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Interview mit Philipp Ruch

Interview mit Philipp Ruch

tip Wie lief das mit der Verhaftung ab am Bundestag?
Philipp Ruch?Wir wollten über 40 Zuschauer vom Gorki-Theater in Berlin die Gräber der toten Einwanderer zeigen, die wir im Sommer auf zwei Friedhöfen beerdigt haben. Der Bus parkte, wir wollten noch schnell bei (Bundestagspräsident – Anm. d. Red. ) Lammert etwas abklären, schon landeten wir im Polizeikessel. Über 30 Beamten beraubten die Zuschauer während drei Stunden ihrer Freiheitsrechte – ohne ihnen überhaupt zu erklären, was los ist. Unnötig zu sagen, wie kalt es im Winter ist und dass es stark regnete. Wir konnten nur darauf hinweisen, dass sie normalerweise im gut beheizten Theaterraum halb eindösen, wenn das Stück läuft, während sie bei uns in den Stücken halt vor dem Bundestag erfrieren.

tip Hatten Sie nicht insgeheim damit gerechnet, dass das passieren wird? Hand aufs Herz, war das kein gezieltes Marketing?
Philipp Ruch Das sähe anders aus. Nein, das war klare Hyperventilierung der Sicherheitsarchitektur im Regierungsviertel. Diesen Zustand beschreibe ich auch in meinem neuen Buch „Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest“, das versucht, einer humanistischen Revolution in Deutschland den Weg zu weisen. Sie fängt natürlich bei jedem Einzelnen von uns an. Sich zu humanisieren, ist eine lebenslange Aufgabe. Menschlichkeit sollte die Herzkammer allen Denkens und Fühlens sein. Flüchtlinge, die an Europas Grenzen sterben; eine Sicherheitspolitik, die auf massenhafter Datenausspähung beruht; deutsche Waffenlieferungen an autoritäre Regime – es gäbe reichlich Anlass, sich zu empören. Doch die Mehrheit unserer Gesellschaft versinkt in Lethargie und Zynismus. Wie lange schauen wir noch zu? Politik muss zurück in die Hände derer, die etwas ändern möchten.

tip Wie können wir etwas ändern?
Philipp Ruch Indem wir einmal für einen Moment lang zurücktreten und uns fragen: Was ist das Schönste, das ich in dieser Situation tun kann? Wir alle fragen uns das viel zu selten.

tip Haben die Gorki-Theater-Intendantin Shermin Langhoff und das Publikum verstanden, dass sie Teil einer Aktion des Zentrums werden? Oder rechneten sie schon vorher damit, dass dies keine brave Butterfahrt wird?
Philipp Ruch Wir rechnen grundsätzlich außerhalb aller Aktionszeiten mit braven Butterfahrten. Ab und an reißen wir dabei vielleicht noch eine Außengrenze der Europäischen Union ab.

tip In Ihrem Theaterstück in Dortmund geht es darum, wie wir 2099 auf unser Jahrhundert zurückblicken. Werden dann viele auch, wie nach dem Holocaust, sagen: „Wir haben nicht so richtig mitgekriegt, was da Schlimmes vor unserer Haustüre passierte?“
Philipp Ruch Vielen Zeitgenossen ist noch gar nicht bewusst, was von dieser Zeit in den Geschichtsbüchern übrigbleiben wird: der zweijährige Alan Kurdi, der an der türkischen Küste angeschwemmt im Meer liegt. Das ist das Bild, für das wir in die Geschichte eingehen werden. Lauter Danebenstehende, die etwas von Zivilcourage faselten und ihre Bundesregierung und die Europäische Union weitermorden ließen. Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie in dieser Welt ohnehin nichts ausrichten können, dass es auf sie überhaupt nicht ankommt. Mich interessiert: Woher kommen diese Ohnmachtsgefühle? Was löst sie aus? Das behandle ich in dem Buch. Ich habe eine Palette von Ideen und Vorstellungen entdeckt, die toxisch sind – sie sind in ihrer Wirkung auf die menschliche Seele nicht anders als giftig zu bezeichnen.

tip Welche toxischen Ideen sind das?
Philipp Ruch Die Entzauberung des Menschen ist ein stilprägendes Projekt der Gegenwart. Mir geht es um den psychologischen Wert von Vorstellungen. Die Naturwissenschaften haben in den letzten einhundert Jahren wenig über den Menschen enthüllt, das vergangene Zeiten nicht längst über sich gewusst haben. Viele der „neuen“ Erkenntnisse konturieren unser aller Bedeutungslosigkeit und Zufälligkeit. Kein Mensch mit Verstand kommt umhin, seine Bedeutung zu relativieren angesichts der titanischen Dimension des Universums. Ein Blick in den Himmel genügt. Und wir sehen doch die Nichtigkeit der menschlichen Welt.

tip Es geht Ihnen im Buch also darum, was für Menschen aus der Lehrbuch-Meinung folgt, dass sie keine Bedeutung hätten??
Philipp Ruch Was macht es aus einem, wenn man auf die Straße tritt und Menschen als Bündel von Chemie, Fleischmasse und Trieben wahrnimmt? Man verliert die Achtung. Je mehr wir durch die Brille der Naturwissenschaften die Zufälligkeit und Bedeutungslosigkeit des Menschen zu erkennen meinen, desto zufälliger und bedeutungsloser werden wir. Das Buch richtet sich an all jene, die glauben, in dieser Welt nichts ausrichten zu können, die überzeugt davon sind, dass es auf sie nicht ankommt und dass sie keinen Unterschied machen.

tip Warum schockiert es die Menschen eigentlich mehr, wenn ein Jaguar-Baby erschossen wird (wie Sie es im Herbst androhten), als wenn an den und durch die von uns gesetzten Grenzen Menschen sterben?
Philipp Ruch Es gibt bei Youtube diesen Spruch: „Katzen gehen immer“. Darin liegt ein guter Teil der Erklärung.

tip Was muss noch passieren, damit der revolutionäre Funken überspringt?
Philipp Ruch Wir müssen Ideen und Visionen in der Politik nicht nur wieder zulassen, sondern von den Politikern erwarten, nein: voraussetzen. Wir leben in einem visionslosen Zeitalter, das färbt auf die jungen Generationen ab. Wir leben in einer Trockenphase der Weltgeschichte. Es gilt, sie mit Schönheit zu tränken. Es wird völlig unterschätzt, wie sehr Menschen große Ideen und Visionen brauchen. Wir werden als Menschen von Ideen regiert, nicht von irgendwelchen Hirnzentren oder Hormonen.

Interview: Stefan Hochgesand

Foto: sebaso CC0 / Flickr

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