Ausstellungen

Joanna Warsza und Artur Zmijewski im Gespräch

Zmijewski_Warsza_c_david_von_beckerHerr Zmijewski, bald nach Ihrer Berufung zum Kurator der 7. Berlin Biennale haben Sie Kokuratoren benannt: die Gruppe Voina und Joanna Warsza. Warum?
Artur Zmijewski: Weil die Biennale eine zu große Veranstaltung ist. Ich wäre verrückt geworden ohne die Möglichkeit zu diskutieren – oder mit Joanna zu streiten. Das Ganze wird so eine kollektive Arbeit. Ein Spektrum von Ideen ist interessanter.
Streiten Sie wirklich? Oder haben Sie das gleiche Konzept?
Joanna Warsza: Wir glauben an dasselbe Spektrum von Ideen, aber wir haben sehr unterschiedliche Wege zu verhandeln, zu recherchieren und mit Menschen umzugehen.

Wie laufen Ihre Recherchen?
Warsza: Eine der früheren Kuratorinnen sagte mir: Cattelan, Gioni und Subotnick haben 800 Ateliers in Berlin besucht – was kann man danach noch tun? Da habe ich realisiert, dass Atelierbesuche nicht unserer Logik entsprechen. Unsere Logik war, nicht über das Ausstellen um jeden Preis nachzudenken. Unsere Treffen fanden auf Straßen und in Bewegungen statt. Wir sind den wichtigen sozialen und politischen Ereignissen des letzten Jahres gefolgt und zu den Orten gefahren, wo die politischen Veränderungen stattfanden, um zu sehen, wie Künstler und Kulturproduzenten in diese Prozesse involviert sind. Das war unser Weg der Recherche.

Wohin sind Sie gefahren?
Warsza: Zum Beispiel nach Ungarn als Fallstudie für ein Land mit rechtsgerichteter Regierung und antieuropäischen Tendenzen. Uns hat interessiert, wie  Künstler dort auf den wachsenden Rassismus und die Anti-Roma-Tendenzen reagieren. Viele dieser Reisen führten nach Zentral- und Osteuropa, wo wir herkommen. Aber nicht nur, wir waren auch bei „Occupy Wall Street“ in New York und in Ägypten.

800 Ateliers zu besuchen ist kalkulierbar. Aber Sie konnten nicht wissen, was 2011 geschieht.
Warsza: Ich glaube, Artur hat einen besonderen Instinkt. Er hat das Konzept erarbeitet, als würde er vorausahnen, was passiert. Wir haben unsere Recherche in den Zeitungen betrieben und sind dann einfach den Geschehnissen gefolgt.
Zmijewski: Dieser sogenannte Instinkt ist in Wirklichkeit die Art, in der wir Wirklichkeit zusammen mit anderen Menschen erschaffen. Solange es Menschen gibt, die an bestimmten Aktivitäten oder politischen Prozessen Interesse haben, werden diese fortgeführt. Wenn nicht, sterben diese Prozesse.

Im Kunstmagazin „Camera Austria“ haben Sie als Idee der Biennale formuliert: Was kann die Kunst für die reale Politik tun?
Zmijewski: Den Titel hat die Chefredakteurin formuliert, aber er trifft den Punkt. Wir haben versucht herauszufinden, was die Kunst für die reale Politik tun kann, aber auch, wie Kunst reale Politik sein kann.

Kunst als reale Politik?
Zmijewski: Die Installation von Martin Zet ist das beste Beispiel. Martin hat sich während der Ini­tialphase seiner Kampagne „Deutschland schafft es ab“ wie ein Politiker verhalten. Er hatte ein Ziel, und er hat versucht, dieses Ziel durch soziale Moderation zu erreichen, indem er eine öffentliche Debatte startete. Und er hat versucht, die Reaktionen der Medien und der Menschen zu nutzen.

Martin Zet hat die Leute aufgefordert, ihm Ausgaben von Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ für eine Installation zu überlassen. Viele hat er nicht bekommen.
Zmijewski: Die Kampagne hatte nicht das Ziel, ein Kunstobjekt zu erschaffen. Es ging eher um die Kritik an dem ideologischen Fetisch, zu dem Sarrazins Buch in Deutschland geworden ist. Martin Zet hat die ganze Aufregung um das Buch nur mit der performativen Kraft der Sprache erreicht. Er hat die Botschaft abgeschickt und erzeugte diese soziale Panik.

Zet wurde wegen der vermeintlichen Absicht einer Bücher­verbrennung verbal massiv attackiert.
Zmijewski: Sogar wir hatten nicht damit gerechnet, dass das Projekt so eine Reaktion auslösen würde. Was Martin vorgeschlagen hat, war offenbar sehr präzise. Er hat ein Thema aufgerührt.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Warsza: Der Fall Martin Zet hat gezeigt, dass Kunst nach Ansicht vieler nichts mit realer Politik zu tun haben soll. Wir sind nicht an Kunst gewöhnt, die über den ins­titutionellen Rahmen der Selbstreferenz hinausgeht. Für das Publikum ist Martin zu weit gegangen, deshalb wurde er attackiert. Auch, weil er als Ausländer den deutschen Status quo kritisiert hat. Er wurde attackiert, aber seine Ideen haben funktioniert.

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