Ausstellungen

„Kompass. Zeichnungen aus dem MoMA“ im Martin Gropius Bau

Marcel OdenbachDie Zeichen stehen derzeit auf „Zeichnung“. Und dies keineswegs nur in Berlin, wo parallel Else Lasker-Schülers Orientphantasien, Lyonel Feiningers Bauhaus- und Exilgraphiken und nun im Gropiusbau auch noch eine Überblicksschau zur aktuellen Kunst mit Griffel oder Kreide geboten werden. „Kompass“ ist der clever gewählte Titel der Schau, steckt sie doch das Terrain ab und misst die Art und Weise aus, was gegenwärtig unter „Zeichnungen“ zu fassen ist. Da gibt es die winzig kleine „Fliege“ des US-Amerikaners ebenso wie Anger Fairhusts 3,35 Meter hohe Plakattafeln. Wir sehen neben Unbekannten auch zahlreiche alte Bekannte wie Paul McCarthy, Per Kirkeby, Baselitz, Jörg Immendorff, Martin Kippenberger und Neo Rauch. Sie gehören zu einem fulminanten Schatz des New Yorker MoMA: Die Judith Rothschild Foundation Contemporary Drawings Collection hat 2500 Werke auf Papier von über 650 Künstlern gesammelt. In Berlin sind davon jetzt rund zehn Prozent zu studieren. Rothschild (1922–93) war eine vor allem in den USA bekannte amerikanische Malerin, die sich zeitlebens für die Arbeit in Kooperativen interessierte und Kollegen unterstützte. Die Aufgabe ihrer Stiftung ist es, amerikanische Künstlerinnen und Künstler zu fördern, deren Werke zwar herausragend sind, die aber bislang noch nicht genügend gewürdigt wurden.
Harvey S. Shipley Miller, Trustee der Stiftung, ist der geistige Vater der Sammlung. Im Jahre 2003 begann er damit, die gehaltvolle Kollektion aufzubauen. Dabei ging er keineswegs enzyklopädisch vor, vielmehr war sein Ansinnen, „einen Querschnitt zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt“ vorzulegen.

Zwei Jahre lang sichtete Miller gemeinsam mit Gary Garrels, damals MoMA-Kurator, sowie mit dessen Kollegen Andrй Schlechtriem Galerien, Sammlungen und Künstlerschubladen. Von Anfang an war klar, sich auf solche Orte zu konzentrieren, wo das Kunstschaffen damals besonders fruchtbar war, nämlich auf New York, Los Angeles, London, Glasgow und natürlich Berlin – neben Köln und Düsseldorf als historisch bedeutsamen Zentren. So re­sümiert es Christian Rattemeyer, der die „Kompass“-Schau kuratiert hat. Dem Anspruch, einen breitestmöglichen Überblick über die Kunst der Zeichnung zu gewähren, ist die Sammlung gerecht geworden. Die verwendeten Materialien reichen vom Klassischen wie Graphit, Bleistift, Aquarell, Gouache, Ölfarbe bis zu einem weiten Spektrum von Assemblage, Collage. Ja, sogar Erde, Pflanzenextrakte, Ruß, Nahrungs­mittel und Tierexkremente werden verwendet. Es gibt scheinbar spontan Hingekritzeltes, das keinen großen Anspruch auf Vollendung erhebt, ebenso wie mit größtem technischen Aufwand Produziertes. Besonders die jüngeren Objekte benutzen Papier nicht bloß als Untergrund, sondern als Material und Quelle. Diskrete Gesten wie die Einbettung selektiver Kunststücke, die schon die Kubisten und Dadaisten eingeführt hatten, entfalten jetzt eine völlig neue Dynamik.

