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Interview mit Joachim Jäger

Der_Geteilte_Himmel_Guttuso_Rottip: Nach der Bestandsaufnahme „Moderne Zeiten“ teilt sich in der Neuen Nationalgalerie der Himmel in Ost und West. Inwiefern ist solch eine Unterteilung für die Kunst nach 1945 sinnvoll?
Joachim Jäger: Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war politisiert wie kaum eine andere Phase in der Kunst. Lange bevor in Berlin eine Mauer errichtet wurde, stritten sich die Künstler, welchen Weg sie einschlagen sollten. Die einen – wie die Künstler der Gruppe COBRA – bezogen sich auf den Expressionismus, die anderen auf die Abstraktion im Bauhaus, die dritten auf den sozialistischen Realismus der 1930er-Jahre. Die Herkunft aus Ost und West spielte dann insofern eine Rolle, weil sich das Klima in den 1950er-Jahren verhärtete, ideologisierte. Die Abstraktion stand für die Freiheit des Westens, die sozial ausgerichtete Figuration für den Gesellschaftsentwurf im Osten.

tip: Wie kam es zum Titel „Der geteilte Himmel“ nach Christa Wolfs Erzählung von 1963, in der ein junges Paar aus Halle getrennte Wege in Ost- und Westdeutschland geht?
Jäger: Bei der Beschäftigung mit dieser so politisierten Zeit von 1945 bis 1968 haben wir nach Begriffen gesucht, die diese Blockbildung prägnant beschreiben. An Christa Wolfs Titel gefiel uns vor allem, dass sie damit eine Unmöglichkeit beschreibt: einen Himmel kann man nicht teilen. Genau darum geht es uns auch in der Sammlungspräsentation: um die Gemeinsamkeiten, um die Parallelen in der Kunst. Wir beleuchten die Avantgarde insgesamt.

tip: Wie integrieren sie internationale Kunstentwicklungen, etwa den abstrakten Expressionismus in Amerika und die Pop-Art?
Jäger: Gerade die Abstraktion, Pollock oder Newman, wurde von den Amerikanern politisch verklärt als die einzig mögliche Endstufe der Malerei. Ausstellungen des Abstrakten Expressionismus im Ausland wurden sogar vom CIA gefördert. In der Sammlung wollen wir diese Ereignisse nicht mehr nachzeichnen. Aber wir zeigen die Entwicklung in zwei separaten Wegen, dem abstrakten und dem gegenständlichen. Die Pop-Art steht natürlich auf der figürlichen Seite und zeigt allein damit, wie irrsinnig diese Ideologisierung war. Die allzu einfache Losung „Westen = abstrakt“ geht nicht auf.

tip: Spiegeln sich die Atmosphäre des Kalten Krieges und die damit verbundenen politischen Umwälzungen der 60er-Jahre stärker in der Sammlung?
Jäger: Wir machen auf den Werkbeschriftungen deutlich, wie die Werke in die Sammlung kamen. Dieter Honisch, Ex-Direktor der Nationalgalerie, ist zu verdanken, dass viel amerikanische Kunst in Westberlin landete. Heinrich Ehmsen wiederum, obgleich im Westen lebend, wurde im Osten gesammelt. Der Düsseldorfer Künstler Hans-Peter Alvermann ist auch so ein Beispiel. Der bekennende Kommunist schenkte seine Werke dem Museum in Ostberlin. Sie durften jedoch kaum gezeigt werden. Der Westen wiederum konnte mit Alvermann lange nichts anfangen. So blieben seine Werke im Depot. Die Sammlung ist durchzogen von diesen aufregenden Erwerbungsgeschichten. 

