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Interview mit Isabelle Graw

Interview mit Isabelle Graw

Isabelle Graw ist Kunstkritikerin, ­Professorin für Kunst­theorie an der Städelschule in Frankfurt am Main und Herausgeberin des Fachmagazins „Texte zur Kunst“, das sie 1990 mitgegründet hat. Seit 1999 erscheint „Texte zur Kunst“ in Berlin. In der Juni-Ausgabe „Berlin Update“ hat Graw sich dezidiert mit Berlin als Kunst­metropole beschäf­tigt. Ihre Lieblings­galerie ist Mathew (Schaperstraße 12, Wilmers­dorf), ihre aktuelle Ausstellungs­empfehlung, die letzten Bilder von Martin Kippenberger im September bei Capitain Petzel (Karl-Marx-Allee 45, Friedrichshain) wieder­zusehen.

tip Frau Graw, am 16. September beginnt die 3. Berlin Art Week. Wozu braucht der Kunstbetrieb Groß-Events?
Isabelle Graw In Berlin gibt es zwei Ereignisse dieser Art, das Gallery Weekend im Frühjahr und die Berlin Art Week im Herbst. Es geht dabei um die zeitliche und geografische Verdichtung des Kunstgeschehens, was potenziell auch ein internationales Kunstpublikum in die Stadt lockt. Man muss sich an dieser Stelle in Erinnerung rufen, dass der Wert einer künstlerischen Arbeit nicht in ihr selbst liegt, er wird vielmehr kommunikativ und interaktiv ausgehandelt und ermittelt. Allein dadurch, dass viele Leute bei einer Eröffnung herumstehen, kann deshalb der Eindruck entstehen, das künstlerische Angebot habe Relevanz.

tip Berlin ist die Kunstmetropole in Deutschland. Warum?
Isabelle Graw Zur Kunstmetropole gehören in erster Linie die Künstlerinnen und Künstler, aber auch die Intelligenzija. Und von beidem hat Berlin seit den Neunzigerjahren im Überfluss. Unter jungen Absolventen von Kunstakademien ist es zum Beispiel derzeit üblich,dass sie nach Beendigung ihres Studiums erst mal in eine Stadt wie Berlin, Los Angeles, New York, London oder Brüssel ziehen, wenn sie wollen, dass ihre künstlerische Arbeit auf einer bestimmten Ebene institutionelle Beachtung erfährt. Auch die Kunstwissenschaft ist in Berlin prominent vertreten – mit Kunsthistorikerinnen wie Peter Geimer, Charlotte Klonk oder Gregor Stemmrich. Es wohnen zudem zahlreiche Kunst­theoretiker hier, die die für die Genese des Wertes der Kunst unerlässliche symbolische Bedeutung produzieren. Hinzu kommt ein Heer an Expats, an internationalen Hipstern. Ich nenne sie mit Ulrich Bröckling die kreativen Nonkonformisten, die aufgrund der Boheme-Verheißung immer noch nach Berlin ziehen.

tip Warum Verheißung?
Isabelle Graw Dass es hier bohemistische Zusammenhänge gibt, ist eine Fantasie, die aber auch ihre realen Grundlagen hat. Es ist für die Attraktivität von Berlin zum Beispiel sehr wichtig, dass es hier eine exzessive Ausgehkultur, zahlreiche Bars und Off-Spaces gibt. Entscheidend ist natürlich auch eine Institution wie die UdK, die künstlerischen Nachwuchs produziert. All diese Aspekte müssen zusammenkommen. Und vor allen Dingen muss auch die Internationalität gewährleistet sein. Seit den letzten sechs, acht Jahren ist Berlin einfach weniger deutsch geworden, was ich persönlich als sehr angenehm empfinde.

tip Sie haben mit „Texte zur Kunst“ im Juni ein „Berlin Update“ herausgegeben. Warum?
Isabelle Graw Wir haben in den letzten zehn Jahren einen Struktur­wandel in Berlin beobachtet, den wir analysieren wollten. Während in den späten 1990er-Jahren der Eindruck vorherrschte, dass man sich hier neu entwerfen kann, weil die Stadt sehr zugänglich und offen auch für Neuankömmlinge ist, hat sich speziell in der Kunstwelt inzwischen jene in Städten wie New York oder London längst anzutreffende VIP-Szene herausgebildet, in der Herkunft und Einkommen zählen.

tip Aber doch nicht nur?
Isabelle Graw Es gibt natürlich ganz viele Alternativen dazu. Aber ich glaube schon, dass sich das Feld inzwischen extrem hie­rarchisiert hat und dass das Geld mittlerweile auch in Berlin angekommen ist. Es gibt eine neue Kunst-Lifestyle-Assoziation – siehe Soho House, Grill Royal, Pauly Saal. Es ist eine Entwicklung zu beobachten hin zu einem sehr elitären und schwer zugänglichen Segment, das durchaus Macht und Einfluss hat und sich aus bestimmten Galeristen, Sammlern, Kuratoren, Künstlern und natürlich auch Kritikern zusammensetzt. Die alte Vorstellung von Berlin, dass hier unheimlich viel diskutiert würde und jeder mitmachen könne, die stimmt nicht mehr so ganz.

