic City/ David von Becker; Courtesy Heike Gallmeier


Die Vier Ausstellungen zu Stadt/Bild:

Berlinische Galerie Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg, Mi–Mo 10–18 Uhr, „The Dialogic City“, 16.9.–21.3.2016

KW Institute for Contemporary? Art Auguststr. 69, Mitte, Mi–Mo 12–19 Uhr, Do 12–21 Uhr, „Welcome to the -Jungle“, 16.9.–15.11.

Deutsche Bank Kunsthalle Xenopolis“, 16.9.–8.11., siehe S. 29

Mehr über Cookies erfahren