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Interview mit Klaus Staeck

Klaus Staecktip Sie wollen sich noch einmal als Präsident der Akademie der Künste wiederwählen lassen. Was macht den Reiz aus, sich noch einmal dieser Aufgabe zu stellen?

Klaus Staeck Der Reiz hält sich nach drei Jahren harter Arbeit in Grenzen. In den zu erwartenden stürmischen Zeiten in der Gesellschaft lockt es, die begonnene Arbeit fortzusetzen und das Erreichte zu fes­ti­gen. Solange kein anderes Mitglied in dieses Amt drängt, fühle ich mich weiter verantwortlich. Mein eigentliches Problem ist der weitgehende Verzicht auf meine eigene künstlerische Arbeit. Das schmerzt.

tip Sie haben gesagt, dass Sie auf ihr Künstlerdasein verzichten. Sie sitzen neben Herrn Liebermann, der war auch Präsident. Hat er damals auch seine künstlerische Tätigkeit unterbrochen?

Staeck Liebermann hat hier hef­tigs­te politische Debatten (ich denke nur an die Sektion Dichtkunst) als Präsident durchgestanden – und trotzdem Kraft und Ruhe zum Malen gehabt. Wir werden heute als Akademie auch von außen gefordert, mischen uns ein und verteidigen unsere Autonomie. Zu meinem Amtsantritt stand diese Ins­titution – wie berechtigt, mögen andere entscheiden – heftig in der Kritik. Wenn es uns gelungen ist, dass diese Kritik inzwischen fast verebbte, dann auch deshalb, weil ich als Verfechter des erweiterten Kunstbegriffs die Arbeit in der Akademie jetzt zu einem Teil meiner künstlerisch-politischen Beschäftigung gemacht habe. Ich habe mich stets vielfältig engagiert, auch um meine Ideen in praktische Politik umsetzen zu können. Insofern leiste ich keine völlig entfremdete Arbeit.

tip Sie nehmen für sich in Anspruch, erfolgreich zu sein. Worin besteht Ihr Erfolg als Präsident der Akademie?

Staeck Das kann nur von außen beurteilt werden. Man selbst ist da befangen. Was sich aber ohne Über­treibung sagen lässt: Die Akademie wird wieder als eine wichtige Institution wahrgenommen. Auf ihre Stimme wird wieder gehört.
Ihre Veranstaltungen haben einen Zulauf wie nie zuvor. Unserem gesetzlichen Auftrag zur Politikberatung gemäß mischen wir uns gefragt und ungefragt kräftig ein. So bei der Diskussion um die Novellierung des Urheberrechts, die Finanzierung der Goethe-Institute, Fragen der Integration, über Möglichkeiten der Notwehr gegenüber dem Datenkraken Google. Aber auch zu allgemeinen politischen Fragen wie der Verbindlichkeit der Patientenverfügungen, Abschaffung der Todesstrafe und der Rolle des Künstlers in einer Gesellschaft, der mehr und mehr die Maßstäbe abhandenkommen.

tip Ist das nicht sehr personengebunden? Müsste dieser politische Auftrag institutionell festgeschrie­ben werden, damit es sich nicht so darstellt, dass es dann wieder ganz anders läuft? So, dass die Akademie nicht wieder zurück­fällt in ihre Schlafmützigkeit?

Klaus StaeckStaeck Schlafmützigkeit? Dank Jens und Müller wurden zwei renommierte Ost-/West-Akademien vereinigt! György Konrбd hat die Ost-Erweiterung Europas als Akademiethema behandelt, und Adolf Muschg hat hier Zeichen gesetzt. Darauf baue ich auf. Doch diese Aktivität muss stets aufs Neue gewollt sein! Auch deshalb trete ich noch einmal an, um zusammen mit den Mitgliedern und Mitarbeitern die Akademie unverzichtbar zu machen als wichtige Stimme in unserer demokratischen Gesellschaft.

tip Inwieweit spielt der Zusam­menschluss der beiden Akademien der Künste Ost und West noch eine Rolle? Ein paar Arbeiten von Ihnen hängen in der Ausstellung „aus/gezeichnet/zeichnen“, und da wird deutlich, dass zwischen Ost und West kaum un­terschieden werden kann …

Staeck Wir haben die Chance der gleichberechtigten Vereinigung 1993 genutzt. Ein Experiment, das viele in der Öffentlichkeit damals nicht wollten: eine wirkliche Verbindung zu wagen, ohne dass der eine den anderen schluckt, wie es nach 1989 die Regel war. Wir haben die unterschiedlichen Erfahrungen und Mentalitäten ausgehalten und gehen in der alltäglichen Arbeit produktiv damit um. Es gibt jedenfalls keine Konflikte, die man als typische Ost-West-Konflikte bezeichnen könnte.
Ich bin mit 18 Jahren aus der DDR geflüchtet, also im Osten aufgewachsen und im Westen sozialisiert worden. Deshalb kenne ich beide Seiten. Das hilft mir zu verstehen, warum die einen so und die anderen anders agieren. Die Akademie ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich eine Vereinigung auch in anderen Bereichen hätte vollziehen können.

tip Sie haben diese wunderbare Arbeit „Bitterfeld“ gemacht, die so wenig bekannt ist. Genau an dieser Serie muss man eigentlich sehen können und den Menschen aus der ehemaligen DDR zeigen können: So schick war das gar nicht, was wir 1989 vorgefunden haben. Ist das eine Möglichkeit, die Realität über Fotos zu funktionalisieren, um etwas deutlich zu machen? Oder kann man das gar nicht?

Staeck Doch, eine Möglichkeit ist das schon. Die Fotos sind aber nicht in denunziatorischer Absicht entstanden. Ich halte mich für einen scharfen Beobachter. Gelegent­lich auch als Archivar des Verfalls. Alles in der Hoffnung, dass die Menschen das Bewahrenswerte erkennen. Ich habe mir den genauen Blick antrainiert. So entstehen meine Plakate und Fotos. Künstler liefern im Glücksfall große Erzählungen und Bilder, die versuchen, die Welt zu erklären. Dabei haben die Bilder gegenüber allem Gesprochenen eine größere Kraft. Leider profitiert von dieser Tatsache auch ein Blatt wie „Bild“, das diese Erfahrung auf seine Weise perfektioniert hat. …

Lesen Sie den vollständigen Artikel im tip 11/09 auf Seite 64.

Interview: Qpferdach
Fotos: Jens Berger/tip

Klaus Staeck, „Schöne Aussichten“, Berlinische Galerie, Mi-Mo 10-18 Uhr, 29.5.-31.8.09

 

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