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„Kosmos Farbe. Itten – Klee“ im Martin-Gropius-Bau

Privatbesitz Schweiz, Depositum im Zentrum Paul Klee, BernDie Floristin in meinem Heimatdorf im Rheinland band die Blumen „nach Ittens Farbenkreis“. Dies war meine erste Berührung mit dem im Berner Oberland geborenen Künstler, der den meisten wohl durch seine Vorkurse am Bauhaus bekannt ist, verpflichtend für alle Studierenden in Weimar. Solch ein Vorkurs diente zur Klärung der Begabungen, der allgemeinen Gestaltungslehre, Form- und Farblehre, umfasste zudem Analysekurse. Aufgrund der Persönlichkeit Johannes Ittens und der Koppelung von Handwerk und Kunst war seine Lehre etwas ganz Besonderes. Der Ironiker Klee erlebte ihn in dessen Vorunterrichts­klasse als „halb Schulmeister, halb Pfarrer“. Kein Wunder, dass Itten sein Atelier ins Weimarer Tempelherrenhaus verlegte. Ab November 1919 leitete Itten überdies den Kurs „Analyse alter Meister“: Die Studenten hatten die Aufgabe, das gesehene Kunstwerk in der eigenen Bildsprache zu reproduzieren. Inspiriert wurde er dazu von seinem Stuttgarter Lehrer Adolf Hölzel, einem frühen Protagonisten der Abstraktion. Genau dieser Hang zum frei flottierenden Denken, zum Mut, zu eigenständigen Lösungen zu kommen, führte zum Dissens mit Walter Gropius. Während dieser die Notwendigkeit der Auftragsarbeit betonte, lehnte Itten das Postulat der Ausbildung an praktischen Aufgaben ab.

Nun werden Paul Klee und Itten nach der Debüt-Station der Ausstellung „Kosmos Farbe“ in Bern erstmals gemeinsam im Gropius-Bau präsentiert. Zunächst erscheinen sie wie zwei ziemlich verschiedene Geister. Da sehen wir den verspielten Klee mit seinen oft spöttelnden Zeichnungen und poetischen Titeln auf geheimnisvoll gefärbtem Rupfengras in zumeist kleinen Formaten. Und daneben den Hohepriester Itten mit eher lapidaren Titeln wie „Tiefenstufen“ oder „Begegnung“, erstaunlich großen Leinwänden und streng durchkomponierten Werken mit farbiger Strahlkraft. Die Lebenswege der beiden kreuzten sich mehrfach. So lernte der 18-jährige Itten Klees Vater als Musiklehrer kennen, der 15-jährige Klee-Sohn Felix nimmt als jüngster Studierender an Ittens Vorkurs teil. Bevor Itten seine Stellung am Bauhaus antritt, besucht er Klee in München und ein Jahr später schlägt er diesen als Lehrer in Weimar vor. Itten galt dort als markante Erscheinung: kahl geschoren und der Mazdaznan-Bewegung angehörend – einer spirituellen Logenverbindung, die strengen Regeln folgt, von der vegetarischen Ernährung mit teils martialischen Entschlackungsmethoden über Atemgymnastik bis hin zur Verehrung Zarathustras.

Kunstmuseum Bern, Stiftung Othmar Huber, Bern, Schenkung Helga und Rolf Marti, WabernDiese esoterische Schlagseite kollidierte empfindlich mit der Rationalität des Bauhaus-Chefs Gropius. Itten ging so weit, seine Lehren in den Unterricht einzubauen. Indische Pluderhosen mit breitem Bund und kurz geschnittene Haare galten bald als offizieller Bauhaus-Habitus. Als es zum Eklat mit dem Direktor kommt, verlässt Itten im März 1922 Weimar. Dabei hatte Gropius Itten gleich im Gründungsjahr 1919 als Lehrer in die frisch gegründete Schule geholt, auf Anraten seiner Frau Alma Mahler.
Nach dem Ausscheiden aus dem Bauhaus führte Itten in Berlin durchaus erfolgreiche Privatschulen, die seine ästhetischen Vorstellungen fortsetzten: zunächst am Nollendorfplatz, dann in der Potsdamer Straße 75 und zuletzt in der Konstanzer Straße in Wilmersdorf. 1932 engagiert er sogar einen Japaner, östliche Tuschpinseltechniken in seiner Schule zu lehren – mit dem nachhaltigen Effekt, dass Itten nirgendwo auf der Welt so geschätzt wird wie in Japan. Und zu seiner Aufgeschlossenheit passt, dass die Stadt Zürich ihm 1949 den Auftrag erteilt, das Museum Rietberg für außereuropäische Kunst aufzubauen, das er bis 1956 leitete.

