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„Jeder sollte in der Lage sein, Kunst zu erwerben“

Edition_Block_Paik_Le_penseur_1_1_300dpi_presse_c_EditionBlockBerlinZum ersten Mal gab es in diesem Jahr bei der Kunstmesse Art Berlin Contemporary (abc) eine extra Sektion für Editionen. Das Interesse an dieser speziellen Sektion des Kunstmarkts, die ansonsten eher im Schatten des Hypes um das eine Original existiert hat, scheint also zuzunehmen, auch wenn die Platzierung am Ende des Kunstbuchmarktes Missread und die Präsentation der Druckgrafiken und Multiples am Bauzaun eher seltsam anmutete. Bei der nächsten Ausgabe der abc soll es dann auch eine Wiederauflage der Editionssektion geben, dann mit stärkerer internationaler Beteiligung.

Editionen sind dabei keine Neuheit auf dem Kunstmarkt, schon Albrecht Dürer hat es verstanden, seine Holz- und Kupferstiche europaweit erfolgreich zu vertreiben. Die Druckgrafik ist auch weiterhin die verbreitetste Art der Kunstedition. Seit den 60ern und der zunehmenden Bedeutung von Objekten und Installationen in der künstlerischen Arbeit werden auch vermehrt sogenannte Multiples oder Auflagenobjekte herausgebracht. Allen gemein ist die strenge Limitation der jeweiligen Editionsobjekte. Die Abgrenzung zur Reproduktion, die früher auch über die verwandten Techniken funktionierte, liegt heute nur noch in der Herstellung einer originalen Arbeit für eine Edition, während eine Reproduktion ein schon in anderer Form vorhandenes Original nachbildet.

TaborKalender2014_April_c_JimAvignonSchon richtig lange im Geschäft mit Editionen ist die 1966 in Berlin gegründete Edition Block, die auch bei der abc mit ihrem aktuellen Programm vertreten war. Ein wirklich zunehmendes Interesse an Editionen erkennt man hier aber nicht. „Das Geschäft ist in den letzten Jahren relativ konstant geblieben“, erklärt Barbara Heinrich, die das Büro der Edition in der Heidestraße mit angeschlossener Galerie leitet, in der die jeweils neuen Editionen gezeigt werden. Auch wenn man bei der Edition Block viel mit renommierten Künstlern zusammenarbeitet, ist die Preispolitik moderat geblieben. „Bei der Entstehung der Edition ging es in den 60ern auch um eine Sozialisierung und Demokratisierung der Kunst. Jeder sollte in der Lage sein, Kunst zu erwerben“, so Heinrich. Entstanden ist die Edition damals aus der zwei Jahre zuvor gegründeten Galerie Renй Block.

Die Arbeit der Edition konzentrierte sich am Anfang auf die durch die Galerie vertretenen Künstler der Fluxus-Bewegung und des kapitalistischen Realismus wie Sigmar Polke, Wolf Vostell und Gerhard Richter. Auch mit Joseph Beuys wurden mehrere Multiples realisiert, darunter eine Auflage des ikonischen „Filzanzugs“ (1970). Die Edition Block zeichnet auch für das erste Videomultiple der Geschichte verantwortlich, Nam June Paiks „Der Denker“ von 1976, zu dem Videokamera, Fernsehgerät, eine Skulptur nach Rodin („Der Denker“) und ein weiß lackierter Holzsockel (die Transportkiste) gehören.

Waren es früher vor allem spezialisierte Editionsverlage wie die Edition Block und Künstler, die Editionen anfertigen ließen, tummeln sich heute eine ganze Reihe von Akteuren auf dem Markt. Neben Kunstvereinen mit ihren Jahresgaben sind es vor allem Kunstmagazine, Galerien und seltener sogar Museen, die als Herausgeber von Editionen auftreten. Diese Entwicklung der letzten Jahrzehnte kann so interpretiert werden, dass es einen wachsenden Markt gibt, macht das Angebot für den Einzelnen aber auch schwer überschaubar.
Diese Unübersichtlichkeit hat das in Berlin angesiedelte Kunst Start-up Art Flash zu seinem Geschäft gemacht. Auf der Handelsplattform werden Resteditionen angeboten, die direkt bei den He­rausgebern angekauft werden. Dieses aus den USA stammende Modell erleichtert es Käufern, auch nicht aktuelle Editionen zu entdecken, und erschließt durch die webbasierte Marketingstrategie neue Käuferschichten, sodass die Plattform auch für am Markt etablierte Herausgeber ein interessanter Vertriebskanal ist.

TaborKalender2014_c_MarlonWobstProduziert werden Druckgrafiken für Editionen häufig in den inzwischen selten gewordenen Kunstdruckereien wie der Tabor Presse Berlin. Seit dreißig Jahren stellt man dort in einem Kreuzberger Hinterhof auf inzwischen zwei Etagen Druckgrafiken für Galerien, Verlage und andere Herausgeber von Editionen her, gibt daneben aber auch eigene Editionen heraus, hauptsächlich Einzelblätter und Grafikmappen. Wirklich eindrucksvoll ist die alte Druckerpresse, die fast die ganze untere Etage einnimmt. Daneben reihen sich am Fenster Arbeitsplätze für Künstler mit Blick in den Innenhof, in den Regalen lagern Papiere und Druckstöcke. „Früher kamen viele Künstler von sich aus zu uns in die Werkstatt und haben Editionen gemacht, die sie dann selbst vertrieben haben“, sagt Klaus Büscher, einer der Gründer der Tabor Presse Berlin.

Heute sei das eher selten der Fall. Dafür haben die Aufträge von Galerien, auch aus dem Ausland, zugenommen. Während sich der Markt für Druckgrafiken in Deutschland in seinen Augen eher schwierig gestaltet, sieht das in den USA, wo diese allgemein höhere Preise erzielen, positiver aus. Auch in Norwegen und Frankreich wird der Druckgrafik ein höherer Stellenwert zugeschrieben: Allein in Paris soll es so viele Druckpressen geben wie in ganz Deutschland. Eine Besonderheit des Verlagsprogramms der Tabor Presse Berlin ist der seit mehr als zwanzig Jahren erscheinende Grafikkalender. Der Kalender mischt auf zwölf Blättern bekanntere Künstler, in diesem Jahr Jim Avignon und Johannes Grützke, mit weniger bekannten und Newcomern wie dem 1980 geborenen Marlon Wobst, der 2012 den Meisterschülerpreis der UdK erhielt und dieses Jahr zum ersten Mal im Kalender vertreten ist. Insgesamt ergibt sich ein differenziertes Bild. Viele Herausgeber und eine Diversifizierung der Techniken und Möglichkeiten von dem, was eine Edition sein kann, stehen einem stabilen Markt gegenüber, der aber einiges an Wachstumspotenzial besitzt, sind Editionen doch tendenziell für jeden erschwinglich.

Text: Philipp Koch

Fotos: Edition Block, Berlin (oben), Jim Avignon (mitte), Marlon Wobst (unten) 


Edition Block Heidestraße 50, Moabit, www.editionblock.de

Tabor Presse Berlin Taborstraße 22, Kreuzberg, www.taboerlin.de

Artflash Stargarder Straße 44?a, Prenzlauer Berg, www.artflash.de

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