Ausstellungen

Joachim Jäger über die Ausstellung „Ausweitung der Kampfzone“

Joachim_Jaeger_c_AnitaBackNach dem „Geteilten Himmel“, der die unterschiedlichen Kunsttendenzen in Ost und West nach dem Zweiten Weltkrieg beleuchtete, führt Ihre aktuelle Schau in die Gegenwart. Welches Ereignis bildet diesmal den Ausgangspunkt?
Der „Geteilte Himmel“ ging vom Ideologienstreit der Systeme aus. Aber dieser Streit ist mit dem Jahr 1968 keineswegs abgeschlossen. Die bildende Kunst ist auch nach 1968 noch stark von Konfrontationen gekennzeichnet: von gesellschaftlichen Konflikten, aber auch vom ästhetischen und künstlerischen Widerstreit. Dies etwa zwischen Künstlern, die noch in den klassischen Medien Malerei und Skulptur arbeiten, und anderen, die längst in ganz anderen Medien arbeiten. Gerade die Kunst der 1990er-Jahre wird sich selbst zum großen Thema. So haben wir einen viel beachteten Roman der 1990er zum Ausgangspunkt der neuen Sammlungspräsentation gemacht – „Die Ausweitung der Kampfzone“ von Michel Houellebecq.

Ist es nicht schwierig, solch einen Aufhänger zu finden – schließlich wird das Kunstgeschehen, je näher es an die Gegenwart rückt, desto diffuser?
Ja, von der „Neuen Unübersichtlichkeit“ sprach bereits Jürgen Habermas in den 1980er-Jahren – und der Eindruck des nicht mehr Überblickbaren gilt heute ganz sicher für die Kunstproduktion der Gegenwart. So ist der dritte Teil der Sammlungspräsentation in der Neuen Nationalgalerie auch nicht als Gesamtüberblick über eine Epoche zu begreifen. Mit dem Thema „Kampfzone“ und auch dem Motiv der beständigen „Ausweitung“ dieser Kämpfe lässt sich jedoch ein klarer Weg durch die Sammlung und durch die Kunstproduktion der Jahre 1968 bis 2000 bahnen. Zugleich werden gerade mit dem „Kampfmotiv“ viele markante Werke und Themen aufgerufen.

Wie viele Werke umfasst denn der Bestand der Neuen Nationalgalerie respektive des Hamburger Bahnhofs?
Die Nationalgalerie hat sechs Häuser und nur eine Sammlung. Es ist ein herrliches Kontinuum von Caspar David Friedrich bis zu Carsten Höller. Im Bereich der Moderne, die im Museum Berggruen, der Sammlung Scharf-Gerstenberg, der Neuen Nationalgalerie und dem Hamburger Bahnhof gezeigt wird, umfasst die Sammlung etwa 6?000 Werke.

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Unter welchem Gesichtspunkt haben Udo Kittelmann und Sie die Auswahl getroffen?
Wir haben von Anfang an eine Reihe von Schlüsselwerken im Kopf gehabt, die prägend für unsere Sammlung sind. Die „Richtkräfte“ zum Beispiel, die Joseph Beuys 1977 demonstrativ außerhalb der Schauräume der Neuen Nationalgalerie, im unteren Foyer des Museums aufbaute, um gegen die Sammlungspolitik des Hauses zu protestieren. Oder die Arbeit „Schlachtfeld Deutschland“ von Katharina Sieverding, die mit einer bearbeiteten Fotografie einer GSG-9-Einheit auf den politischen Kampf in Deutschland in den späten 70er-Jahren einging. Oder die bis heute aktuelle Arbeit von Rodney Graham, der in seiner Filmprojektion „Edge of a Wood“ einen Helikopter scheinbar über dem Besucher kreisen lässt und damit Verfolgung und Überwachung thematisiert. Unsere Auswahl ging sehr stark von solchen Werken aus.

Spiegelt sich darin in einem gewissen Maß auch der Kunstmarkt wider oder sammelt man im Museum prinzipiell anders als ein Privatsammler, der ja keine Entwicklungslinien aufzuzeigen hat?
Wie gesagt, die Präsentation gibt nur Teile der Sammlung wieder. Die Entstehungsgeschichte der Sammlung ist komplex und natürlich nicht frei von Kunstmoden und Zeittendenzen, aber auch von starken Ankaufsentscheidungen, etwa für Barnett Newmans „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue IV“. Dieter Honisch erwarb das Gemälde gegen große Widerstände. Heute zählt es zu den unumstrittenen Hauptwerken der Nationalgalerie.

Gerd_Richter_AtelierWelche Höhepunkte erwarten den Besucher der Schau noch? Mit welchen Pfunden können Sie noch wuchern?
Zu den Highlights zählen Klassiker wie eben Barnett Newman, das Flugzeug „Mohn und Gedächtnis“ von Anselm Kiefer oder auch das hyperrealistische Kultbild „Barbara und Gaby“ von Franz Gertsch. Als wahre Publikumslieblinge können Werke von Pipilotti Rist oder Andreas Gursky gelten. Aber auch die Filme des Japaners Keiichi Tanaami, die wir zeigen, sind sehr suggestiv. Vom viel umschwärmten Brit-Art-Star Damien Hirst schließlich wird eine eigens produzierte Wandarbeit zu sehen sein.

Sprengt das nicht Ihr Budget?  
Bei einer Sammlungspräsentation im Bereich der Gegenwartskunst muss man immer mit erhöhten Kosten für den Aufbau von Installationen oder eben dieser Sonderanfertigung aus der sogenannten Schellmann-Edition rechnen.

Was wird von Hirst zu sehen sein und welche jüngeren Positionen noch?
Es ist eine seiner Punktearbeiten. Die Schellmann-Edition, die zu unseren Neuankäufen zählt, beinhaltet eine Vielzahl verschiedener Arbeiten. Wir zeigen eine Auswahl von drei Künstlern daraus – neben Hirst noch Haim Steinbach und Nam June Paik. Jüngere Positionen in der Präsentation insgesamt vertreten zum Beispiel Cosima von Bonin, Michel Majerus und Jason Rhoades. Doch gibt es bei uns keine Chronologie mehr, sondern thematische Felder. So endet die Schau auch in verschiedenen Räumen gleichzeitig, also eher offen.

Gibt es besondere Merkmale dieser Berliner Mischung – etwas, das die Sammlung von anderen unterscheidet?
Die Sammlung der Nationalgalerie ist wie keine andere in Deutschland gekennzeichnet von der ehemaligen deutschen Teilung. Sie wuchs zusammen aus den Erwerbungen zweier, ehemals geteilter Länder. Nur hier in Berlin finden sich Tübke und Kiefer, Mattheuer und Richter, Serra und Stötzer in einer Sammlung. Berlin ist mit vielen Künstlern wie Rainer Fetting, Rebecca Horn, Hermann Pitz, Thomas Florschuetz außerdem stark vertreten. Aber die Werke dieser Künstler sind eingebettet in einen Blick auf parallele Kunstentwicklungen in Köln, Paris, London und den USA.

Interview: Andrea Hilgenstock

Foto: Anita Back (Porträt), Jörg P. Anders / bpk / Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, SMB / Gerhard Richter

Ausweitung der Kampfzone Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, Mitte, Di–Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, ab 8.11.

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