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Johannes Grützke-Retrospektive im Ephraim-Palais

FotostudioBartsch_VGBildKunstBonn2012Auf dem Gasherd brodelt es. Johannes Grützke hat dort einen Topf platziert, in dem eine dunkle Brühe blubbert. Was zunächst aussieht wie Gulasch, ist türkischer Kaffee. Traut man zunächst seinen Augen nicht, wenn der Maler im Kochtopf rührt und die Blasen erklärt, so merkt man später, da war ein Liebhaber am Werk. Ein Genie des Handwerks und ein Philosoph, der sich auf die lebensnahe Kunst des Kaffekochens ebenso versteht wie auf die Feinheiten der Malerei. Auch in Grützkes Werken ist ein Hang zum Handfesten spürbar. Der menschlichen Figur und ihren Verstellungen gilt die entlarvende Kunst des „Tausendsassas mit dem schelmischen Blick“, wie Klaus Wowereit – vermutlich assistiert – den aktuellen Hannah-Höch-Preisträger nennt. Johannes Grützke sagt so viel Kluges, dass ein Artikel nicht ausreicht. Schon seine 1968 bezogene Atelier-Wohnung zu schildern, eine verspiegelte Bühne mit malerisch drapierten Arbeitsmitteln, bedürfte es vieler Seiten.

„Was sieht der Künstler, wenn er die Augen aufschlägt? Er sieht das Leben. Was sieht der Kunstgeschichtler, wenn er die Augen aufschlägt? Er sieht die Kunst.“ So formulierte es Grützke in seinen „Sieben Pamphleten zur Abschaffung des Begriffs ‚Kunst'“ im Jahr 2000. Alles beruhe auf einem Missverständnis. Der Kunstgeschichtler glaube, auch der Künstler sähe die Kunst. Ein Irrtum. Der Begriff verwirre nur, weshalb er besser abzuschaffen sei. „Man kann ein Gemälde auch nur Gemälde nennen. Was das Wort ‚Kunst‘ bedeutet, hat man noch nie gewusst. Man wird es auch nicht herausfinden, erläutert Grützke beim säurearmen Kaffee im seinem lichtdurchfluteten Atelier unter den wachsamen Augen ausgestopfter Tiere. Sie sind Modelle für ihn, wenn er nicht sich selbst darstellt oder Frauen. Der Gebrauch des Wortes Kunst und seine Bedeutung wechselten dauernd. Es eigne sich zum Betrug.

Künstler seien von vornherein Betrüger. Sie stellten etwas dar. „Das sind ja nur Pinselstriche. Das ist also Suggestion“, erklärt der 75-Jährige im Beisein des Malers Christoph Haupt, mit dem er gerade das China-Buch „Bongs Stall“ schrieb. Koketterie? Mitnichten! Übertreibung? Wahrhaftigkeit! Er habe seine Einfälle an den Pinsel delegiert, müsse nichts mehr wissen. „Wir wissen nichts und müssen alles glauben“, zitiert er Wittgenstein. Grützke verwirrt gern. Klar. Doch ebenso gewiss ist, der Künstler ist ernst zu nehmen und amüsant. Der Wahnwitz hat bei Grützke Methode. Er zieht sich auch durch das Werk dieses spitzbübischen Hinterfragers und dialektischen Denkers – ein großartiges, umfangreiches Њuvre eines unterschätzten, weil schwer einzuordnenden Künstlers. Einen „deutschen Lucian Freud“ hat ihn seine Galeristin Karoline Müller genannt. Kunstkritiker Eduard Beaucamp sieht in seinen Bildern „einzigartige, freilich extravagante Beiträge zu einer Gesellschafts- und Sittengeschichte der Bundesrepublik.“

DominikBartmann_StadtmuseumBerlin_VGBildKunstBonn2012Grützke ist eben auch ein begnadeter Parodist. In seiner Heimatstadt wird dem 1937 geborenen Berliner, dessen Hauptwerk der 1991 vollendete Zug der Volksvertreter in der Frankfurter Paulskirche ist, nun endlich eine Museumsschau zuteil. Im Ephraim-Palais fächert Dominik Bartmann von der Grafik über die vom Hamburger Messegelände entfernten „Fünf nackten Männer“ bis zu neuen Gemälden ein furioses Grimassentheater auf. Präsentiert wird das Werk eines malenden, schreibenden und darstellenden Satirikers und Moralisten, der in Filmrollen auftrat, legendäre Bühnenbilder für Peter Zadek schuf, als „Erlebnisgeiger“ agierte und 1973 Mitbegründer der Schule der neuen Prächtigkeit war.

Bei Erwähnung seines „satirischen Blickes“ interveniert der Künstler: „Sie meinen meine Bilder, nicht die Malerei. Das ist ein Unterschied. Man kann über Inhalte sprechen, aber nicht über Malerei, weil diese selbst eine Sprache ist, die nicht übersetzbar ist.“ Malerei werde nur betrieben. „Malen ist Trieb und Drang“, sagt er, der sich gerne so unschuldig weiß kleidet wie die unberührte Leinwand, bevor der Maltrieb losbricht. Die Realität liefert ihm Anschauung ebenso wie die Historie. Gerade arbeitet er an einer lithografischen Jahresgabe für die von ihm mitbegründete Schadow Gesellschaft. Der Berliner Bildhauer und Grafiker Schadow scheint leibhaftig wiedergeboren auf dem ungeheuer prägnanten Blatt.

„Mir geht es nur um Wahrhaftigkeit. Wenn ich male, will ich etwas wissen und nichts verkünden. Ich will mich selbst überraschen. Man kann sich nichts ausdenken. Wer sich nicht von der Natur entzünden lässt, erfährt nichts. Er erfährt nur, was in seinem Hirn schon drin ist und da kommt dann ein ganz gewöhnliches Vorurteil raus.“ Ja, so weise wie er spricht kaum ein Maler-Kollege. Vielleicht ist das der Witz, dass die Wahrheit irritiert? „Die ganze Welt in meinem Spiegel“, verspricht die Schau. Sie stellt einen Meister der Überzeichnung vor, der einen rubenssatten Stil mit dix’scher Schärfe verbindet. In seinen Selbstbeschwörungen führt Grützke auf vergnügliche Weise vor Augen, dass die Welt-Komödie nichts anderes als Tragödie ist und umgekehrt.

Text: Andrea Hilgenstock

Fotos: Fotostudio Bartsch/ VG Bild Kunst Bonn2012; Dominik Bartmann Stadtmuseum Berlin / VG Bild Kunst Bonn2012


Johannes Grützke. Die Ganze Welt in meinem Spiegel Ephraim-Palais, Poststraße 16, Mitte, Di, Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr, 16.11.–17.2.2013

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