Hinsehen: James Nachtwey im Fotografiska Berlin

Der Kriegsfotograf James Nachtwey fotografiert zwar den Krieg, aber eigentlich ist er ein Anti-Kriegsfotograf, denn er möchte ja nichts mehr, als dass der gewaltsame Konflikt aufhört. Seit Anfang der 1980er Jahre ist der US-Amerikaner als Augenzeuge in den Krisenregionen der Welt unterwegs und der wohl berühmteste aktive Kriegsberichterstatter weltweit. Nun sind seine Fotografien in der Ausstellung „Memoria“ im Fotografiska Berlin zu sehen
Er war in Afghanistan, in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Tschetschenien, Darfur, Ruanda und zuletzt in der Ukraine: Seit fünf Jahrzehnten ist James Nachtwey dort, wo auf der Welt unbeschreibliches Leid durch Krieg, Gewalt, Zerstörung und Hungersnöte geschieht. Er greift nicht ein, aber er berichtet in seinen Reportagen darüber. So eindrücklich, dass man als Betrachter:in das Leid des Gegenüber förmlich spüren kann, auch wenn es „nur“ ein Foto ist. Um Augenzeuge zu sein, muss Nachtwey sich dem Grauen und dem Leid aussetzen. Und dabei nicht sein Mitgefühl verlieren, nicht resignieren, sondern weiterhin an das Gute im Menschen glauben.

James Nachtwey hat diesen Glauben, diese Hoffnung nie verloren, dass die Welt sich zum Besseren hin entwickelt, wie er bei der Eröffnung seiner Ausstellung im Fotografiska sagt. Dass das Fotografiemuseum ausgerechnet in dieser Zeit, in der Russland den Krieg in der Ukraine unvermindert weiterführt, immerhin in Gaza eine fragile Waffenruhte erreicht wurde und im Sudan weiter ein Bürgerkrieg herrscht, kann man durchaus als Appell verstehen: gegen den Krieg. Aber auch als Aufrag, die Hoffnung auf die Humanität nicht aufzugeben.
Die erste Reportage von James Nachtwey erschien 1981
Der US-Amerikaner Nachtwey, Jahrgang 1948, hatte zunächst Politik und Kunstgeschichte studiert, bevor er sich Anfang der 1970er Jahre unter dem Einfluss der Studentenbewegung und des Vietnamkriegs entschloss, Fotograf zu werden. Zehn Jahre lang hat er sich autodidaktisch mit der Fotografie beschäftigt, seinen Blick an den Bildern der berühmten Fotografen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschult wie Henri Cartier-Bresson und Robert Capa. Erst 1981 veröffentlichte er seine erste Fotoreportage, aus Nordirland, wo er die Unruhen in Belfast zeigte.

Die Ausstellung „Memoria“ im Fotografiska setzt nicht in den 1980ern, sondern etwa zehn Jahre später in Nachtweys Karriere ein, nämlich nach dem Zerfall der Sowjetunion, der zu nationalistisch-ethnischen Konflikten auf dem Balkan führte. Er hat die Waisenhäuser in Rumänien besucht, in denen die Kinder unter absolut unmenschlichen Bedingungen hausen mussten. Er war in Tschetschenien, das sich von Russland loslösen wollte, was zu zwei bewaffneten Konflikten mit hunderttausend Toten führte.
Viele der Fotografien Nachtweys kann man heute als „ikonisch“ bezeichnen, sie haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Mehr als die Kriegsfotografien jedes anderen Fotografen. Was seine Bilder so besonders macht, ist einerseits Nachtweys klares Bekenntnis zu einem kompromisslosen Humanismus, das auch kein selbstdarstellerisches Ego des Fotografen im Bild duldet. Als wäre er neutral. Er habe immer versucht, sich unsichtbar zu machen, erzählt James Nachtwey bei der Eröffnungsveranstaltung im Fotografiska. Und das andere Talent, das seine Bilder so einzigartig macht, ist sein unglaublicher Sinn für die Bildkomposition. Seine Fotografien erzählen reportageartig von den Geschehnissen, und in ihrem Aufbau sind seine Fotografien Kunst.

„Memoria“ zeigt also Nachtwey, den Kriegsfotografen, aber auch seinen Einsatz gegen andere globale Gefahren wie sich epidemisch ausbreitende Krankheiten, zum Beispiel Tuberkulose und HIV/Aids. In Jakarta hat er das Schicksal von Obdachlosen begleitet, auch von obdachlosen Familien, und in Somalia und im Südsudan von Hungersnöten berichtet. Seine Fotografien haben zu internationalen Hilfsaktionen geführt und so hunderttausenden Menschen das Leben gerettet.
Wie halten Sie das aus, Herr Nachtwey?
Bei der Eröffnungsveranstaltung im Fotografiska wurde er von Julia Duchrow, der Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, im Podiumsgespräch gefragt, wie er denn all diese schrecklichen Erlebnisse aushalten kann, ohne zu verzweifeln. Nachtwey antwortete, dass er hofft und glaubt, dass die Menschheit sich zum Positiven entwickelt und er hofft, dass Krieg irgendwann einmal der Vergangenheit angehören wird. Und man kann durchaus ergänzen, dass die Tatsache, dass er mit seiner Arbeit viel bewegt und viele Menschen gerettet hat, sicher auch zu seiner Resilienz angesichts der schrecklichen Geschehnisse um ihn herum beiträgt.

Der Film „War Photographer“ zeigt James Nachtwey bei der Arbeit
Viel über James Nachtweys Arbeitsmethoden erfährt man auch durch den Film „War Photographer“ (2001), der in der Ausstellung in einem separaten Raum zu sehen ist. Der Produzent und Regisseur Christian Frei hat Nachtwey zwei Jahre lang bei seiner Arbeit in Kriegs- und Krisengebieten begleitet. Frei hat dafür eine spezielle Filmkamera an Nachtweys Fotokamera angebracht, so dass wir das Kriegs-Geschehen um ihn herum tatsächlich aus seiner Sicht miterleben können – frei nach Robert Capas berühmtem Diktum: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.“ Ein Satz, der Nachtwey sicher geprägt hat, jedenfalls zitiert er Capa im Lauf des Abends.
Die Ausstellung „Memoria“ zeigt die Arbeit James Nachtweys also in vielen Facetten. Und nein, man verlässt sie nicht deprimiert angesichts des Schlechten in der Welt, sondern inspiriert durch ihn in der Hoffnung, und vielleicht sogar in dem Glauben, dass die Menschheit lernfähig ist.
- Fotografiska Berlin Oranienburger Str. 54, Mitte, tgl. 10–23 Uhr, 15/10 €, bis 3.5.2026, berlin.fotografiska.com, zu den Tickets geht es hier
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