Ausstellungen

Julian Rosefeldts „Manifesto“ im Hamburger ­Bahnhof

Julian Rosefeldts

Auf seiner Internetseite ist das Jahr weit fortgeschritten. „Manifesto“, das jüngste Videowerk von Julian Rosefeldt, wird allein 2016 vier Mal zu sehen sein, und der Künstler erwähnt bereits alle Stationen von der aktuellen Berliner Ausstellung im Hamburger Bahnhof bis zur Ruhrtriennale im  August. Dabei sorgt die Arbeit schon jetzt für  große Aufmerksamkeit. Was ein bisschen mit ihren radikalen Inhalten zu tun hat, und ganz viel mit der Schauspielerin Cate Blanchett.
Zwölf weibliche Rollen hält „Manifesto“ bereit. Blanchett verkörpert sie alle: die Obdachlose, die Nachrichtensprecherin, die Puppenspielerin, die Choreografin. Sie trägt ein knallblaues Kostüm und Hipster-Brille, divers­e Strickmützen, Tattoo oder Bart. Manche ihrer Texte muss die australische Schauspielerin singen, andere mit schottischem oder amerikanischem Akzent sprechen. Stets agiert Blanchett so souverän, dass die filmische Installation ein Stück weit zu ihrer Performance geworden ist. Auch deshalb entwickelt der Hype um „Manifesto“ immer mehr Tempo.
Dem Künstler ist das inzwischen unheimlich: Rosefeldt gibt niemanden mehr Interviews, der sich seine Arbeit nicht zuvor angeschaut hat. Leeres Reden war noch nie seine Sache. Der ehemalige Architekturstudent liebt die Reflexion, eine perfekte filmische Inszenierung und subtile Ironie, wenn in filmischen Werken wie „Lonley Planet“ (2006) oder „My home is a dark and cloud-hung land“ (2011) stereotype Vorstellungen erst bedient und anschließend zerlegt werden. Darin geht es um Backpacker, die durch die Wüste streifen, um in einer Bollywood-Romanze zu landen. Oder um den romantisch überhöhten deutschen Wald, in dem Maschinennebel aufsteigt und Märchenfiguren Theater spielen.    
Diesmal widmet sich der 1965 in München Geborene historischen Manifesten von Künstlern, Architekten, Filmemachern. Es sind Notate junger, zorniger Generationen, die mit der Gegenwart aufräumen wollen. Am liebsten gründlich und sofort, wie Filippo Tommaso Marinetti, dessen „Manifest des Futurismus“ 1909 erschien. Der italienische Literat wollte Bibliotheken verbrennen und  Museen ertränken. Eine Vision, die Marinetti später bei den Faschisten am besten aufgehoben sah.
Manifeste sind ebenso schillernde wie explosive Produkte. Rosefeldt holt sich mit Zitaten aus dem „Kommunistischen Manifest“,  der Dada-Manifestation von Tristan Tzara und dem dänischen „Dogma 95“ intellektuellen Zündstoff in seine Installation.
Am Anfang brennt eine Lunte, später sieht man Cate Blanchett auf zwölf Projektionsflächen parallel agieren. Was sie in diversen ­Lebenslagen zitiert, ist zwar original, aber gekürzt und collagiert. Es passt auch nicht zur Situation. Ein klassischer Fall von Verfremdung im artifiziellen Setting, das Raum zur Analyse schaffen soll, statt wie Hollywood überwiegend zu betäuben. Rosefeldt mit seinem Hang zur ästhetischen Perfektion und Präzision ist nah am Überwältigungskino, nutzt die Mittel jedoch ganz anders. Am Ende steht der kritische Blick.
Der Künstler prüft, ob der Hauch vergangener  Anarchie und Provokation auch die Gegenwart bewegen kann. Seine Sympathien liegen offen. Dennoch führt er im selben  Moment vor, wie erstarrt floskelhaft ein Manifest sein kann. Das muss man in dieser Gleichzeitigkeit erst mal schaffen.

Text: Christiane Meixner

Foto:
Till R. D. Cremer

Hamburger Bahnhof
Invalidenstr. 50–51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do bis 20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, bis 10.7.

Mehr über Cookies erfahren