Was die beiden Berner Künstler außer der Bauhaus-Episode einte, deren Schnittmenge allerdings nur zwei Jahre betrug, war ihre intensive Beschäftigung mit der Farbe. Sie haben sich beide unabhängig voneinander tief versenkt in Goethes Farbenlehre und waren fasziniert von der Farbkugel des Romantikers Philipp Otto Runge. Klees emphatische Notiz während seiner Tunis-Reise 1914 „Die Farbe hat mich“ muss allerdings rückblickend als spätere Einfügung während einer weitreichenden Tagebuchredaktion im Jahre 1921 gelten. „Klees Absicht, seine künstlerische Entwicklung autobiografisch zu begründen und teleologisch vorzudatieren, wurde bislang unspezifisch auf die strategische Abgrenzung zu van Doesburg, Schlemmer oder Kandinsky hin betrachtet“, sagt Kurator und Bauhaus-Spezialist Christoph Wagner. Was bislang bei beiden als parallel laufende künstlerische Entwicklung verstanden wurde, muss revidiert werden: erst Itten, dann Klee. Lange bevor sich Klee am Bauhaus der Systematik der Farben zuwandte, hatte Itten von Hölzel ausgehend längst für sich dieses Feld erschlossen.

Ittens bekanntestes Werk ist seine „Farbenkugel“ – eine Inkunabel der Farbordnungssysteme des 20. Jahrhunderts. In der Schweiz erlernt sie jedes Schulkind im Kunstunterricht. Noch spektakulärer erscheint heute sein „Turm des Feuers“ von 1920: ein fast vier Meter hohes Gebilde von der Grundform einer umgedrehten Schultüte, in dem verschiedenfarbige Bleiglas-Segmente nach strengen Gesetzen nach oben wendeln. Itten war davon überzeugt, dass das „optisch-physische Erlebnis der Farben keineswegs bei allen Menschen gleich sei und unterschied zwischen „blauen und gelben und roten Menschen“, die in einem „Empfindungsband“ subjektiver Farben ausgedrückt werden. Klee hat zu seiner Farblehre entscheidende Impulse aus Ittens farbtheoretischen Versuchen empfangen: So spielt auch in Klees Farbkosmos der Graupunkt den Nukleus einer „Farbkugel“, die an ihren Polen von Weiß nach Schwarz, im Äquatorbereich von der Skala der Buntfarben und im Übrigen von den mannigfaltigen Mischungen dieser Töne besetzt ist. Ittens Farbenlehre fand sogar ihren Niederschlag in der Typberatung. „Color Me Beautiful“ leitet sich maßgeblich von Ittens Theorien ab. Sind Sie ein Sommer- oder Wintertyp? So kam Itten, dem das Ausrichten an praktischen Aufgaben ein Gräuel war, in der Alltagskultur an. Und bei meiner Dorffloristin.

Text: Martina Jammers

Fotos: Privatbesitz Schweiz, Depositum im Zentrum Paul Klee, Bern (oben);Kunstmuseum Bern, Stiftung Othmar Huber, Bern, Schenkung Helga und Rolf Marti, Wabern (Mitte)

Kosmos Farbe. Itten – Klee Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr, 25.4.–29.7.

 

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