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„Krise und Experiment“ im Ephraim-Palais

kleist_ephraim-palastDie preußischblaue Uniform eines Halbwüchsigen wird flankiert durch Filmaufnahmen von Kindersoldaten heute im Sudan. Wie ein Riesenmikado illustrieren Dolche und Säbel die Niederlage Preußens 1806 bei Jena/Auerstedt. Eine Stellage von dröge vor sich hin dümpelnden Akten repräsentiert Heinrich von Kleists Zeit als Beamtenanwärter in Königsberg. Diese Starre und Kleingeisterei widersprach seinem beweglichen Geist, der vom Gelehrten bis zum Möchtegernbauern im schweizerischen Thun oder schwulen Geliebten in alle erdenklichen Rollen schlüpfte. Deutschland empfand der Dichter als bewegungsarmen Wartesaal. Letztlich wählte er vor 200 Jahren mit der Freundin Henriette Vogel den Freitod am Kleinen Wannsee.

An das Genie erinnert nun auf plastische Weise eine Doppelausstellung im Berliner Ephraim-Palais und Kleist-Museum seiner Geburtsstadt Frankfurt/Oder. Das Dilemma besteht darin, dass Kleist außer seinem in der Staatsbibliothek befindlichen Miniaturporträt sowie einer Tasse, die er seiner Verlobten Wilhelmine von Zenge gab, nichts hinterlassen hat. Selbst seine Manuskripte und hinreißenden Briefschaften lagern seit Kriegsende in Krakau, wiewohl sie der Stabi gehören.

Die Ausstellungsmacher machen aus dieser Misere eine Tugend und setzen auf die Vielschichtigkeit der schwer fassbaren Persönlichkeit. Selbst Kennern eröffnen sie neue Erkenntnisse. So ersann Kleist ein hydrostatisches Tauchboot, suchte „mit Maschinen ein Loch durch die Erde bis zu den Gegenfüßlern“ in Australien zu graben und schlug um 1800 eine artilleristische „Wurf- oder Bombenpost“ zur raschen Nachrichtenübermittlung vor. Seine acht Novellen mit ihrer kunstvollen Armada von Kommata beginnen stets mit einer Katastrophe – und weisen ihn aus als Krisenspezialisten, ob es um die Vergewaltigung während einer Ohnmacht geht („Marquise von O.“) oder um einen potenziellen Selbstmörder, den ein Erdrütteln davor bewahrt, Hand anzulegen („Das Erdbeben in Chili“). Manche Inszenierungen in der Schau befremden wie die grauen Designerroben zu „Penthesilea“. Und die Kleist-Zitate geraten permanent in Konflikt mit den akustischen Einspeisungen. Dennoch gelingt es mit unkonventionellen Bebilderungen und klug gewählten Passagen, die Lust auf eine Relektüre des Dichters zu befeuern.

Text: Martina Jammers

tip-Bewertung: Sehenswert

Kleist: Krise und Experiment Ephraim-Palais, bis 29.1.2012

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