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Interview mit Kathrin Rhomberg über die 6. Biennale

Kathrin Rhombergtip Frau Rhomberg, bevor wir über die Berlin Biennale sprechen, erzählen Sie uns doch, was Sie gemacht haben, bevor Sie nach Berlin kamen, um hier die 6. Berlin Biennale zu kuratieren.
Kathrin Rhomberg Mit der Wiener Secession hatte ich das Glück, für eine Institution zeitgenössischer Kunst zu arbeiten, die von Künstlern geleitet wird. Nach dem kunsthistorischen Blick, wie er an der Uni gelehrt wird, erschloss ich die Zugänge zur Kunst aus der Perspektive von Künstlern, eine Erfahrung, die meine kuratorische Praxis geprägt hat. 1998 bin ich als Ko-Kuratorin zur Manifesta 3 nach Ljubljana eingeladen worden, und 2002 kuratierte ich eine große Ausstellung in der Secession, „Ausgeträumt …“, die ich für mich ein wenig als Referenzausstellung für diese Berlin Biennale sehe. Die Ausstellung hatte verlorene Illusionen und enttäuschte Hoffnungen thematisiert und versucht, für eine Atmosphäre Bilder zu finden, die mehr als zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in West und Ost immer stärker wahrnehmbar wurde.

tip Danach gingen Sie in den tiefen Westen, nach Köln.
Rhomberg Mit dem Ausstellungsprogramm während meiner fünf Jahre im Kölnischen Kunstverein habe ich versucht, die Blickrichtung auch nach Osteuropa zu lenken. Ein weiterer Schwerpunkt meiner Zeit in Köln bestand in der Arbeit am „Projekt Migration“ gemeinsam mit Marion von Osten, dessen mehrjährigen Forschungsergebnisse in einer 2006 entwickelten Ausstellung präsentiert wurden. Wir müssen die kritische Auseinandersetzung mit Kapitalismus und Migration als die dringendsten Anliegen unserer Gegenwart verstehen lernen.

tip Osteuropa, Migration, Kapitalismus – sind diese Themen auch in die Konzeption der 6. Berlin Biennale eingegangen?
Rhomberg Auch, aber vor allen Dingen geht es mir um die Frage nach dem Verhältnis der Kunst zur Wirklichkeit, die mit der Biennale gestellt werden soll. Hinter diesem Ansatz steht die Beobachtung, dass immer, wenn eine Gesellschaft mit Krisen konfrontiert wird, sich das Verhältnis zur Wirklichkeit ändert. Die letzten zehn Jahre waren durch zahlreiche Krisen geprägt. Das hat mit dem 11. September 2001 begonnen, und spätestens seit der Finanzkrise im Herbst 2008 wurde klar, dass der Kapitalismus in einer erheblichen Krise steckt.

tip Wie kann Kunst adäquat auf solche globalen Krisen reagieren?
Rhomberg Die Kunst hat das Potenzial, Wirklichkeiten, die gewöhnlich verdrängt, verleugnet oder einfach nur übersehen werden, sichtbar zu machen, sie damit gleichsam zu produzieren. Dabei geht es nicht um bloßes Abbilden, sondern vielmehr um die Vermittlung von Wirklichkeit mit den Mitteln der Vorstellung und Imagination.

Petrit Halilajtip Was werden wir ab dem 11. Juni zu sehen bekommen?
Rhomberg Der Schwerpunkt liegt auf Künstlern, die in den späten 70er- und 80er-Jahren geboren wurden, aber auch von den wenigen älteren Künstlern zeigen wir Arbeiten, die in den letzten Jahren entstanden sind. Von Ion Grigorescu (1945 in Bukarest geboren) etwa wird eine performative Videoarbeit von 2009 zu sehen sein, das Dokument einer schlaflosen Nacht. Die quälende Ruhelosigkeit und die Zweifel, von denen das Video zeugt, lassen sich als Sinnbild für die Krise unserer Gegenwart und ihre Auswirkungen auf den Einzelnen sehen.

tip Und was zeigen die jüngeren Künstler?
Rhomberg Petrit Halilaj (1986 in Skenderaj/Kosovo geboren) zum Beispiel hat eine Arbeit verwirklicht, die sich mit seiner Familien-?geschichte auseinandersetzt. Die Familie war sehr stark vom Krieg im Kosovo betroffen, ihr Haus wurde zerstört, es folgte eine lange Zeit im Flüchtlingslager. In diesem Jahr baut die Familie ein neues Haus in Pristina. Mit den dazu benötigten Holzverschalungen hat Petrit Halilaj im Ausstellungsraum der KW eine Art Negativ des Hauses errichtet, und damit ein Stück kosovarischer und europäischer Wirklichkeit nach Berlin-Mitte transferiert.

tip Das Individuum im Kontext der Krise. Ist das ein roter Faden, der sich durch die Ausstellung ziehen wird?
Rhomberg Existenzielle Momente aufzugreifen, die sich stark am einzelnen Menschen manifestieren, kann zu Assoziationen und zur Rückspiegelung auf eigene Lebens- und Erfahrungswelten führen. Das versuchen wir auch mit einer Auswahl von Zeichnungen und Gouachen des großen deutschen Realisten des 19. Jahrhunderts Adolph Menzel zu zeigen, die in der Alten Nationalgalerie ausgestellt werden und die eine Art Referenz zu den aktuellen Positionen darstellen. Die Berlin Biennale beinhaltet aber auch weitaus abstraktere und allgemeinere Arbeiten. Etwa Mark Boulos’ (1975 geboren in Boston/USA) Videoarbeit, mit der er auf die globale Perspektive unserer Krise verweist, indem er Bilder von Aktienhändlern an der Wall Street mit den existentiellen Problemen in einem afrikanischen Ölfördergebiet kurzschließt.

tip Läuten Sie mit der 6. Berlin Biennale die Renaissance der politisch-kritischen Kunst ein?
Rhomberg Vor dem Hintergrund der Krisen muss man in der Kunst Positionen beziehen, die auch diskutierbar sind. Das muss eine Forderung an die Kunst im Allgemeinen sein und an eine Berlin Biennale im Besonderen. Wenn man so will, steckt dahinter auch eine Absage an Positionen, die sich postmodern und selbstreferentiell einem kleinen Kreis Eingeweihter genügen. Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts sind Tendenzen in der Kunst aufgetaucht, die an einen neuen Historismus denken lassen und sich in Auseinandersetzungen mit formalen und ästhetischen Fragestellungen erschöpfen. Viele sehen darin eine neue Biedermeier-Ära aufkommen, ich würde aber eher von einer neuen Romantik des Bohemiens sprechen. Diesen Tendenzen gilt es andere Perspektiven zur Seite zu stellen.

tip Und das tut die Berlin Biennale?
Rhomberg Man soll zumindest nicht aus der Ausstellung kommen und sagen: „Ich hab zwei, drei Sachen gesehen, die waren gut, der Rest interessiert mich nicht“. Es geht um eine Festlegung, auch im Verhältnis zum Überfluss und zur künstlerischen Überproduktion, die heute überall sichtbar sind. Diese Biennale versucht eine inhaltlich konzentrierte und gleichzeitig in ihren Mitteln reduzierte Positionierung.

 

Interview: Jacek Slaski

Foto oben: Manfred Unger

Foto unten:Alexis Zavialoff Courtesy Chert Berlin Private Collection Vicenza

 

6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst KW Institute for Contemporary Art, Alte Nationalgalerie u.a. Orte, 11.6.–8.8.2010

www.berlinbiennale.de

 

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