Konzeptkunst

Julian Charrière in der Berlinischen Galerie

Radioaktive Kokosnüsse: Julian Charrière entwickelt sich zu einem der wichtigsten Künstler seiner Generation. Sein ­Thema: Was es bedeutet, wenn Menschen ihre Zerstörungskraft gegen die Natur richten. Seine neue Arbeit führt zum atomar verseuchten Bikini-Atoll

Foto: Julian Charrière

Der Bikini hat seinen Namen von einem Ort, der sich in das Menschheitsgedächtnis eingebrannt hat: das Bikini-Atoll. Diese Inselgruppe im Pazifik wurde von den USA im Kalten Krieg zum Test von Atomwaffen genutzt, nachdem die Bevölkerung evakuiert wurde. Freiwillig, wie es offiziell heißt, woran man durchaus Zweifel haben darf. Die Bilder dieser Tests jedenfalls sind ikonografische Dokumente der von Menschen entfesselten Zerstörungskraft, und das Bikini-Atoll heute sogar UNESCO-Welterbe, wenn auch eines, dass so gut wie nie besucht wird. Am Ende sind diese Inseln beinahe Nicht-Orte, die im kollektiven Bewusstsein fast nur durch Bilder existieren.

Julian Charrière, der diesjährige Preisträger des GASAG Kunstpreises, hat während seiner insgesamt drei Jahre währenden Recherche zu atomar verseuchten Orten auf der Welt auch dieses entlegene Atoll im Pazifik aufgesucht. Die zur Art Week eröffnende Ausstellung „As We Used To Float“ in der Berlinischen Galerie zeigt Werke, die durch den Aufenthalt dort entstanden sind. Dabei geht Charrière ähnlich vor wie bei früheren Arbeiten, bei denen das körperliche Sich-Aussetzen einer Situation oder eines Ortes häufig eine wichtige Rolle spielt. Dazu gehören hier vor allem Videoarbeiten von Tauchgängen im Atoll, bei denen nicht nur die Unterwasserwelt eingefangen wurde, sondern auch die zerstörten Schiffe am Meeresgrund, die während der Atombombentests versenkt wurden, und die wie stille Zeugen und Ready-Mades vom Auge der Kamera eingefangen werden.

Ein anderer Teil der Ausstellung sind zum Beispiel skulpturale Installationen, wie die mit Blei ummantelten, leicht radioaktiven Kokosnüsse, die der Künstler von seiner Reise mitgebracht hat. Auch Fotografien sind von der Insel zu sehen, unter anderem mit dem Motiv Palmenstrand plus Sonnenuntergang, dem Sehnsuchtsmotiv überhaupt, und eine Chiffre für das „naturbelassene“ Leben in der Südsee seit Gauguin – auch wenn dies schon zu dessen Zeit vor allem eine romantische Überhöhung durch den europäischen Betrachter war. Weiße Stellen auf den fotografischen Arbeiten entstanden durch das Bestreuen dieser mit Atoll-Sand während des Belichtungsprozesses.

Es verwundert kaum, dass Charrières Arbeiten durch seine Beschäftigung mit dem Einfluss des Menschen auf die Umwelt und die Natur häufig mit Labels wie „Öko“ versehen oder mit der Idee des Anthropozän gleichgesetzt werden. Natürlich sind diese Beschreibungen nicht gänzlich falsch, aber die Intention und das Interesse des Künstlers stellt sich doch etwas differenzierter und komplexer dar: „In meinen Recherchen beschäftige ich mich mit Prozessen“, sagt Charrière in seinem gerade neu aufgebauten Lager mit Büro gegenüber seines alten Studios, in dem er nach wie vor gemeinsam mit anderen Absoventen des Raumlabors von Olafur Eliasson arbeitet. „Dabei spielen für mich auch immer Begrifflichkeiten und Sprache eine große Rolle, da wir Natur immer noch mit aus der Romantik stammenden Begriffen und Instrumenten beschreiben.“

Foto: Julian Charrière / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Ein weiterer zentraler Punkt seiner Arbeiten ist das Verhältnis von Mensch, Körper und Maschine. In den gezeigten Arbeiten der Ausstellung „As We Used To Float“ wird das durch die für das Filmen unter Wasser genutzten Taucherausrüstungen vertreten. Wie man die Arbeiten und Themen Charrières am Ende auch für sich bewerten will, zentral erscheint ihre Relevanz – und das ganz ohne dozierend oder unsinnlich zu sein.

Wer mag, der kann am Abend (oder eher in der Nacht) des 26. September im Berghain auch noch Charrières Videoarbeit „An Invitation to Disappear“ sehen, die von einem Live-Set des Musikers Inland begleitet wird. Die von beiden Künstlern gemeinsam entwickelte audiovisuelle Arbeit zeigt zur Musik Inlands eine Bilderfahrt durch eine menschenleere Palmölplantage, die so in den Ort eines Raves transformiert zu werden scheint. Ursprünglich für eine Ausstellung in der Kunsthalle Mainz entstanden, wird die Arbeit in Berlin nur an diesem einem Abend zu sehen sein. Auf der Tanzfläche natürlich, und nicht in der sonst manchmal für Kunst genutzten Halle.

Julian Charrière: As We Used To Float in der Berlinischen Galerie, Alte-Jakobstraße 124–128,  Kreuzberg, bis 8.4. 2019

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