Ausstellungen

Interview mit dem spektakulären Künstler Olafur Eliasson – Teil 2

Olafur-Eliasson-Installationtip Die Institutionen haben gefälligst der Kunst zu dienen, nicht die Kunst den Institutionen. Müssen sich die Künstler inzwischen gegen Institutionen wehren?
Eliasson Nein, das ist komplexer. Weil sie die finanzielle Unterstützung von der öffentlichen Seite kriegen, müssen die Institutionen sich gegenüber den Politikern rechtfertigen. Und damit die Politiker die Arbeit der Kulturinstitutionen verstehen, muss alles quantifizierbar sein. Aber qualitative Ansprüche in einem Museum lassen sich nun mal nicht so einfach quantifizieren. Darum gehen die Institutionen manchmal Kompromisse ein, das ist ein Riesenproblem. Wir müssen uns fragen: Wie schaffen wir ein institutionelles System, das wirklich proaktiv für die Stadt arbeitet? Das war in Berlin lange nicht der Fall. Die Institutionen haben Ausstellungen gemacht, die vorhersehbar waren, die die Politiker von ihnen erwartet haben. Das war alles. Und auf eine unauffällige Art und Weise sind 20 Jahre einfach vorbeigegangen.

tip Die letzten 20 Jahre hat sich Berlin neu erfunden.
Eliasson Die Stadt ja, die Museen nicht.

tip Mussten die warten, bis jemand wie Udo Kittelmann, seit November 2008 Direktor der Nationalgalerie, kommt?
Eliasson Hoffentlich schafft er das.

tip Die Künstlerlandschaft in Berlin hat sich in den letzten 20 Jahren radikal gewandelt.
Eliasson Unglaublich, was sich da alles verändert hat. Ich bin 1994 hierher gezogen, und die Unterschiede in der Stadt von ’94 bis ’98 waren brutal. Da ist viel mehr passiert als von ’98 bis 2008, wobei da immer noch sehr viel passiert ist. In Berlin vergisst man das manchmal. Man geht hier zu einer Ausstellungseröffnung, wo so viele Leute sind, dass man die Straße schließen muss. Da werden zehn, fünfzehn Sprachen gesprochen. Und das in Gruppen. Da steht eine Gruppe Portugiesen, eine Gruppe Franzosen, eine Gruppe Griechen. Das gibt es kaum anderswo in der Welt.

tip Sie haben Recht, das fällt uns hier kaum noch auf.
Eliasson Die Kunstszene im East Village in den 70ern, das waren vielleicht 5000 Leute, mit allem in New York, was gehen konnte, also von Andy Warhol bis zum Straßentheater, die ganze Experimentalszene. Nur in Berlin gab es vor hundert Jahren ein ähnliches Phänomen, und jetzt wieder. Hier leben 25 000 bis 50 000 Leute, die kreativ sind, und ihr Durchschnittsalter ist unter 30. Das unterschätzt Berlin sehr.

tip Uns fehlt da manchmal der Blick von außen.
Eliasson Hier ist eine riesige, nicht-normative Kunstlandschaft entstanden, weil Tausende von Künstlern in Berlin sind. Das große Problem ist, dass die Stadt über die letzten 20 Jahre keine gesunde Infrastruktur aufgebaut hat, mit der man oberhalb dieser subkulturellen Ebene einen Künstler aufbauen kann. Wir haben jetzt leider eine zunehmende Polarisierung. In Berlin leben sehr, sehr bekannte Künstler, die sehr großen internationalen Erfolg haben. Darunter gibt es einen großen leeren Raum. Und dann gibt es eine unglaublich große Subkultur, junge Künstler, die gerade von der Kunsthochschule kommen. Sie kommen nicht rein ins System.

tip Was läuft da falsch?
Eliasson Was fehlgeschlagen ist in den letzten 20 Jahren, ist nicht, dass die Museen keine Signatur entwickelt hätten. Fehlgeschlagen ist, dass es in der Stadt kein System gibt: Wie kommt der Künstler von hier unten vielleicht nicht ganz hoch, aber zumindest zum internationalen Erfolg? Schritt für Schritt: Wo ist die Leiter, die man hochkrabbelt?

