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Isa Genzken im Martin-Gropius-Bau

Isa Genzken im Martin-Gropius-Bau

Im gleichnamigen Künstlerbuch, das zur Ausstellung "Mach dich hübsch" als Faksimile erschienen ist, treffen architektonische Aufnahmen auf Ausschnitte aus Schwulenpornos, Briefe, private Schnappschüsse, Comics, Starschnitte. Entstanden ist das Buch um 2000. Auf- und übereinandergeklebt  ergeben die Bilder eine assoziationsreiche Collage, visuelles Tagebuch Isa Genzkens wie Hommage an Berlin, persönlich und ungeschminkt.
Hübsch gemacht haben sich in der bislang größten Retrospektive der Künstlerin im Martin-Gropius-Bau eine Reihe Nofreteten. Die Skulpturen aus 2014 sind Kopien aus Gips, jedoch ein wenig zu kräftig eingefärbt und mit Sonnenbrillen auf den Nasen. Es ist ein Spiel ums Betrachten und Betrachtetwerden und ein spöttischer Kommentar zu Kitsch und Kult um das Abbild der ägyptischen ­Königin im Neuen Museum.
Provokativ und kompromisslos war Isa Genzken immer. Auf kein Medium oder Sujet lässt sie sich festnageln. Chamäleonartig erfindet sie eine eigene Handschrift für jede ihrer Arbeiten und Werkgruppen. Die Rückschau macht das umso spannender. Da sind die am Computer berechneten Ellipsoiden und Hyperbolos aus Holz (ab 1975), die sie zu Beginn anfertigte. Bezeichnend für den speziellen Blick Genzkens auf den menschlichen Körper sind ihre fotografischen Porträts von Ohren weiblicher Passanten (ab 1980) oder ihre Röntgenselbstporträts beim Rauchen oder Trinken (ab 1991). Der Blick auf Objekte zeigt sich in den Bildern von Weltempfängern (ab 1987), aus Beton gegossenen Radios oder Flugzeugfenstern (ab 1992 / 2003). Der auf Städte spiegelt sich im Collagenbuch "I Love New York, Crazy City" (1996) und in ihren vielen Skulpturen oder Modellen für den öffentlichen Raum.
Mit jeder Skulptur müsse man formulieren können, dass sie ein Ready-made sein könnte, sagte sie 2003 im Gespräch mit Wolfgang Tillmans, einem ihrer raren Interviews: "Sie muss einen gewissen Realitätsbezug haben. Also nicht irgendwas Versponnenes oder gar Ausgedachtes, so daneben und höflich." In der Kunst gehe es außerdem darum, etwas darzustellen, was einen innerlich bewege.
Für Isa Genzken, geboren 1948, die mehrfach etwa an der Documenta teilnahm und 2007 den deutschen Pavillon zur Venedig-Biennale bespielte, ist das die Welt in ihrer Komplexität, es sind Themen wie Stadtplanung, Identität oder Körperlichkeit.
Seit den 90er Jahren schafft sie dazu bevorzugt Assemblagen aus alltäglichem Material. Im Katalog zu ihrer Einzelausstellung im Museum of Modern Art New York im Jahr 2013 beschreibt Kuratorin Laura Hoptman, warum eben dies Genzken so zeitgemäß macht: "Es hat ihre Kunst für eine ganze Generation relevant gemacht, für die die Gegenüberstellung von Dingen der paradigmatische Prozess ist, Informationen zu erlangen, sich kreativ auszudrücken und letztlich Bedeutung in einer Welt zu finden, die gefüllt ist und gemacht von einer unzählbaren Menge an Bildern und Objekten."
"Mach dich hübsch" versucht dem zu folgen, kuratorisch umgesetzt von Beatrix Ruf und Martijn van Nieuwenhuyzen vom Stedelijk Museum Amsterdam. Die Ausstellung hangelt sich entsprechend nicht chronologisch voran, sondern wird selbst zur Collage aus Themen und Motiven. Was könnte besser passen?

Text: Beate Scheder

Foto: Jens Ziehe / Isa Genzken, VG Bild-Kunst, Bonn 2016 / Sammlung Syz Genf, Courtesy Galerie Buchholz, Köln / Berlin / New York

Martin-Gropius-Bau Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 9.4–26.6

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