joachim jaegertip: Informel und Gruppe Zero setzten sich mit radikaler Abstraktion vom figurativen Soll der Nazizeit ab, während der Sozialistische Realismus an der Figuration festhielt. Wie viel Raum nimmt diese Konfrontation ein? 
Jäger: Genau diese Konfrontation wird sichtbar. Die Kunst von Zero werden wir sogar mit einer aufwendigen Installation vorstellen, die Bezug nimmt auf damals neuartige Inszenierungsformen der Malerei, die diese Gruppe Anfang der 1960er-Jahre erprobte. Die Bilder werden an Stangen im Raum präsentiert. Demgegenüber zeigen wir die Werke von Harald Metzkes oder Werner Tübke gemäß ihrer viel klassischeren Ausrichtung an der Wand – im Dialog mit Picasso, der großen Einfluss auf die ostdeutschen Künstler ausübte. In Europa gibt es keine Sammlung, die so stark Ost-West-Geschichte spiegelt.

tip: Gab es Aspekte, die sich erst bei der Arbeit erschlossen haben?
Jäger: Vor allem die Recherche über unsere eigene Sammlung hat für Überraschungen gesorgt. Seit mehr als 15 Jahren befand sich zum Beispiel eine große Arbeit von Antoni Tаpies hinter einer Ausstellungswand versteckt. Wir haben dieses Werk nun erstmals freigelegt und sind ganz begeistert von seiner frischen Kraft. Auch im Depot stießen wir auf Sachen, die bislang kaum gezeigt wurden. Manches haben wir aufgegriffen, anderes wieder verworfen. Die Arbeit an der Schau war ein Prozess, der ein Jahr dauerte.  

tip: Welches sind die Höhepunkte der Schau?
Jäger: Dazu werden ganze Räume zählen: neben dem erwähnten ZERO-Raum sicher auch der Purismus im Minimal-Raum oder die Verschmelzung der Positionen im Pop-Raum mit Werken so unterschiedlicher Künstler wie Warhol, Errу, dem frühen Polke und Thomas Bayrle. Die Stärken der Sammlung liegen ­übrigens genau hier: in den internationalen Strömungen der Sechzigerjahre. Hier kann die Nationalgalerie ganz außerordentlich punkten, nämlich vielfältigste Werke von vielfältigsten Künstlern vorweisen.

tip: Welche Lücken tun sich im Bestand der Nationalgalerie auf?
Jäger: Gerade bei einem Rückblick auf die Jahre 1945–1968 stellt man leider schmerzlich fest: Ein Jackson Pollock fehlt. Ganz und gar unterrepräsentiert sind auch Werke von Künstlerinnen in der Sammlung. Hier besteht eindeutig Nachholbedarf!

tip: Die Schau endet mit dem Jahr 1968. Warum nicht später, etwa mit dem „Baader Meinhof Komplex“ aus dem Jahr 1988 von Gerhard Richter?
Jäger: Mit dem Ende der Sechzigerjahre zeigt sich ein großer Haltungswechsel in der Kunst. Die großen internationalen Avantgarde-Bewegungen – Farbfeld, Pop, Zero, Minimal, Performance – haben ihren Höhepunkt bereits hinter sich. Sie werden von jüngeren Künstlern bereits zitiert und weiterverarbeitet. Die spätere Konzeptkunst ist dagegen noch nicht voll entwickelt. Sie wird erstmals öffentlich 1969 in der legendären Ausstellung von Harald Szeemann in Bern „when attitudes become form“. Das Jahr 1968 ist zugleich für Mitteleuropa ein hochsymbolisches Jahr, benennt einen Umbruch der Gesellschaft und steht für eine eigene danach benannte Generation. Im September 1968 schließlich wurde die Neue Nationalgalerie eröffnet. Auch das ist für uns ein Grund, den zweiten Teil zur Kunst des 20. Jahrhunderts aus der Sammlung genau auf dieses Jahr zu begrenzen.

tip: Dann folgt womöglich noch ein weiterer Teil, der den Blick auf die Gegenwart wagt?
Jäger: Ja, es wird 2013 ein dritter Teil folgen mit dem Fokus auf die Jahre 1968 bis 2000. Dann werden wir sehen, wie die Geschichte weitergeht.

Interview: Andrea Hilgenstock

Fotos: Jörg P. Anders/Nationalgalerie SMB (oben) und Joachim Jäger/Anita Back

Der geteilte Himmel. Die Sammlung. 1945–1968 Neue Nationalgalerie, 11.11. bis Frühjahr 2013

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