Franz_WestDass „Zeichnung“ landläufig bloß als etwas Vorläufiges, Nicht-Fertiges gilt, widerlegt die Ausstellung aufs Lebendigste. Man muss sich nur an die Wertschätzung erinnern, die das Medium in der Renaissance erfuhr. Zu Dürers und Michelangelos Zeiten war das „disegno“ der geistige Abdruck der „prima idea“ schlechthin, Inbegriff des „göttlichen Funkens“. Nachdem es in der Nachkriegszeit eher still wurde um das einst gepriesene Genre, registrieren die New Yorker Kuratoren in den beiden letzten Jahrzehnten ein Comeback der Zeichnung — parallel zur Rückkehr des Narrativen und Gegenständlichen. Miller erklärt dies damit, dass die heutigen Künstler nicht mehr auf Malerei oder Bildhauerei festgelegt sind, sondern zwischen verschiedenen Medien jonglieren. Für einige wie Raymond Pettibon oder Mike Kelley avancierte die Zeichnung gar zum Hauptmedium.
Paul McCarthy collagiert in seinem vier Meter hohen „Penis Hat“ eine Art Störtebeker, aus dessen Nasenpenis Kanonenkugeln he­rausstoßen. Thomas Hirschhorn insistiert mit seiner Serie „Provide Ruins“ auf dem mora­lischen Wert der Collage – in der Nachfolge ei­nes John Heartfield oder einer Hannah Höch. Er kombiniert Bilder von Trümmern aus dem Irak mit Körperteilen aus Pornozeitschriften und eigenen obsessiven Übermalungen. John Currins „Luftgitarre“ mutet an wie Baldung Grien reloaded: Sein Hutzelweiblein kann es in seiner perfekten Technik mit Weißhöhungen und feinsten Schraffen locker aufnehmen mit den Wetterhexen des Renaissance-Kollegen.

Wie bei einem Dominospiel arbeitete der Radarschirm der fleißigen Sammler. Miller räumt ein, dass er zunächst Schwierigkeiten damit hatte, Beuys zu verstehen, der mit seiner „Puppe“ (1960) vertreten ist. „Also hatte ich Fragen. Der Galerist Michael Werner half  mir dabei sehr, und von ihm erfuhr ich auch mehr über Immendorff, Kirkeby, Baselitz und ­so weiter.“ So war Miller die Bedeutung von Sigmar Polke gar nicht bewusst, der eine Reihe von Künstlern stark beeinflusst hat. Bis dato befanden sich im MoMA lediglich einige Polke-Werke aus den 60er-Jahren, die nun durch etliche Ankäufe „frisch aus dem Atelier“ ergänzt werden konnten. Ebenso begeisterte sich Miller durch einen gezielten Galeriebesuch für zwei Künstler, die damals dort gerade ausstellten: Hanne Darboven und Blinky Palermo. Den Sammlern war stets klar, dass sie nicht immer die richtige Entscheidung fällen würden. Ihre Skrupel verloren sie aber in dem Moment, als sie festlegten, die Sammlung später einem Museum zu unterbreiten, ohne jegliche Auflagen. „Wenn das Museum im Laufe der Zeit wieder etwas davon verkaufen will, dann soll die nächste Generation darüber entscheiden.“ Zunächst war das Projekt nur auf ein Jahr angelegt, wurde dann aber um ein zweites Sammeljahr verlängert – gibt also den Stand 2003 bis 2005 wieder.

Ein Drittel der graphischen Werke stammen aus der Gegenwart. Miller legte aber auch Wert darauf, dass es ein paar Vertreter der älteren Generation geben müsse, „ohne die man keine Ausstellung von Zeichnungen machen kann, wenn diese Maßstäbe setzen soll, die Meister des Mediums.“ Cy Twombly gehörte unbedingt dazu. Und als sich abzeichnete, dass zahlreiche deutsche Zeichner vertreten sein würden, durfte ein wichtiger Künstler nicht fehlen, dem selbst seine Gegner attestieren müssen, dass er fantastisch zeichnen konnte: „Beuys lauerte überall“, sagt der Kurator und lacht. Es ergeben sich ungeahnte Wahlverwandtschaften. So scheint der Titel „Absolute Power“ der Britin Eva Rothschild ihr Sujet Lügen zu strafen, erblicken wir doch eine kostbar gewebte Clutch mit stilisierten Blüten, von der elegante Fransen herunter perlen – alles aus Papier freilich. Gigantisch ist auch das Format von über drei Metern Höhe. Sherrie Levine haucht mit „President Collage: I“ einer alten Technik neues Leben ein: Die Arbeit zeigt die Umrisse George Washingtons auf weißem Papier, ausgeschnitten aus einer Modezeitschrift. Die Silhouette steht in Kontrast zu dem eigentlichen Motiv. Verführerisch blickt den Betrachter eine fesche Frau aus dem Kopf Washingtons an. Neben dem Witz besticht die Ökonomie von Levines Mitteln.

Text: Martina Jammers

Foto: Marcel_Odenbach / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn 2011 / MoMa N.Y.2007 (oben); Franz West MoMa N.Y.2008 (Mitte)

 

Kompass. Zeichnungen aus dem MoMAMartin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–20 Uhr, 11.3.–29.5.2011

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