Ausstellungen

Joachim Sartorius über die Horst Antes-Werkschau im Martin-Gropius-Bau

SitzendeFigurHerr Sartorius, wann haben Sie Horst Antes kennengelernt?
1976 in New York, ich arbeitete damals als Kulturattachй am deutschen Generalkonsulat und er hatte in schöner Regelmäßigkeit Einzelausstellungen in der Lefebre-Galerie auf der Madison Avenue. Was uns einte, war die Sammelleidenschaft. Ich erinnere mich noch eines Abends, da wir beide unter dem Bett seines Galeristen he­rumkrochen. Dort stapelten sich alte Bücher und wir waren überzeugt, Erstausgaben von Rilke und Else Lasker-Schüler zu finden.

RoteScheibeWas fasziniert Sie an seiner Kunst?
Die Unabhängigkeit von schnelllebigen Zeitströmungen, die Suche nach dem fundamentalen Ausdruck, nach archetypischen Formen bei penibler Beherrschung des künstlerischen Handwerks.

Für viele ist Antes vor allem der Schöpfer der „Kopffüßler“ – spielt dieses Wesen heute noch eine Rolle für ihn?
Es ist ungerecht, Horst Antes nur mit der von ihm erfundenen Menschenfigur, dem sogenannten „Kopffüßler“, zu identifizieren. Er hat mit diesem Urbild, das seine Bildwelt zwei Jahrzehnte beherrschte, einen Siegeszug rund um die Welt angetreten. Aber seine Ikonografie hat sich oft gewandelt. Vor dieser Menschenfigur gab es wilde, gestische Bilder von großer Heftigkeit und ab 1982 hat er nach und nach Abschied von dieser plastischen Kunstfigur genommen und andere archetypische Chiffren für unsere Befindlichkeit gefunden – Boot, Schiffstasche, Hemd, Fenster und immer wieder das Haus oder Ansammlungen von Häusern. Man kann sagen: Das Haus ist für Antes der Endpunkt der menschlichen Figur, ein Gefäß für die Menschheit.

Offensichtlich kristallisieren sich zwei wichtige Motivstränge bei Antes heraus: die Auseinandersetzung mit christlichen Sujets wie Passionswerkzeugen und Wundmalen einerseits und Ritualen der Hopi-Indianer andererseits.
Schon immer haben Horst Antes die Anfänge der Religionen interessiert, die Geisterwelt der Magie und die Rituale. Von daher auch sein Interesse an Überschreitungen und am Heiligen. Viele seiner Figuren sind Betende, Adoranten oder Stigmatisierte. In seinen eigenen Bildern übernimmt er Elemente der Kosmologie der Hopi-Indianer oder auch Elemente der christlichen Ikonografie. Überblendungen in einem einzigen Werk sind selten, aber in dem Votiv „Hildegard von Bingen“ zum Beispiel hat er die Wasserschlange der Hopi-Indianer mit der Heiligen aus dem frühen Mittelalter zusammengeführt.

Wie wirkt sich Antes’ langjährige Wahlheimat Toskana auf seine Arbeit aus?
Der Einfluss Italiens, des Lichts, der Landschaft, vor allem aber der mittelalterlichen italienischen Malerei ist sehr groß. Wir zeigen in einem Raum im Gropius-Bau ausschließlich Bilder, die aus einer liebenden Auseinandersetzung mit Italien entstanden sind und die zum Teil erstmals öffentlich gezeigt werden. Da gibt es ein verrücktes Porträt ganz aus Pasta-Nudeln, а la Arcimboldo, da gibt es Anrufungen des Piero della Francesca, ein Maler, den Horst Antes ganz besonders verehrt. Und wir dürfen nicht vergessen, dass die auf den toskanischen Hügeln verstreuten Bauernhäuser – die Capanna und die Casa Colonica – es sind, die für den geometrischen Aufbau in Antes’ späteren Bildern von Häusern und Dörfern Pate standen.

Sie haben gemeinsam mit Antes Bücher gestaltet.
Die ersten Künstlerbücher von Horst Antes entstanden noch während seines Studiums bei HAP Grieshaber. Er hat unfassbar schöne und auch total verrückte Bücher gemacht, zum Beispiel im Jahre 2001 das „Flickbuch“, ein Buch, das zum allerersten Mal das Prinzip des Daumenkinos mit dem Prinzip des bildzaubernden Flickbuchs vereint. Wenn Sie Ihren Daumen an der richtigen Stelle anlegen, dann sehen Sie zunächst das Gesicht von Horst Antes, das beim raschen Durchblättern zum Gesicht von Marilyn Monroe mutiert. Neben den eigenen Büchern ist Antes aber auch ein wahnsinnig leidenschaftlicher Büchersammler. Seine Sammlung von ABC-Büchern und von Rechenfibeln – vom Mittelalter bis heute – halte ich für die schönste und größte Privatsammlung dieser Art in Europa.

Interview: Martina Jammers

Fotos: Kunsthaus Zürich / VG Bild-Kunst, Bonn, 2013 (oben), Sammlung Großhaus, Schleswig / VG Bild-Kunst, Bonn, 2013 (Mitte), Jens Berger

Antes. Malerei 1958-2010 Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 14.6.–16.9.

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