Ausstellungen

Interview mit dem spektakulären Künstler Olafur Eliasson

Olafur-Eliassontip Herr Eliasson, man erzählt sich hierzulande, alle Isländer hätten guten Kontakt zu Elfen. Sie auch?
Olafur Eliasson Ja, selbstverständlich.

tip Sollte man etwas über Elfen wissen, um Ihre Kunst zu verstehen?
Eliasson Nein, weil meine Kunst sich sehr wenig mit mir und meiner Beziehung zu Elfen auseinandersetzt.

tip Aber Elfen helfen.
Eliasson Ja. Aber die, die ich kenne, helfen mir nur begrenzt. Und nicht unbedingt beim Kunstmachen, eher beim Ferienmachen in Island. Elfen reisen nicht so oft, wie Sie wissen. Würden sich die Leute allerdings die Mühe machen, nach Island zu fahren, um sich zum Beispiel den tollen Vulkan, der jetzt gerade ausgebrochen ist, anzugucken, dann würden sie sich höchstwahrscheinlich auch mit einigen Elfen auseinandersetzen müssen. Das gehört dazu.

tip Wir kommen darauf, weil Sie Dinge aus Island mitgebracht haben: Treibholz, das dort angeschwemmt worden ist und von Ihnen im Berliner Stadtraum abgelegt wurde.
Eliasson Die Stämme sind an die isländische Küste gespült worden, aber aus Island kommen sie nur bedingt. Dort gibt es keine Bäume. Sie kommen aus Sibirien, da sind sie vor zehn oder fünfzehn Jahren ins Wasser gefallen, im Eis festgefroren, und irgendwann auf ihrer Reise in Island gestrandet. Dieses Schicksal finde ich wahnsinnig faszinierend. Man muss sich das Eismeer vorstellen, wo es im Winter immer dunkel ist, und da irgendwo sitzt der Baumstamm fest. Dann bricht das Eis im Frühling auf, der Baumstamm löst sich aus dem Griff des Eises und segelt einfach weiter.

tip Sie beschreiben das sehr poetisch.
Eliasson Wenn der Baumstamm dann endlich in Island ankommt, ist er so voll Wasser, dass er nicht unbedingt auf dem Wasser aufliegt, sondern manchmal schwimmt er fünf, sechs Meter unter Wasser wie ein U-Boot, und nur bei großen Stürmen kommen diese großen Stämme an Land. Die Qualität darin hat sehr viel mit Zeit zu tun.

tip Inwiefern?
Eliasson Es geht um den allgemeinen Umgang mit unserer Umwelt, nicht nur im Sinne von Ökologie, sondern von Umwelt als dem Raum, in dem wir sind. Ich glaube, die Wahrnehmung oder Idee von Wirklichkeit und Natur ist sehr, sehr eng mit Zeit verbunden. Ein solches Zeitgefühl wird sonst selten von unserer gesellschaftlichen Struktur unterstützt. Man könnte sagen, wir leben in einem System, in dem Zeit sehr selten sichtbar ist. Und Zeit scheint ja für viele Leute auch nicht besonders wertvoll zu sein, überall unterstützt man eher die Idee der Zeitlosigkeit.

tip Aber Sie zwingen die Leute, sich Zeit zu nehmen für Ihr wunderbares Projekt auf der Pfaueninsel „the blind pavilion“.
Wer ihn sehen will, muss mit der Fähre übersetzen und zu Fuß über diese wundervolle Insel gehen, um letztendlich an einen Punkt zu kommen, der besonders geeignet ist, die Schönheit der Landschaft zu betrachten.
Eliasson Zwingen ist schon das richtige Wort. Was ich da von den Leuten verlange, ist eine Reibung an der Zeit, ein Widerstand. Darin liegt das Potenzial, dass die Leute auch die Zeit oder den Prozess als Teil des Werkes sehen, und nicht nur das fassbare und vermarktbare Objekt, das am Ende des Weges steht. Zeit heißt ja so etwas wie Verhandlung oder Zweifel oder Gedanke. Denken ist zeitlos nicht denkbar. Das Zweifeln hat einen zeitlichen Ablauf. Generell denkt unsere Gesellschaft in den drei Dimensionen des Raumes, weniger in der Dimension der Zeit. Dabei ist Zeit produktiver als Raum, denn sie lässt Veränderung zu.

