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Interview mit Philipp Demandt

Philipp_Demandttip: Herr Demandt, was hat Sie ins 19. Jahrhundert verschlagen?
Philipp Demandt: Die Kunst des 19. Jahrhunderts ist erstaunlich modern, und meine Faszination kommt sicher auch aus dieser Modernität. Und sie kommt aus einer frappierenden Gleichzeitigkeit verschiedener Strömungen. Ob das der Realismus eines Adolph Menzel ist oder das Träumerisch-Symbolistische eines Arnold Böcklin – die Epoche ist zerrissen zwischen der Entzauberung der Welt und einem permanenten Dagegenstemmen, zwischen Sehnsuchtsorten auf der einen Seite und barscher Dokumentation der Realität auf der anderen. Und das sind Strömungen, die haben nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Wir denken uns das 19. Jahrhundert oft als eine biedere, prüde oder militaristische Ära. Doch das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer Gesellschaft, in der es die unkonventionellsten und kreativsten Lebensläufe gegeben hat, mit entsprechendem Output.

tip: Finden wir all das in Ihrem neuen Haus?
Demandt: Die Alte Nationalgalerie zeigt die Kunst vom Klassizismus bis zur Sezession und ist damit auch ein Ort, der viel über die Geschichte der Deutschen erzählen kann, für deren Selbstfindung als Nation das 19. Jahrhundert ja von großer Bedeutung war. Nicht nur Kunstgeschichte offenbart sich da, sondern auch Geschmacks-, Mentalitäts- und Politikgeschichte. Das sind Kunstwerke, die tief im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft verankert sind und uns noch immer emotionalisieren. Das habe ich in meiner Zeit in der Kulturstiftung der Länder oft gemerkt, wenn es um den Erwerb eines Werks der deutschen Romantik ging. Das Geldsammeln fiel meist verhältnismäßig leicht.

tip: Das Auktionshaus Villa Grisebach, spezialisiert auf Klassische Moderne, hat sein Programm um das 19. Jahrhundert erweitert. Den Bereich leitet Florian Illies. Gibt es ein neues Interesse an der Kunst der Epoche?
Demandt: Das Interesse ist, glaube ich, immer da gewesen. Als bekannt wurde, dass ich an die Alte Nationalgalerie wechsle, war ich überrascht, wie viele Menschen aus dem zeitgenössischen Kunstbereich mir sagten: Das war schon immer mein Lieblingsmuseum. Ohne Zweifel aber gibt es seit einigen Jahren ein verstärktes Interesse am nichtakademischen 19. Jahrhundert, am Skizzenhaften und Unfertigen.

tip: Das entspricht unseren Sehgewohnheiten …
Demandt: Sicher. Und doch rückt auch die Salonmalerei wieder in den Fokus, die in ihrer handwerklichen Perfektion lange als schwülstig und nicht kunsttauglich verrufen war. Solche Kunst betrachtet man jetzt weniger durch die Brille der Ideologie, sondern auch unter dem Aspekt ihrer Sinnlichkeit und Erzählkunst. Es ist vielleicht eine Generationenfrage, dass man heute Kunstgeschichte nicht mehr so sehr nach der Frage schreibt, wer sind die guten und wer die bösen Maler, sondern wer sind die guten und wer die schlechten.

tip: Welche Pläne haben Sie?
Demandt: Kontinuität! Die „Prinzessinnengruppe“, das „Eisenwalzwerk“ oder der „Mönch am Meer“: Deswegen kommen die Besucher. Und übrigens immer wieder. Es ist eine ausgesprochen glückliche Situation, eine ständige Sammlung zu haben, die ein Magnet ist. Und diese Sammlung hängt sehr sinnvoll geordnet. Zudem hat das Haus sich in den letzten Jahren monothematisch den großen Künstlern des 19. Jahrhunderts gewidmet, Schadow, Menzel, Marйes oder Ilja Repin. Diese Arbeit würde ich gerne fortsetzen. Zugleich bin ich sehr gespannt auf all die Werke, die nicht in der Schausammlung hängen: Das Eintauchen ins Depot ist ein großer Reiz.

tip: Was hoffen Sie zu finden?
Demandt: Kunstwerke, die den Kanon hinterfragen. Das ist ein großes Thema unserer Zeit und insbesondere von Udo Kittelmann, dem Direktor der Nationalgalerie: Die Frage, ob der bestehende Kanon nicht Fenster hat, Durchlässigkeiten für Kunstwerke und Künstler, die man bislang vielleicht übersehen hat.

tip: Mit der aktuellen Ausstellung zur Sammlung Wagener hat Udo Kittelmann schon Werke kaum bekannter Künstler in die Alte Nationalgalerie gehängt.
Demandt: Konsul Wagener hat versucht, alles, was zu seiner Zeit gut und teuer war, zu kaufen. Für mich ist die Ausstellung eine Offenbarung gewesen. Eben nicht, weil sie eine Aneinanderreihung von Meisterwerken ist, sondern weil sie einen repräsentativen Zeitschnitt der Kunst zwischen 1815 und 1860 zeigt. So ist die Sammlung Wagener quasi eine Zeitmaschine, die wir zugleich mit heutigen Sehgewohnheiten anschauen. Beispielsweise sprechen die feinmalerischen Stillleben viele Besucher an. Plötzlich werden Walderdbeeren wieder bewundert.

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Foto: Oliver Mark

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