Olafur-Eliassontip Sie gehören zu den erfolgreichsten Künstlern der Gegenwart. Wo war Ihre Leiter?
Eliasson Meine Leiter war eine extrem gute Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Leuten, die mir vertraut hat. Und ich hatte das Glück, dass ich meine Arbeiten in verschiedenen Kunsthallen, Gruppenausstellungen und kleinen Einzelausstellungen zeigen könnte. Das hat sich ganz langsam entwickelt. Alle sagen, die Tate war für mich der große Erfolg. Aber eigentlich war ich zu dem Zeitpunkt, als ich 2003 die Tate-Ausstellung gemacht habe, schon lange in der Kunst unterwegs.

tip „The Weather Project“ in der Tate Modern hatte 2,2 Millionen Besucher, so erfolgreich war noch keine andere Ausstellung eines Gegenwartskünstlers.
Eliasson Diese Ausstellung war der Moment, an dem auf einmal die breite Öffentlichkeit auf meine Arbeit traf. Aber die Tate hätte mich nicht gefragt, hätte ich nicht vorher schon ausgestellt. Für meine Entwicklung war es wichtig, dass es keinen so ausgesprochenen Kunstmarkt gab, als ich die Akademie verließ. Das war ’91, da war auch Finanzkrise, und die Idee, dass ich meine Arbeiten mal verkaufe, war vollkommen utopisch. Tim Neuger und Burkhard Riemschneider von neugerriemschneider, wo ich meine erste Galerie-Ausstellung in Berlin hatte, haben das einfach gemacht und nebenher gejobbt.
Das hat eine andere Qualität geschaffen. Wir haben an Sachen gearbeitet, nur weil wir daran glaubten, und nicht, weil sich das finanziell lohnen könnte.

tip Glauben die jungen Künstler nicht mehr so bedingungslos an ihre Arbeit?
Eliasson Das will ich nicht sagen, aber es war damals grundsätzlich anders. Junge Künstler, die vor drei, vier Jahren aus der Hochschule kamen, trafen auf einen Markt mit unglaublich viel Geld. Das hat zur Zersplitterung der Kunstszene beigetragen. Es gibt Einzelne, boom: die sind ganz berühmt von heute auf morgen. Das hat mit Vermarktung zu tun, und damit, dass die Institutionen die Kunst einfach dem Markt überlassen haben.

tip Wie kann man das ändern?
Eliasson Beispielweise durch Museums-Gruppenausstellungen. Die jungen Künstler, die in Berlin arbeiten, werden hier nicht ausgestellt. Dabei gibt es in Berlin viele unglaublich tolle Künstler. Und ich sage es euch: Die werden vorher in Museen in Amerika ausstellen, bevor die hier eine Ausstellung bekommen.

tip So wie es bei Ihnen auch war.
Eliasson Berlin muss sich seinen fantastischen Reichtum an Kunst bewusst machen. Das ist das Potenzial der Stadt. Dieser Reichtum inspiriert auch mich jeden Tag.

tip An wie vielen Projekten arbeiten Sie im Moment?
Eliasson Ich arbeite immer an drei bis vier größeren Projekten, und alle haben ein bis drei Jahre Vorlaufzeit. Ich kann im Jahr eine große und ein paar kleine Museumsausstellungen machen, dieses Jahr habe ich nur die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Alles andere sind Arbeiten in Gruppenausstellungen oder räumliche Projekte.

tip Sind Sie über Jahre ausgebucht?
Eliasson Ja und nein. So was ist eher evolutionär. Man plant gemeinsam mit einem Museum und setzt dann irgendwann den Zeitpunkt der Ausstellung fest.

tip Eines Ihrer Werke hängt am Haus der GTZ, in der Nähe des Potsdamer Platzes, am Reichpietschufer 20. Es besteht aus Spiegelplatten, und je weiter man weggeht, desto schöner wird es, besonders wenn die Dämmerung einsetzt. Spielt diese Arbeit noch eine Rolle beim Thema Drinnen und Draußen?
Eliasson Definitiv. Für mich ist es eine tolle Arbeit, nicht nur, weil ich sie sehr früh in meiner Karriere machen konnte, und das an einem so prominenten Ort. Der Potsdamer Platz kämpft ja jetzt schon mit seiner eigenen Geschichte: Was ist da die Idee vom öffentlichen Raum? Meine Arbeit flattert, so wie die Identität des Potsdamer Platzes auch. Man hat ihn vollkommen der Privatisierung überlassen. Damit ist er emotional tödlich. Trotzdem gehe ich hin und wieder hin, wenn meine Familie aus Island kommt.

tip Aber dann treffen Sie da keine Elfen.
Eliasson Nein, das ist ein absolut elfenloser Bereich. Aber vielleicht liegt da ja irgendwann mal ein Baumstamm rum.  

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Interview: Qpferdach und Stefanie Dörre
Fotos: Oliver Wolff

Innen Stadt Außen. Olafur Eliasson
im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner­-straße 7, Kreuzberg, 28.4.-9.8., tgl. 10-20 Uhr, am 28.4. von 10-24 Uhr geöffnet bei freiem Eintritt

PORTRÄT OLAFUR ELIASSON

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