tip Wird die Zeit auch in Ihrer Ausstellung im Martin-Gropius-Bau eine Rolle spielen?
Eliasson Einige Arbeiten verändern sich während der Ausstellung, und die Qualität des unterschiedlichen Tageslichts in Berlin wird auch Teil von ihr sein. Berlin hat ein grau-blau schimmerndes Licht. Das Berliner Licht folgt nicht der sonst so verherrlichten Internationalisierung von Weißlicht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles entweder als dunkel oder als hell wahrgenommen wird, die Graustufen werden sehr wenig gesehen. Vielleicht wäre es für die Rhetorik über unsere Umwelt nicht schlecht, wenn man sagen könnte: Die Stimmung des Twilight … wie heißt das auf Deutsch?
tip Dämmerung.
Eliasson … die Stimmung der Dämmerung hat auch eine Qualität, darin lässt sich auch ein Leben leben. In Island hat man zum Beispiel drei bis vier Stunden Dämmerung pro Tag.

tip Berlin ist eine Stadt der Dämmerung?
Eliasson Ja, das würde ich sagen. Bei dem Breitengrad, auf dem wir hier leben, ist die Dämmerung ein sehr deutliches und von der deutschen Geschichte nicht so leicht trennbares Element. In Süditalien zum Beispiel ist das Licht entweder ganz hell oder ganz dunkel, da gibt es nur zwanzig Minuten dazwischen, in denen das Licht ein wenig mufflig ist. Das fällt niemandem auf. Aber in Berlin dauert das mufflige Licht eineinhalb Stunden, in denen es sich in unterschiedlichen Stufen verändert.

tip Die Ausstellung heißt „Innen Stadt Außen“. Der Titel bedeutet vermutlich mehr, als dass Sie Ihre Werke sowohl draußen als auch im Martin-Gropius-Bau zeigen.
Eliasson Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man die Beziehung zwischen dem Innen, dem Museum als Ausstellungsraum, und dem Außen, dem Museum als Institution oder Wirklichkeitsmaschine mit seinen Beziehungen zur Kultur, Gesellschaft und Politik untersuchen sollte. Die Beziehung nach Außen braucht ein Museum natürlich, aber das heißt, das Management, die PR, der ganze Spirit im Haus muss sich auch nach dem Außen richten.

tip Wir hatten bei dem Titel die Idee, Sie wollen uns mit den Werken im Museum etwas über das Draußen, über Berlin sagen.
Eliasson Meine Arbeiten sind nur dann gut, wenn sie im Zusammenhang mit dem, was sonst in der Welt los ist, gesehen werden. Obwohl das manchmal sehr abstrakt ist: Was soll diese gelbe Plastikfolie
[in „Suney“, 1995 (red.)] jetzt mit der Wirklichkeit zu tun haben? Aber grundsätzlich bin ich gegen die Formalisierung der Kunst in einem autonomen System.

tip Der Martin-Gropius-Bau steht an einem Punkt der Stadt, an dem Drinnen und Draußen verschmelzen. Ein Meter davor lief die Mauer lang, daneben ist die Topografie des Terrors, gegenüber sind Finanzministerium und Berliner Parlament. Ein unglaublich geschichtsträchtiger Ort mit vielen Schichten. Spiegelt sich das wider?
Eliasson Hoffentlich. Das hat mit der Frage zu tun: Wie tragen die Leute ihre Erwartungen ins Museum rein? Wie weit lassen sie ihr Sehen beeinflussen? Schalten die beim Reingehen den Außenraum vollkommen ab und sagen: „Ich bin in Disneyland“ – ein Erlebnis-Themenpark, wo die Normalität vorübergehend ausgeschlossen ist? Oder könnte man die Ausstellung auch als ein Mikroskop verstehen, wo grundsätzliche Fragen gestellt werden, die im Zusammenhang zu sehen sind mit der unmittelbaren Umgebung, aber auch mit der Geschichte des Hauses. Ich war zum ersten Mal als Student im Martin-Gropius-Bau, mit meiner Klasse von der Kunstakademie, das muss 1988 gewesen sein.

