Ausstellungen

Judy Chicago über Kunst aus Los Angeles

Judy_Chicago_Press_spray_paints_The_Fall_Cartoon, www.judychicago.comFrau Chicago, wie war das Lebensgefühl in der Kunstszene Kaliforniens vor 50 Jahren?
Ich kam 1957 nach Los Angeles und fing an, Kunst an der UCLA zu studieren. Da ich aus einer Familie stamme, die an die Gleichberechtigung der Frauen glaubte, war es ein Schock, als ich dort die Geschlechterdiskriminierung zu spüren bekam. 1962 schloss ich in Malerei und Bildhauerei ab und stellte in der erblühenden, extrem machohaften Kunstszene von L.A. aus. Aber Sexismus war nicht nur dort verbreitet, sondern auch an der Uni. Mein Lehrer für Malerei hasste meine Vorstellungswelt und wies deren vorfeministische Formen zurück, indem er sie als Gebärmütter und Brüste beschrieb und als inakzeptabel abtat.

Die Kunst von der Westküste ist nicht so bekannt wie die von der Ostküste.
Nach fast fünf Jahrzehnten als Berufskünstlerin habe ich begriffen, dass die beste Kunst nicht immer dort entsteht, wo sich der größte Kunstapparat befindet. Das wird nirgendwo deutlicher als in der Spaltung zwischen der Ost- und Westküste Amerikas. New York, wo weiterhin der Mittelpunkt der amerikanischen Kunstwelt ist, tendiert dazu, sich auf seine eigene Kunst zu konzentrieren, selbst wenn es anderenorts bessere gibt. Das ist bei L.A. der Fall. Einige Leute meiner Generation sind so gut wie ihre Gegenstücke im Osten, haben aber dennoch nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die ihre Arbeit verdient. Das wird in der Ausstellung deutlich.

Es gab einen Bruch in ihrer Arbeit, wie kam es dazu??
Nach ungefähr zehn Jahren gab es einen radikalen Wandel als Ergebnis der Zurückweisung, die ich als weibliche Künstlerin erfuhr, der immer wieder eingetrichtert wurde, man könne nicht Frau und Künstlerin sein. Ich wollte endlich ernst genommen werden. So habe ich jeden Hinweis auf mein Geschlecht aus meiner Arbeit getilgt. Interessanterweise jedoch zeigt „Pacific Standard Time“, dass mein Geschlecht meine Kunst immer beeinflusst hat, auch wenn ich versucht habe, es auszublenden.

Haben Sie die Kunstentwicklung in Europa verfolgt?
In den 60er und 70er Jahren war L.A. noch keine internationale Kunsthauptstadt und weit weg von den Trends. Auch wenn ich ein Jahr in New York gelebt habe, so wusste ich doch nicht viel über Europas Kunst. Außerdem war ich zu sehr mit meinem bekanntesten Werk beschäftigt, der „Dinner Party“, eine Hommage an die Geschichte der Frauen, an der ich damals 17 Stunden täglich arbeitete. Ich war todtraurig über die männlich dominierte Kunst-Community und wollte einfach für mich und andere weibliche Künstlerinnen einen anderen Weg finden.

Fragen: Andrea Hilgenstock

Foto: www.judychicago.com

Pacific Standard Time. Kunst in Los Angeles 1950–1980 Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 15.3.–10.6. Artist Talk mit Judy Chicago: Do 15.3., 18 Uhr im Kinosaal Martin-Gropius-Bau, Eintritt frei

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