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Interview mit dem Videokünstler Bill Viola

Bill Violatip Bei Ihrer Ausstellung in Berlin werden Ihre längeren Arbeiten präsentiert, etwa „The Passing“ und „Hatsu-Yume (First Dream)“. Was sind das für Werke?
Viola „The Passing“ entstand 1991 und wurde mit 25 Jahre alten Schwarzweiß-Überwachungskameras gefilmt. Es ist eine sehr persönliche Reaktion auf den Tod meiner Mutter und die Geburt meines ersten Kindes. Einen Teil der Aufnahmen habe ich nachts gemacht und dazu spezielle Nachtsichtkameras verwendet. Das erzeugt eine Welt, in der Traum und Wirklichkeit, Erinnerungen und Wahrnehmungen zusammenfließen und vor dem inneren Auge eines Mannes zirkulieren, dem für einen kurzen Augenblick der Tod und die ewige Dunkelheit, die dahinter liegt, erschien.

tip Auch in „Hatsu-Yume (First Dream)“ erschaffen Sie so eine Traumwelt.
Viola Diese Arbeit entstand in Japan, sie handelt vom Licht und seinem Verhältnis zu Wasser und zum Leben, aber auch dem Gegenteil davon, der Dunkelheit in der Nacht und dem Tod.

tip Diese Arbeiten werden während der Berlinale gezeigt, also bei einem Filmfestival. Wie nah ist Videokunst an der regulären Filmproduktion?
Viola Zu Beginn dieses Jahrhunderts vermischen sich die verschiedenen Formen von bewegten Bildern zunehmend, und sie befruchten sich auch gegenseitig. Die Fortschritte innerhalb der digitalen Technologie bringen Video und Film und die Globalisierung und neue Kommunikationsformen bringen Künstler und Kunstgenres näher zueinander. Die Regeln werden gedehnt oder einfach auf den Kopf gestellt. Doch es gibt da eine alte Hindu-Weisheit, die besagt: „Tu das Salz ins Wasser. Wenn es sich auflöst, wie soll es genannt werden?“ Menschen, die nach Definitionen und Kategorien suchen, um die Wirk­lichkeit zu verstehen, haben das Wesentliche nicht begriffen.

tip Wie wurden Sie Videokünstler?
Bill Viola Erstmals eine Videokamera in der Hand hatte ich 1970 als Kunststudent an der Syracuse University in New York. Zu dieser Zeit blühte das Medium Video erst auf. Sony hat 1966 den ersten tragbaren Videorekorder auf den Markt gebracht, und sofort haben sich Künstler dafür interessiert. Es war neu, und es gab keine Regeln. Zuvor habe ich elektronische Musik und Malerei studiert, und Video
erschien mir als eine Möglichkeit, diese beiden Kunstformen zu vereinen. Ich hegte auch den alten Traum der Maler, Bilder zu erschaffen, die sich bewegen. Aber es gab auch eine politische Dimension. Video entsprach technisch dem Fernsehen und konnte so direkt, ohne den Umweg über Galerien oder Museen, die Menschen erreichen.

Bill Viola_The Passingtip Sie waren damals Teil der Protestbewegung, wollten Sie mit Ihrer Kunst die Welt verändern?
Viola Der Krieg in Vietnam hat uns sicherlich geprägt, und das in einer Zeit, als wir uns für fähig hielten, die Außenwelt zu beeinflussen. Al­ler­dings habe ich schnell festgestellt, dass sobald Menschen „die Welt verändern wollen“, die Angelegenheit sehr vage wird. Außerdem gab es viele Dinge, die ich nicht ändern wollte. Für mich lag die Essenz dieser Dynamik deshalb nicht in der Institution oder einer Bewegung, sondern im Individuum. Alle Re­volutionen, egal ob sie von gesellschaftlicher, wissenschaftlicher oder politischer Natur sind, beginnen im eigenen Herzen.

tip Haben Sie so Ihre universelle, vielleicht sogar spirituelle Sicht auf die Welt entwickelt, die in Ihren Werken spürbar ist?
Viola Anfangs wollte ich, dass meine Kunst gesellschaftlich relevant ist, aber ich wollte schon bald auch die innere Dimension der menschlichen Seele reflektieren. Jenen Moment, in dem der einzelne Funke eine kreative Energie entfacht. Ich entdeckte die Schriften von Mystikern wie Meister Eckhart, Hildegard von Bingen und Johannes vom Kreuz, und sie schienen die Idee von Freiheit besser zu begreifen, als es die politischen Aktivisten taten.

tip Sie beziehen sich in Ihren Werken immer wieder auf Giotto di Bondone. Wie kann ein Maler der frühen Renaissance einen Videokünstler des 20. Jahrhunderts beeinflussen?
Viola Giotto ist einer der größten Künstler aller Zeiten, er war seinen Zeitgenossen um Lichtjahre voraus. Seine Fähigkeiten, Licht und Raum darzustellen, haben die moderne Kunst vorausgesehen. Im Gegensatz zu den steifen Figuren der Malerei im Mittelalter waren seine Figuren körperliche, lebendige Wesen mit eigenen Emotionen. Wenn man eines seiner größten Werke sieht, den Freskenzyklus in der Scrove­gni-Kapelle in Padua, ist es so, als würde man ein Gemälde betreten. Für mich ist es die erste Form der virtuellen Realität. Als ich mit der Videoinstallation „Going Forth By Day“ 2002 meinen eigenen „Fres­kenzyklus“ in der Deutschen Guggenheim in Berlin erschuf, war ich sehr stark von Giotto inspiriert.

tip Wie wichtig ist die Technologie für Ihre Arbeit?
Viola Technik kann helfen, aber auch behindern. Ich habe das Glück, dass meine künstlerische Karriere nahezu parallel zu der Entwicklung der analogen und digitalen Videotechnik verläuft. Manchmal ist das sehr inspirierend, etwa als ich 1998 die LCD-Flachbildschirme mit hoher Auflösung sah und in ihnen die moderne Entsprechung zu mittelalterlichen Tafelbildern erkannte. Daraufhin habe ich die „The Passions“-Serie gemacht, in der ich mich mit dem persönlichen Leid und der Transzendenz beschäftigt habe.

tip Und wann ist die Technik eine Behinderung?
Viola Ich könnte die Tage und Monate gar nicht aufzählen, die ich durch technische Probleme vergeuden musste oder mir Geräte angeschafft habe, die sich bald als ungeeignet und überflüssig entpuppten. Letztlich ist Technik für mich nur ein Mittel, um Kunst zu erschaf­fen.

Das Gespräch führte Jacek Slaski

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