tip Damals ging man noch hinten rein.
Eliasson Der Eingang war auf der anderen Seite. Wir hatten zu dem Zeitpunkt schon x-mal die Mauer gesehen, aber den Mauerstreifen durch das Fenster des Museums zu sehen, war ganz anders, weil mir auf einmal auffiel, wie unglaublich weit weg die andere Seite war und in was für einem wahnsinnigen Zustand die Stadt Berlin sich befand. So habe ich die Mauer viel deutlicher vom Museum aus wahrnehmen können als vorher, als ich direkt davor stand, weil die Inszenierung des Blickes eine Verschärfung der Bedingungen geleistet hat.

tip Diese Erfahrung hat Ihr Bild vom Museen nachhaltig geprägt?
Eliasson Museen sind Einheiten, die Städte mitproduzieren. Würde man eine sehr aggressive Vermarktung dieses Museumspotenzials zulassen, ein Branding, dann würde man die enge Beziehung zwischen Innen und Außen verlieren, weil sich dadurch das Museum als zeitlose Satellitenkapsel von der Stadt trennt.

tip Der Martin-Gropius-Bau hat kein starkes Branding.
Eliasson Nein, und das empfinde ich als sehr vorteilhaft. Die Vermarktung im Kulturbetrieb ist in Deutschland nicht so stark, aber international ein großes Problem. In anderen Museen, an denen ich Ausstellungen gehabt habe, hat meine Arbeit darunter gelitten, sie war nicht so gut wie sonst. Mit dem Martin-Gropius-Bau dagegen
konnte ich einen Dialog führen, der für meine Arbeiten gut ist.

tip Nicht immer arbeiten Sie mit Institutionen zusammen, das Treibholz haben Sie ohne Ankündigung an mehreren Orten in der Stadt platziert. Wollen Sie, dass die Berliner darüber stolpern?
Eliasson Die Stadt kann es gut brauchen, dass man diese Art von Reibung in den Raum reinsetzt, um ihn zu untersuchen. Ich mache immer wieder Projekte, bei denen es keine Zusammenarbeit mit einer Institution gibt. Bei meinem Treibholz-Projekt habe ich auch nicht die Leute vom Martin-Gropius-Bau gefragt, ob die das gut finden. Ich habe es gemacht, weil ich das gut finde. Man könnte die Institution wie einen Verstärker sehen, wie einen Amplifier bei der Stereoanlage. Man hört dann die Musik anders und deutlicher, man hört Qualitäten, die man sonst nicht so nuanciert wahrnehmen könnte. Das heißt aber nicht, dass ein Transistor nicht auch seinen qualitativen Anspruch hat. Das ist eine Intimität, die ein Museum vielleicht nicht leistet.

tip Beides hat seine Vorteile.
Eliasson Man muss nicht entweder/oder sagen. Vieles in unserer Gesellschaft läuft verkehrt: unkritisch, unreflektiert, selbstverherrlichend, sich in alle möglichen konsumbezogenen Richtungen selbst fetischisierend. Da leisten die Kulturinstitutionen einen großen qualitativen Beitrag zum städtischen Öffentlichkeitsgefühl, da denke ich sehr altmodisch und natürlich typisch skandinavisch. Ich bin ein Riesenfan der Vermittlung von Kunst innerhalb unseres institutionalisierten Systems. Wir müssen aber schauen, dass es nicht gegen die Kunst arbeitet.

tip Die Institutionen haben gefälligst der Kunst zu dienen, nicht die Kunst den Institutionen. Müssen sich die Künstler inzwischen gegen Institutionen wehren?

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