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Interview mit Klaus Theuerkauf

Interview mit Klaus Theuerkauf

Klaus Theuerkauf: exzessiver Bohemien, exaltierter Nasenflötist beim Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester, exzentrischer Schöpfer von ungezählten Gemälden, Zeichnungen, Collagen und Skulpturen (freiwillig würde er sich nie Künstler nennen lassen) und Mitbegründer der legendären Gruppe endart. Die Hauptzentrale der Gruppe war ein Laden in der Oranienstraße 36. Das dort strikt im Kollektiv wirkende Herrenensemble randalierte, soff, kiffte, rauchte und schöpfte zwischen 1980 und 1988 Werke von obszöner Grobheit, schwärzestem Humor und anarchistischem Freigeist. Sie nervten den Kunstbetrieb, verstörten die Punks und erschreckten den gemeinen Spießbürger. Theuerkauf und Co warfen im Rahmen der Aktion „End-Lagerung“ Bilder über die Berliner Mauer und sorgten mit einer Banane-in-Vagina-Skulptur für einen amtlichen Skandal innerhalb der linken Szene und vor allem bei der „taz“. Die dort arbeitenden Frauen reagierten empört ob der frauenfeindlichen Aussage des Kunstwerkes und riefen einen mehrtägigen Streik aus. 1988 „entschlief endart friedlich“, wie es in der Todesanzeige im „Tagesspiegel“ hieß. Theuerkauf behielt den Laden und den Namen: endart. Er arbeitet seitdem meist allein und ist heute ein Urgestein der West-Berliner Subkultur. Am 13. September 2014 seit ziemlich genau 33 Jahren. Das krumme Jubiläum ist für ihn einfach nur ein Anlass, „die alten Gesichter“ wiederzusehen. Für den tip eine gute Gelegenheit, Theuerkauf zum Gespräch zu treffen.

endart in der Oranienstraße 36Ende August, ein Freitag, 15 Uhr. Kreuzberg, Oranienstraße 36. Theuerkauf, schwarzes Hemd, schmale Anzugshose, spitz zulaufende Lederschuhe, Pilotenbrille, steht in einer Parklücke vor endart und gestikuliert wild. Er hat eine seltsame Installation aus Stuhl, Besen und Kinderpolizeiuniform auf die Straße gestellt. „Warum parkt er denn hier nicht? Hab doch extra frei gehalten!“, beschwert er sich. Offensichtlich erwartet er jemanden. Seine Irritation lässt sich nachvollziehen, immerhin würde in die Parklücke ein Kleintransporter mit Anhänger passen. Keine Selbstverständlichkeit in der um diese Zeit dicht befahrenen Oranienstraße. Seine Verabredung fand jedoch einen Parkplatz weiter vorne, kurz vor dem Oranienplatz. Der ältere Herr, graue Haare, Schnauzer, freundlich, steigt mit einem Ölgemälde unter dem Arm aus dem Wagen. Theuerkauf hat das Bild auf dem Flohmarkt entdeckt und sich liefern lassen. Ein Umschlag mit Geld und das obskure Werk eines gewissen „M. Laube“ aus dem Jahr 1933 wechseln die Besitzer.

 

 

Obskurer Kardinal von M. Laube, 1933

Ein obskurer Kardinal von M. Laube, aus dem Jahr 1933.

Nach Handelsabschluss setzen wir uns im Hinterzimmer des endart-Ladens an den Tisch. Überall liegen Bücher, CDs, Zeichnungen, Aschenbecher herum. Theuerkauf trinkt ein Bier, es soll nicht das einzige während des zweistündigen Treffens bleiben, und gerät sofort in einen Redefluss. Fragen scheinen ihn eher aus dem Konzept zu bringen. Das Interview kann also losgehen. Gerade echauffiert er sich über die schlechte Presse, die endart in den 80ern bekommen hat.

Klaus Theuerkauf Der Diedrich Diederichsen hat ja damals in der „Spex“ über endart geschrieben, das wäre alles pubertär und warum sie nicht endlich den Geldhahn in Berlin zudrehen. Lauter Scheiß. Da war er in Köln und jetzt ist er auch hier und tut so, als wäre er der Berlin-Erfinder. Wenn der was Neues erfährt, dann stellt er sich hin und schreibt: „wie ja jeder weiß“, als wäre er das institutionalisierte Wissen, dabei weiß er es selbst seit drei Stunden.

tip Tat sich die Kunstkritik immer mit der Arbeit der Gruppe endart schwer?
Klaus Theuerkauf Klar. Die Kunstkritikerin Jutta Koether (damals Redakteurin bei der „Spex“, Anm. d. Red.), dieses talentfreie Subjekt, die hat auch schlecht über uns geschrieben. Ich wusste nicht einmal, dass die selbst Künstlerin ist, dachte nur, dass die so eine Schreiberschranze ist und verhinderte Künstlerin, die nur neidisch ist.

tip Im Kunst-Underground der 80er-Jahre war wohl nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen?
Klaus Theuerkauf  Nee. Walter Dahn, der von den Jungen Wilden, der heute Kunstprofessor ist, hat immer unheimlich gehetzt, der hatte Angst, dass er nicht mehr der große Zampano ist, und er hatte sowieso mit Ideen zu kämpfen, dem ist nichts mehr eingefallen. Dann hat er sich plötzlich auf Beuys zurückberufen und irgendwelches Gestrüpp schamanisch angeordnet. Ganz zahnloser Mist. Mit dem Dahn habe ich nie ein Wort gewechselt und mit Martin Kippenberger auch nicht.

tip Dabei waren die beiden ja Ihre Zeitgenossen.
Klaus Theuerkauf Der Walter Dahn hätte ja mal herkommen können und fragen, was man zusammen machen könnte, er war ja damals der Platzhirsch dort in Köln. Stattdessen ist er nur zu allen Sammlern und hat gehetzt. Und mit Kippenberger wollte ich überhaupt nicht reden.

tip Warum das denn? Kippenberger war ja auch ein ziemlich wüster Künstlertyp, das hätte Ihnen doch gefallen müssen.
Klaus Theuerkauf
Der hat schon damals direkt am System gearbeitet. Kippenberger und seine Gang haben jedem Banker und jedem Galeristen den Arsch geküsst. Der war überhaupt kein Punk, das war einer, der dem Bettler in den Hut spuckt und beim Bankier den Schleimkasper macht. Mit so was wollte ich überhaupt nichts zu tun haben.

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