Ausstellungen

Jeff Koons Ausstellung in der Nationalgalerie spaltet die Gemüter

Hanging Heart von Jeff KoonsErst das MoMA, dann die „Schönsten Franzosen“ – als der Verein der Freunde der Nationalgalerie diese Ausstellungen mit unumstrittenen Meisterwerken in Berlin möglich machte, war ihm der Beifall sicher. Das sieht nun bei Jeff Koons, ebenfalls vom Freundesverein nach Berlin geholt, ganz anders aus. Koons, Star der 80er Jahre, hat momentan ein Come­back und ist wieder weltweit gefragt. Der Berlin-Schau sind, allein in diesem Jahr, Ausstellungen im Museum of Contem­porary Art Chicago, im Metropolitan Museum of Art New York und im Chвteau de Versailles vorausgegangen, alles Orte von internationaler Relevanz. Aber er ist ebenso erfolgreich wie umstritten.

Die Versailles-Touristen regten sich mächtig darüber auf, wie Koons’ „Teddy mit Trillerpfeife“ ihr Sonnenkönigerlebnis entwerte. Die „Süddeutsche Zeitung“ sprach von „kitschigen Werken“, das Kunstmagazin „art“ von einem „gigantischen PR-Unternehmen“. Dass Koons’ „Hanging Heart (Magenta/Gold)“ letzten November bei Sotheby’s für 23 Mil­lionen Dollar versteigert wurde, nährte den Verdacht weiter, seine Kunst sei überteuerter Klimbim für russische Oligarchen. Er war einmal Börsenmakler und außerdem mit der italienischen Pornokönigin Cicciolina verheiratet. Das trägt zumindest in Deutschland, wo man im Künstler eher den Grübler als den Glamour-Man sieht, auch nicht gerade zum guten Ruf bei.

Ballondog von Jeff KoonsAuch in Berlin ist Koons bislang nicht besonders angekommen. Als seine Skulptur „Balloon Flower“ 2000 am Potsdamer Platz aufgestellt wurde, sorgte sie zunächst noch als „kitschig“ und „kindisch“ für Aufsehen. Seitdem steht sie weitgehend unbeachtet in einer zugigen Ecke (bei Christies’s ging sie übrigens in einer anderen Ausführung für 25,8 Millionen Dollar weg, Koons arbeitet bei vielen Objekten mit fünf Versionen in verschiedenen Farben). „Balloon Flower“ ist Teil der 20 Plastiken und 16 Gemälde umfassenden Serie „Celebration„, aus der auch die elf riesigen Hochglanzskulpturen sind, die in der Oberen Halle der Neuen Nationalgalerie aufgestellt werden. Unter den gezeigten Objekten sind auch die bekanntesten Werke der Reihe, der „Balloon Dog“ und das „Hanging Heart“ in der Version Violet/Gold.

Die Werke aus Plastik oder Stahl und Chrome sind groß, oft tonnenschwer, und sie werden von fast 100 Helfern in Koons’ Werkstätten in New York gefertigt. Im Schichtdienst, mit Stechuhr und Mundschutz. Der 53-Jährige ist ein Großkünstler, der schon allein deshalb extrem hochpreisig verkaufen muss, damit er seine Angestellten bezahlen kann. In den 90er Jahren hätte ihn die aufwendige Herstellung seiner Skulpturen finanziell fast ruiniert. Deshalb ist das alles nicht nur Spaß, auch wenn Koons zu den Pop-Artists zählt. Sondern Ernst. Die amerikanische Kuratorin Valerie Smith, aktuell am Haus der Kulturen der Welt tätig und seit vielen Jahren mit Koons befreundet, sagt: „Er glaubt an das, was er tut, in einem geradezu religiösen Sinne. Der oft geäußerte Vorwurf, es sei alles ein Schwindel, ist ein Missverständnis.“

Kunstwerk von Jeff KoonsCelebration“ ist Teil des ge­genwärtigen Ausstellungsreigens „Kult des Künstlers„, in dem auch eine Schau zu Andy Warhol gezeigt wird. Ein großartiges Zusammentreffen dieser beiden Pop-Art-Künstler, doch der Verein der Freunde der Nationalgalerie hat Koons noch aus anderen Gründen nach Berlin geholt: „Jeff Koons ist einer der gegenwärtig international wichtigsten und erfolgreichsten Künstler, der wie kaum ein zweiter Künstler für den Kult um die Kunst der Gegenwart und die enge Verbindung von Kunst und Kunstmarkt steht“, sagt die Kuratorin Anette Hüsch.

Wer sich mit der Massenkultur einlässt, sich des Zeichenmaterials der Geschenkartikel- und Spielzeugindustrie bedient, läuft leicht Gefahr, in deren Nähe gerückt und als trivial eingeordnet zu werden. Die Frage ist doch: Kann Koons das Triviale transzendieren? Liefert er eine eigenständige künstlerische Position im allgegenwärtigen Universum des Trash?

Das Schöne an den Bildern von der Ausstellung in Versailles ist, dass sich die Objekte von Koons und das barocke Schloss wechselseitig erhellen. Das Prunkstück von Ludwig XIV. erscheint quasi als Vorläufer der Pop-Art. Auch was den Kommerz angeht. Viel Geld gehörte schon beim Sonnenkönig zur Kunst. Also entweder Koons’ Welt und Versailles sind beide Kitsch, oder keines von beiden. In der Neuen Nationalgalerie, dieser Ikone des sachlichen Bauens, werden seine Werke allein durch die Umgebung vor einer anderen Bewährungsprobe stehen. In der Pop-­Art darf man Wetten eingehen: Sie werden sie bestehen.

Text: Stefanie Dörre

Jeff Koons
Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 40, Tiergarten, 31.10.2008-8.2.2009,
Di-So 10-18 Uhr, Do bis 22 Uhr

Galerie Max Hetzler Zimmerstraße 90/91, Mitte, zeigt fünf neue Bilder von Jeff Koons,
Di-Sa 11-18 Uhr, 30.10.-6.12.2008

Artikel zur neuen KUNSTHALLE in Berlin

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