tip Gibt es das alte Boheme-Leben denn noch?
Isabelle Graw Die schrabbelige Kneipe, in der man sich zum Trinken und Diskutieren trifft, der Off-Space, in dem experimentelle Dinge stattfinden – die gibt es natürlich auch. Aber sie sind erstens immer auch mythisch und zweitens wissen die Leute, die etwa zu den Aufführungen des New Theatre­ gehen, gewöhnlich ganz genau, dass diese Boheme-Suggestion der Weg hin zur VIP-Zone sein kann. Damit will ich ihnen keine Strategie unterstellen und auch die Bedeutung ihrer Initiativen als ästhetisch attraktive Alternative zum Bestehenden nicht relativieren. Doch sie existieren nicht abgekoppelt von den kommerzielleren Sphären der Kunstwelt.

tip Aber die Berliner Projekträume schaffen doch auch große Freiräume für Künstler.
Isabelle Graw Projekträume sind einerseits Orte, die etwas ermöglichen, das andernorts nicht möglich wäre. Sprich, eine experimentelle Ausstellung, bei der kaum etwas zu verkaufen ist. Zugleich ist der Projektraum aber Nachschublieferant und Authentizitäts­garant für die kommerzielle Sphäre. Also, der Projektraum ist nicht das Andere der kommerziellen Sphäre, sondern auf vielfältige Weise mit ihr verflochten, ohne mit ihr deckungsgleich zu sein.

tip Dass ein Künstler in Berlin arbeitet, hat einen symbolischen Mehrwert, der nicht dem Werk inhärent ist. Wie funktioniert das?
Isabelle Graw Der Ort ist nicht irrelevant für künstlerische Produktionen, aber er determiniert sie natürlich nicht. „Lebt und arbeitet in Berlin“ sagt im Grunde kaum etwas über die künst­lerische Arbeit aus, gibt aber nach außen hin das Signal, dass sich dieser Künstler oder diese Künstlerin an einem derzeit für interessant gehaltenen Ort befindet, wo angeblich künstlerisch was passiert. Und diese Wertverheißung färbt auf die Arbeit ab, die ebenfalls der Rede Wert zu sein scheint. Nach dem Motto: Ich lebe in Berlin, und dadurch hat meine künstlerische Arbeit schon ein gewisses Maß an Bedeutung.  Was natürlich Unsinn ist, aber …

tip … es funktioniert.
Isabelle Graw  Genau, es funktioniert. Die Reputation der Stadt kann man sich sozusagen ans Revers heften, wenn man hier lebt.

tip Wie groß ist denn die VIP-Zone, von der Sie vorhin sprachen?
Isabelle Graw Die VIP-Dimension würde ich nicht überschätzen. Aber mir laufen einfach in letzter Zeit mehr Leute über den Weg, die Geld haben. Was auch an mir und meinem fragwürdigen Lebensstil liegen kann (lacht).

tip Und die gern in Kunst investieren?
Isabelle Graw Ja, und die den Kunstbetrieb für das Hippste vom Hippen halten. Denn der Kunstbetrieb steht, glaube ich, derzeit an der Spitze der kulturellen Hierarchie.

tip Was ist eigentlich die große Anziehungs­kraft der bildenden Kunst auf Menschen, die reich sind?
Isabelle Graw Kunstwerke verfügen über ein Je ne sais quoi, das kein Luxusartikel aufweist. Von einer Rolex-Uhr würde zum Beispiel niemand erwarten, dass sie bestimmte Einsichten und Erkenntnisgewinne mit sich bringt – und genau das leistet die bildende Kunst. Auch die Zugehörigkeit zum Kunstmilieu – einer kulturellen Elite – erscheint dem, der schon alles hat, vielversprechend. Zuletzt konnte man zum Beispiel in Gazetten wie „Gala“ oder „Bunte“ anlässlich von Heidi Klums Liason mit dem Sohn von Julian Schnabel lesen, dass sie jetzt an der Spitze der Gesellschaft angekommen sei. Dass die Kunstwelt diesen Ruf hat, ist natürlich auch Folge der zahlreichen Auktionsrekorde, über die man regelmäßig lesen kann. Kunstwerke werden ja nicht als solche ästhetisch erfahren – jedes Produkt verweist auf die Person seines Urhebers, und das Wissen um dessen Status reicht in das ästhetische Erlebnis hinein.

Interview: Stefanie Dörre

Foto:
Heji Shin

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