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„Käthe Augenstein 1899-1981“ im Verborgenen Museum

augenstein_selbstportrait_c1928_c_StadtarchivUndStadthistorischeBibliothekBonnKonzentriert tippt ein Bonner Medizinstudent im existentialistischen schwarzen Rolli an seiner Examensarbeit. An der Wand hat er Hirnwindungen und Hüftgelenke aufgezeichnet. Dramatisch wird sein Gesicht vom Schein einer Handlampe gestreift. Die Fotografin Käthe Augenstein hat hier eine schwierige Lichtsituation bewältigt, die Aufnahme gehört zu ihrer Bildreportage über die Bewohner des legendären wie fensterlosen Bonner Studentenbunkers. Entstanden sind die Fotos im Sommer 1949, als die beschauliche Stadt am Rhein zur Bundeshauptstadt aufstieg. Augenstein war in ihrem Element, hatte die 1901 in Bonn Geborene doch ihre Karriere als einzige Frau in der renommierten Berliner Fotoagentur “Depho“ begonnen. Niemals zuvor und nie wieder gab es eine derartige Pressekonzentration wie im Berlin der 1920er-Jahre. In dieser Zeit bildeten sich mit der Fotoreportage und dem Foto-Essay grundlegende Formen des Bildjournalismus heraus, an deren Erfolg Augenstein entschiedenen Anteil hatte. So gelingt der Künstlerin, die ihr Handwerk im Lette-Verein erlernte, im Jahre 1933 die faszinierende Reportage „Die Altersschönheit des Genialen Menschen. Besuch bei Max Liebermann.“ Überhaupt ist die Kunst des Porträts ihre Spezialität. Wunderbar ist ihr Fokus dabei, etwa wenn sie die markante Physiognomie von Otto Dix raffiniert aus der schwarzen Bild-ecke herauswachsen lässt.

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Augensteins emphatisches Wesen wie auch ihre lebenslange Auseinandersetzung mit der Psychologie waren neben einem untrüglichen Blick die Voraussetzungen für ihre Aufnahmen von Größen wie Max Planck, Gustav Kiepenheuer oder Thomas Mann. Großen Wert legt sie auf die Erfassung der Augen. „Mit der Leica in der Hand schaffe ich Erinnerungen für die Zeit, wenn diese verklungen“, resümierte sie.  Augensteins Bandbreite ist enorm: Von 1937 bis 1945 engagiert sie sich in der Theater-, Architektur- und Werbefotografie. Nachdem ihr Haus in Wilmersdorf in den letzten Kriegstagen verbrennt, kehrt sie in ihre Heimatstadt Bonn zurück. Mit ihren Bildnissen der Gründungsväter und -mütter zeigt sich die Fotografin in ihrer Höchstform: Eindringlich fängt sie im Falle von Helene Weber, die bereits in der Weimarer Republik als Abgeordnete aktiv war, die Spuren eines langen Lebens ein und verleiht ihr eine ungemeine Würde. Dennoch kann sie nicht an die Erfolge ihrer Berliner Jahre anknüpfen. Sie zaudert, das Bundesdorf zu verlassen, bleibt aber letztlich doch: “Diese Stadt ist mir oft wie ein Albdruck. Man sollte nicht in seine Heimatstadt zurückgehen“.   

Text: Martina Jammers

Foto: Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn

„Käthe Augenstein 1899-1981“ Verborgenes Museum, Schlüterstraße 70, Charlottenburg, Do–Fr 15–19, Sa+So 12–16 Uhr, bis 9.2.2014

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