Ausstellungen

Juergen Teller Serie „Paradis“ in der Galerie Johann König

tellerDer letzte Besucher ist längst gegangen, das Licht aus, die Türen verriegelt. Zu hören ist nur der Hall der eigenen Schritte in den großen Sälen. Die Gemälde, Statuen und ausgestopften Tiere werfen unheimliche Schatten im Mondlicht, das spärlich durch die Fenster dringt. Leider bietet sich die Gelegenheit, eine Nacht in einem Museum zu verbringen, so gut wie nie.
Der Fotograf Juergen Teller hat es geschafft, er hat sich mit der britischen Schauspielerin Charlotte Rampling und dem brasilianischen Model Raquel Zimmermann im drittgrößten Museum der Welt, dem Louvre in Paris, einschließen lassen. Sechs Stunden lang, von 18 bis 24 Uhr, waren die drei ganz alleine in dem ehemaligen Königspalast. In dem über achthundert Jahre alten Gebäude hat Teller Nacktaufnahmen von den beiden Frauen gemacht.

Die eine, Charlotte Rampling, ist 64 Jahre alt. Neben Kate Moss und Kristen McMenamy zählt Teller sie zu seinen Musen. 2003 verbrachte er eine Woche mit ihr in einem Pariser Hotelzimmer und fotografierte sie und sich, meist spärlich bekleidet. Daraus ist die Fotoserie „Louis XV“ entstanden. Die andere, Raquel Zimmermann, ist 27 Jahre alt und gehört seit etwa zwei Jahren auch zum Kreis seiner Auserwählten. Sie posierte für ihn in seinem Elternhaus in Bubenreuth bei Erlangen: halbnackt im Wohnzimmer hängend, aufgebahrt wie eine Opfergabe auf dem Esstisch, in einer Werkstatt. Die Fotos erschienen im Frühjahr 2010 in dem Buch „Zimmermann“. Mit Bildern nackter oder halbnackter schöner Frauen, meist Models, in seltsamen, ja oft unvorteilhaften Posen ist der 46-jährige Fotograf berühmt geworden. Zu Beginn der 90er-Jahre begann Teller Backstage bei den Schauen von Helmut Lang zu fotografieren. Teller ist, neben Wolfgang Tillmans und Corinne Day, Mitbegründer, Vorreiter und Hauptvertreter des Stils, der sich Grunge nennt und vor 20 Jahren die Modefotografie radikal erneuerte.

tellerUrszene dieser Revolution in der Modewelt war 1990 Corinne Days Shooting mit der damals noch unbekannten 16-jährigen Kate Moss für das britische Magazin „The Face“. Man machte keine Aufnahmen mehr von perfekten, götterähnlichen Körpern, man wollte Fotos von ungeschminkten Models, mit hängenden Schultern und dunklen Augenringen, von Models, die sich lässig mit zerrissener Jeans und T-Shirt oder eben nackt auf einem Sofa oder im Bett fläzen. Plötzlich erinnerten die Fotos in teuren Hochglanzmagazinen an private Schnappschüsse. Schon bald wurden sie als Kunst bezeichnet und wanderten in Museen und Galerien. Das gilt auch für Juergen Tellers Bilderserie „Paradis“ im Louvre. Gemacht hat er die Fotos für ein Magazin, für das gleichnamige französische Erotikmagazin. Während der Fashionweek 2009 in New York war „Paradis“ in der Lehmann Maupin Gallery zu sehen, jetzt im Januar ist sie in der Berliner Galerie Johann König ausgestellt. Wie Teller in einem Interview erzählte, hatte der Artdirector Thomas Lenthal, ein Freund von ihm, angerufen und gefragt, ob er Nacktfotos im Louvre machen wolle. Teller fand den Vorschlag so abwegig, dass er auflegte. Ein paar Tage später rief Lenthal wieder an, Teller sagte zu. „Auf dem Weg nach Paris konnte ich mir immer noch nicht vorstellen, dass das klappt“, sagte Teller in demselben Interview. Doch es klappte. Man schaltete sogar die Überwachungskameras für ihn aus.

Tellers Nacktaufnahmen im Louvre wirken wie ein Überbleibsel aus den 90er-Jahren, als versuchten sie, die damalige Radikalität zu konservieren. Seine ehemals revolutionäre Schnappschussästhetik ist mittlerweile in jedem sozialen Netzwerk zu sehen. Auf Facebook, Myspace und Co. rühmen sich die Leute mit Bildern, auf denen sie so blöd wie möglich rüberkommen. Statt von Grunge spricht man heute von Street Style und den findet man in jedem Modeblog. Mit erhobenem Kopf, abwesend in die Ferne schauend, den Rücken gestrafft, jeden Muskel angespannt, so stehen Charlotte Rampling und Raquel Zimmermann zwischen den griechischen Götterstatuen. Sie lehnen an der Absperrung vor Leonardo da Vincis Mona Lisa, sie ruhen sich auf den Sesseln inmitten von Büsten und Gemälden aus. Die beiden Frauen scheinen zwischen all den toten Exponaten selbst zur Skulptur, zu einem Teil des Museums geworden zu sein. Und das, obwohl sie in ihrer Nacktheit und Natürlichkeit eigentlich ein krasser Gegensatz zur verstaubten, grauen Welt des Louvre sein müssten. Mit Mode haben diese Fotos nichts mehr zu tun. Im Vordergrund steht die Inszenierung der Körper in einem Raum, der normalerweise weder nackt noch nachts zugänglich ist. Das macht die Aufnahmen zu besonderen Bildern. Mit der Serie „Paradis“ hat Juergen Teller die Revolution der Modefotografie ins Museum verfrachtet. „Paradis“ kann als Schlusspunkt einer Bewegung gelesen werden, die erstarrt zwischen anderen, antiken Kunstgegenständen den neugierigen Blicken der Besucher ausgesetzt ist.

Text: Katharina Wagner

Juergen Teller: Paradis
Galerie Johann König, Dessauer Straße 6, Kreuzberg, Di-Sa 11-18 Uhr, ab 15.1.

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