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Interview mit Rudi Meisel

Meisel wurde 1949 in Wilhelmshaven geboren. Er studierte Fotografie bei Otto Steinert an der Folkwang Universität der Künste in Essen und gründete 1975 zusammen mit Andrй Gelpke und Gerd Ludwig die Fotografengruppe Visum. Als einer von wenigen Fotografen durfte Meisel schon vor 1989 in beiden Teilen Deutschlands arbeiten. Er lebt in Berlin.

tip Sie wurden nach dem Krieg in Westdeutschland geboren. Wie kam es dazu, dass Sie auch in Ostdeutschland fotografiert haben?
Rudi Meisel?Der Westen nahm den Osten nicht richtig wahr. Was ist „drüben“? Das interessierte mich. Eine persönliche Verbindung zur DDR hatte ich nicht, aber ich war wahnsinnig neugierig. Als dann der Auftrag des „Zeit Magazins“ kam, zusammen mit der Autorin Marlies Menge das Land zu bereisen, war das die Eintrittskarte.

tip Wurden Aufnahmen zensiert?
Rudi Meisel Nein. Ich habe alle Filme unentwickelt mitgenommen. Allerdings mussten wir lange vorher das Thema anmelden, was wir sehen und wen wir sprechen wollten. Außerdem hatte ich immer einen Begleiter an der Seite, mal entspannte Leute, dann solche, die mir auf die Pelle rückten. Dass wir einfach den Alltag beschreiben wollten, verstanden die nicht. Aber anhand des Alltags kann man sich sehr wohl ein Bild über das System machen und die Qualität des Lebens.

tip Lange Zeit blieb unbemerkt, dass diese Fotos aus unterschiedlichen Reportagen zusammengehören. Wann kam Ihnen die Erleuchtung?
Rudi Meisel Die meisten Fotos, die jetzt ausgestellt werden, sind nie veröffentlicht worden, obwohl sie der Redaktion vorlagen. In den 90er-Jahren habe ich mein ganzes Konvolut aufgearbeitet. Mir wurde klar, diese Geschichte war mit dem Mauerfall beendet. Aus der Distanz erst kam ich auf die Idee, die Aufnahmen aus der DDR und Westdeutschland zusammen zu sehen. Ich merkte, da gibt es Gemeinsamkeiten.

tip Welche Auswahl erwartet die Ausstellungsbesucher im Amerika-Haus?
Rudi Meisel Die Auswahl stammt von mir. Den Ausschnitt von 1977 bis 1987 habe ich ganz bewusst gewählt, weil dies die Zeit war, in der ich auch in der DDR fotografieren durfte. Der Besucher erhält Einblicke in den Alltag, das Familien-Leben, Feste, Freizeit. Ich versuche immer mindestens eine Geschichte, wenn nicht zwei oder mehr, in einem Bild zu erzählen und dabei das Kleine im Großen zu entdecken oder das Große im Kleinen. Etwa im Foto vom ­“S-Bahnsteig Alexanderplatz“. Mein Impetus ist erzählerisch, meine Fotografie essayistisch.

tip Während einige Damen im Westen 1985 noch Hüte trugen, waren im Osten bunte Kittelschürzen angesagt. Dennoch scheinen die Unterschiede mit den Jahrzehnten zu verwischen. Ist das so?
Rudi Meisel Es ist so und es ist nicht so. Die DDR ist verschwunden, aber auch das alte, miefige Westdeutschland ist nicht mehr da.

tip Haben Sie herausgefunden, was typisch Ost und was spezifisch West war, oder eher den Osten im Westen entdeckt und umgekehrt?
Rudi Meisel Was typisch Ost und West war, kann ich nicht sagen. Ich finde beides typisch deutsch. Den Fleiß, die Familienbezogenheit. Es ist liebenswert. Das liegt natürlich auch an mir. Ich bin den Menschen zugewandt. So, wie ich in den Wald hineinrufe, schallt es heraus.

tip Ihr Lieblingsbild?
Rudi Meisel Das Bild vom „S-Bahnsteig Alexanderplatz“. Ich mag die verschiedenen Geschichten, die sich über die Wartenden auf der Bank mitteilen. Es ist auch eine Glücksfrage, dass ich zum richtigen Moment an der richtigen Stelle war.

tip Ihr Hauptinteresse gilt dem Alltag, nicht der Inszenierung. Ist das immer so gewesen?
Rudi Meisel Ja! Das Leben inszeniert immer besser, als ich es je könnte. Ich sehe mich als Bildjournalisten, nicht als Künstler. Große Kollegen wie Renй Burri und Robert Frank haben ebenfalls aus der Beobachtung Geschichten erzählt und ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht. Meine Bilder sagen auch etwas über mich. Wem läuft er hinterher, welches Thema ist ihm wichtig? Eine Fotografie ist nur eine Projektionsfläche. Sie birgt viel Geheimnis und sie kann falsch sein, ein Irrtum sozusagen. Ich kann mich täuschen.

tip Welche Vorzüge hatte in Ihren Augen die Schwarz-Weiß-Fotografie mit der analogen Kamera?
Rudi Meisel Damals gab es nur die analoge Fotografie. Ich war mit der Kleinbildkamera unterwegs und fotografierte schwarz-weiß vor allem deshalb, weil ich mich damit den Lichtverhältnissen besser anpassen konnte. Außerdem war Schwarz-Weiß-Fotografie das, was ich gelernt habe im Studium bei Otto ­Steinert.

tip Haben Sie später nicht mehr im Osten fotografiert oder warum endet Ihr Blick auf die Landsleute 1987?
Rudi Meisel Ost-West ist kein Thema mehr für mich. Wir sind jetzt ein Land. Ich gucke jetzt mehr auf Metropolen und mache sehr viel Straßenfotografie, in London, Rom, Paris oder Budapest. Da lass ich mich treiben, fotografiere, was ich interessant finde. Es braucht seine Zeit, um herauszufinden, was ein gutes Bild ist.

tip Als freier Reportage-Fotograf für Magazine sind Sie in der Welt herumgekommen. Was fotografieren Sie heute, wenn Sie ohne Auftrag unterwegs sind, gerne?
Rudi Meisel Straßen, Menschen … alles, was draußen ist im öffentlichen Raum – im Endeffekt Zeit-Geschichten. Wenn ich heute auf dem Alex fotografiere, erkenne ich erst nach Jahren die Veränderungen. Fotografie ist auch Erinnerung. Sie erzählt immer von dem, was war, und bildet zugleich unsere Erfahrung ab.

Interview: Andrea Hilgenstock

Foto: Rudi Meisel, Berlin

C/O Berlin? Hardenbergstr. 22, Charlottenburg, tgl. 11–20 Uhr, Ausstellung „Rudi Meisel. Landsleute 1977–1987“ vom 22.8. bis 1.11.

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