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Interview mit Renй Koch

Interview mit Renй Koch

tip Bekannt wurdest Du als Visagist, in den 60er-Jahren warst Du in Berlin auf den Bühnen von Nachtclubs zu erleben.
Renй Koch Zu Beginn war ich mein eigenes Modell.  Ich arbeitete noch nicht als Visagist, konnte mich aber selbst schminken. Ich trat Anfang der 60er-Jahre mit einem Unterhaltungsprogramm mit Liedern von Zara Leander bis Marika Rökk auf. Das war im Kleist Casino. Es war einer der exklusivsten Nachtclubs, die Leute kamen aus Paris, aus London.

tip Du tratst in Damenkleidung und stark geschminkt auf, betonst aber, kein Transvestit zu sein.
Renй Koch Genau. Ich habe das als Ausdrucksmöglichkeit genutzt. Als Künstler habe ich die Übertreibung der Maske in Anspruch genommen, um Dinge sagen zu können, die sonst nicht möglich gewesen wären. Ich sah aus wie eine Kunstfigur. Heute würde man Drag-Queen sagen. Sozusagen bin ich die Mutter aller Drag-Queens. Ich habe mich in der Übertreibung an Malern wie Otto Dix, Kirchner, Beckmann orientiert. Lady Gaga oder Olivia Jones gab es ja noch nicht, wo sollte ich mich sonst orientieren?

tip Anfang, Mitte der 60er Jahre liefen die Showprogramme hinter verschlossenen Türen ab?
Renй Koch Ja, natürlich. Was heute gern vergessen wird: Das war auch nach 1968 noch so. Die Clubs funktionierten alle nach dem gleichen Prinzip: Vorne gab es eine dicke Eisentür und man musste klingeln. Sobald man drin war, tauchte man in ein Meer aus Barock mit Plüsch und opulenten Kronleuchtern. Ähnlich verhielt es sich mit dem Publikum. Es existierte eine strenge Kleiderordnung. Man musste in Krawatte, Anzug und weißem Hemd kommen. Das galt auch für das Personal. Es war die biedere Adenauerzeit. Geld war vorhanden, der Champagner floss in Strömen. Ich kam dann auf die Idee, Motto-Partys zu veranstalten, bei denen ich auch auftreten könnte. In der Küche des Clubs habe ich mich ge- und abgeschminkt, bereits damals auf einem hoch stilisierten Level.

tip Daraus entstand der Berufswunsch des Visagisten?
Renй Koch Genau. Tagsüber habe ich einen Obst- und Gemüseladen gehabt und abends bin ich zur Kosmetikschule gegangen. Das war eine harte Zeit, aber schließlich hatte ich mein Diplom in der Tasche. Dann tauschte ich den kleinen Laden in Lichterfelde gegen einen Job bei der Charles of the Ritz. Das war damals die exklusivste Kosmetikmarke der Welt und ich durfte zwischen Berlin und New York jetten. Dort erhielt ich eine Zusatzausbildung für den europäischen Markt. Ich  lernte handgemischten Puder zu machen. Der wird mit den Händen gesiebt, gehackt und gemahlen.

tip Als Chefvisagist bei Charles of the Ritz und Yves Saint Laurent hattest Du ein entsprechend exklusives Publikum?
Renй Koch Ja, Schauspielerinnen und Models. Ich habe mit der Königin und Lady Diana an einem Tisch gesessen. Aber innerlich blieb ich immer unruhig. Dann fiel die Mauer. Ich war Mitte 40 und wollte etwas Neues probieren und reiste viel nach Osteuropa. In Moskau hatte ich lange eine Kosmetik-Kolumne. Meine Bücher wurden in alle osteuropäischen Sprachen übersetzt. Viele Journalisten aus dem Westen fragten mich, was an den Frauen aus dem „Osten“ anders sei. Da fühlte ich mich überfordert. Es sind doch keine anderen Menschen. Was jedoch offenbar wurde: Dass ein Gefühl für Ästhetik und Stil nichts damit zu tun, was die Werbung suggeriert. Dabei geht es nur darum, den Leuten möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Das hat nichts mit Schönheit zu tun, sondern ist ganz einfach nur Konsumterror.

Interview mit Renй Koch

tip Dein jüngstes Projekt, die Camouflage-Technik hat dann auch nichts mehr mit der Schönheitsindustrie zu tun.
Renй Koch Bei Yves Saint Laurent und Charles of the Ritz gab es nur die schöne, heile Welt. Selbst Pickel kamen in diesem Universum nicht vor. Ich begann mich den Menschen zu widmen, die von großen Firmen ignoriert werden: Menschen mit schweren Hautanomalien, Verbrennungen usw. Ich hatte Dermatologie in meiner Kosmetikausbildung. Ich verbrachte viel Zeit in Krankenhäusern, akqurierte Geld, um den Menschen zu helfen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen konnten. So kam ich dann auch zum Schminken für blinde Frauen und zur Transgendersprechstunde. Da kann der Familienvater, der sich sonst heimlich umzieht, zu mir kommen, sich eine Perücke nehmen und sehen was alles machbar ist. In den 60er-Jahren in der Nachtbar habe ich viel gelernt. Du bist alles: Unterhalter, Psychologe, Seelentröster. Du musst da vorurteilsfrei sein und das ist mir geblieben. Ich öffne meine Arme und meine Türen für Menschen die mich brauchen, das kann ein Transgender sein, schwer Verbrannte, blinde Frauen. Ja, ich denke, das ist das Wichtigste im Leben: dass man vorurteilsfrei ist.

Interview: Ronald Klein

Foto: Archiv Rene Koch, Brigitte Dummer

Ausstellung „Die Kunst des schönen Scheins – Travestiestar, Make-up Künstler, Lippenstiftsammler, Charity-Aktivist. Eine Hommage zu Renй Kochs 70. Geburtstag“ im Schwulen Museum, Lützowstr. 73, Tiergarten, ÖZ: So, Mo, Mi, Fr 14-18 Uhr, Do 14-20 Uhr, Sa 14-19 Uhr, www.schwulesmuseum.de, bis 14.3. 

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